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Unerwarteter Auftaktsieg. Am ersten Spieltag der Saison 1976/77 gewann Union mit Torwart Wolfgang Matthies (vordere Reihe, 3. v. re.) gegen den BFC Dynamo. Foto: Imago/Schulze
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Legendäres Duell mit dem BFC Dynamo Der 1. FC Union und ein historisches Derby am 1. Spieltag

Der 1. FC Union feierte einst am ersten Spieltag einen Derbysieg gegen den verhassten Rivalen BFC Dynamo. Torwart Wolfgang Matthies erinnert sich.

Wolfgang „Potti“ Matthies könnte entspannt auf das Wochenende blicken. Nach drei Derbysiegen im vergangenen Jahr geht sein Klub mittlerweile als Favorit ins Stadtduell am Samstagnachmittag. Doch die Torwart-Legende des 1. FC Union blickt vorsichtig auf das Spiel gegen Hertha BSC. „Ich habe ein bisschen Angst davor, weil Union irgendwann auch mal verlieren muss“, sagt er.

Dabei könnte es ein gutes Omen sein, dass Union gleich zum Saisonbeginn gegen den Stadtrivalen spielen muss. Denn mit Derbys am ersten Spieltag hat der Köpenicker Verein eher gute Erfahrungen gemacht – und Matthies erst recht. Vor bald 46 Jahren führte er die Köpenicker am ersten Spieltag der Oberliga zu einem ihrer legendärsten Derbysiege: einem 1:0 gegen den Erzrivalen BFC Dynamo durch das Tor von Ulrich Netz.

„Wetter war ok, Schiedsrichter war beschissen, sonst war alles gut“, erinnert sich der 69-Jährige heute an jenem 4. September 1976. Es war der erste von zwei Sensationssiegen, die Union in jener Saison gegen BFC feierte. Zu verdanken hatten es die Köpenicker ihrem Torwart.

„Damit hatte keiner gerechnet. Dass wir gegen diese Mannschaft, deren Namen ich nicht in den Mund nehme, gewinnen“, sagt Matthies. Damals war der Klub aus Hohenschönhausen das größte Feindbild für die Union-Anhängerschaft. Obwohl der BFC noch nicht der übermächtige Serienmeister war, schienen die Kräfteverhältnisse klar zu sein. Union war Aufsteiger, Dynamo spielte oben mit. „Wir waren der Neuling in der Liga, es war eine ganz große Sache für uns“, sagt Matthies.

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Weil Union lange in der zweitklassigen Liga stecken geblieben und Vorwärts längst nach Frankfurt umgesiedelt worden war, war es das erste Treffen zweier Berliner Erstligisten seit drei Jahren. Entsprechend groß war das Interesse: 45 000 Zuschauer kamen ins Stadion der Weltjugend. „Vor einer so großen Kulisse hatte ich noch nie gespielt. Aber ich war nicht nervös“, sagt Matthies.

Dass man überhaupt dort spielte, lag an einer Entscheidung der „Oberen“, wie der frühere Torwart sagt. Ab Mitte der 1970er-Jahre fanden alle Derbys zwischen Union und dem BFC im neutralen Stadion unweit der Mauer statt. Die offizielle Begründung, dass damit mehr Zuschauer ins Stadion kommen könnten, sieht Matthies heute noch skeptisch. „Das kann nicht die Begründung gewesen sein, denn der BFC hatte ja keine Fans“, sagt er. Der Großteil der Zuschauer seien Unioner gewesen.

Matthies bezeichnet sich selbst als den größten Hasser des BFC

Dass er nicht den objektivsten Blick auf die Dinge hat, gibt er frank und frei zu. „Ich war der größte Hasser dieses Vereins“, sagt Matthies und verweist auf die Geschichte des Union-Spielers Klaus Korn. Dieser war 1970 gesperrt worden, weil er während eines Derbys einen Gegenspieler als „Stasi-Schwein“ beschimpft haben soll.

Auch deshalb seien er und seine Mitspieler unter den Augen der SED-Funktionäre Erich Mielke, Egon Krenz und Konrad Naumann im Stadion der Weltjugend vorsichtig gewesen, erklärt Matthies: „Wir mussten uns mächtig zusammenreißen. Wir durften nichts sagen.“ Ein Verhältnis zu den BFC-Spielern habe man anders als zu Kollegen bei anderen Vereinen auch gar nicht gehabt. Nur mit dem früheren Unioner Reinhard „Mecky“ Lauck, der nach dem Abstieg 1973 zum BFC wechselte, sei man noch gut ausgekommen. „Bei Mecky konnten wir verstehen, dass er da rüber musste. Denn bei uns hätte er nicht in der Nationalmannschaft spielen können.“

Das Narrativ des großen Stasi-Klubs und des benachteiligten Underdogs war also schon längst etabliert, als Matthies im Schatten der Mauer den BFC frustrierte. Zu seinem Oberliga-Debüt spielte er übrigens auch noch ohne Handschuhe. „Die Handschuhe, die wir in der DDR hatten, waren so schlecht, da spielte ich lieber ohne“, sagt er.

Matthies wurde später zu Unions Spieler der Vereinsgeschichte gewählt

Gehindert hat es ihn aber nicht, eine tolle Karriere hinzulegen. Matthies wurde später von den Union-Fans zum wertvollsten Spieler der Vereinsgeschichte gewählt, was neben seinen langen Jahren im Dienst der Köpenicker auch an diesen zwei Derbysiegen lag. Er selbst spielte später mit dem 1. FC Magdeburg im Europapokal, saß sogar im Spiel gegen Diego Maradonas Barcelona auf der Bank. Doch die Außenseitersiege gegen den BFC sieht er immer noch als den absoluten Höhepunkt. „Gegen die zu gewinnen, war ja auch das Allergrößte.“

Fast ein halbes Jahrhundert später wäre es nun keine Überraschung mehr, wenn Union im Derby am ersten Spieltag als Sieger vom Platz ginge. „Wir sind leichter Favorit, auch wenn das Geld immer noch bei Hertha ist“, sagt Matthies, und bleibt trotz seiner Vorsicht deshalb optimistisch: „Ich tippe 2:1 für Union.“

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