Liverpools Divock Origi feiert mit Vereinskollegen Xherdan Shaqiri das 4:0 gegen Barcelona. Foto: Paul ELLIS/AFP
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Liverpool gewinnt mit archaischer Gewalt Geiles Spiel, gekrönt von einem unvorstellbaren Tor

Mit dem sensationellen Sieg hat Liverpool etwas geschafft, das mit Logik kaum zu erklären ist: Die Ehrenrettung im Wettstreit der Millionäre. Ein Kommentar.

Zweifelt irgendjemand daran, ernsthaft, dass Fußball das geilste Spiel der Welt ist? Ja, das ist eine verruchte Formulierung, Jürgen Klopp hat sie salonfähig gemacht und einem Milieu entlehnt, das früher einmal Gosse hieß. Aber wie sonst soll man denn diesen Auftritt des FC Liverpool nennen, diese archaische Gewalt, die den FC Barcelona gedemütigt zurück nach Katalonien schickte? Schön, einmalig, super großartig? Nein, trifft es alles nicht. Liverpool 4, Barça 0 – da darf sich auch ein dem Bildungsbürgertum und der Seriosität verpflichtetes Medium dieser drastischen Ausdrucksweise bedienen.

Das war ein geiles Spiel, gekrönt von einem Tor, wie es eigentlich unvorstellbar ist in einer Welt der automatisierten Perfektion. Die Fußballwelt erlebte am Dienstag nicht weniger als eine Ehrenrettung für den in Verruf geratenen Wettstreit der Millionäre, der sich mit jeder Woche ein bisschen weiter von der Basis entfernt. Und diese Basis am Dienstag im Sturm zurück erobert hat. Unvergesslich für jeden, der dabei war, ob nun live an der Anfield Road oder beim Bier in der Stammkneipe.

Der Fußball lebt. Trotz der Verbrechen, die eine geldgierige Hochfinanz an ihm begeht, vor allem in der Champions League, dem Wettbewerb der Schönen und Reichen, die so gern unter sich sein wollen und es zumeist auch sind. In diesem Jahr ist alles ein bisschen anders.

Eine Kindermannschaft namens Ajax Amsterdam mischt das Establishment auf und war mit ihren Auftritten gegen Real Madrid und Juventus Turin schon prädestiniert für die Auszeichnung als Sensation des Jahres. Aber welchem Vergleich hält dieser Coup des FC Liverpool stand? Dieses schwer in Worte zu kleidende Comeback nach einer 0:3-Niederlage im Hinspiel gegen den FC Barcelona, der bis zum Dienstag nicht ganz zu Unrecht als die beste Mannschaft der Welt gefeiert wurde?

Liverpool lief ohne seine beiden besten Offensivspieler auf, ohne den Brasilianer Roberto Firmino und den Ägypter Mohamed Salah. Noch am Sonntag musste die schwer gestresste Belegschaft hart arbeiten, um beim 3:2-Sieg in Newcastle die theoretische Chance auf den Gewinn der englischen Meisterschaft zu wahren. Barcelona hatte die heimische Liga längst gewonnen und schickte zur lästigen Punktspielverpflichtung in Vigo elf Ersatzspieler auf den Platz.

Mit den Regeln der Logik kaum zu erklären

Und dann? Haben die müden Engländer gegen die ausgeruhten Spanier das Debakel aus dem Hinspiel gedreht, völlig verdient und unvorstellbar zugleich. Mit den Regeln der Logik ist kaum zu erklären, was am Dienstag in Anfield geschah.

Der moderne Fußball des dritten Jahrtausends ist in den Verruf der Berechenbarkeit geraten. In den Verdacht, dass auch auf höchstem Niveau die Ergebnisse schon im Laptop entworfen und fixiert sind. Der FC Liverpool hat sich dagegen gestellt, mit Tugenden, wie sie der Fußball mal für sich vereinnahmt hat, die aber zuletzt als antiquiert galten.

Mit unbedingter Leidenschaft und Siegesgewissheit hat diese Mannschaft ein Halbfinale gewonnen, das eigentlich nicht zu gewinnen war. Wer sich das finale Tor zum 4:0 vor Augen führt, diesen improvisierten Eckentrick von Trent Alexander-Arnold und Divock Origi, der glaubt wieder an das Gute am Fußball, was denn sonst. Was für ein geiles Spiel!

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