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Richard Ringer war Teil der Staffel, die den Rekord von Kipchoge angriff. Foto: REUTERS
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Laufen trotz Corona Der etwas andere Berlin-Marathon

Der Berlin-Marathon findet in einer deutlich abgespeckten Version statt. Einen vermeintlichen Weltrekord gibt es dennoch.

Der Himmel war grau, die Luft feucht und kalt. Ein paar dick eingehüllte Cheerleader wirbelten silberne Pompons durch die Luft, die Maskottchen der Berliner Profivereine rubbelten sich gegenseitig warm. Das war der Rahmen für die sogenannte Marathon-Challenge am Sonntag rund um die Siegessäule in Berlin.

Die Herausforderung bestand für eine Viererstaffel aus vier deutschen Läufern darin, gemeinsam die Weltrekordzeit von Eliud Kipchoge zu unterbieten. Der Kenianer war vor zwei Jahren den Rekord beim Berlin-Marathon in einer Zeit von 2:01:39 Stunden gelaufen. „Wenn ihr an euch glaubt, dann schafft ihr das“, ließ Kipchoge per Videostream ausrichten.

Und die vier Läufer – Philipp Pflieger, Richard Ringer, Florian Orth und Johannes Motschmann – nahmen sich die Worte offenbar zu Herzen. Die 105 Runden à 400 Meter um die Siegessäule absolvierten die Athleten unter Kipchoges Weltrekordzeit, in 2:01:34 Stunden. Das war ein schöner Erfolg. Andererseits: Eine Fußballmannschaft mit vier Mal so vielen Spielern wie das gegnerische Team dürfte auch bessere Erfolgsaussichten haben.

Doch dass der vermeintliche Rekord in Wirklichkeit gar keiner war, sondern nur eine nette Spielerei, war am Sonntag egal. Wichtig war für die Veranstalter, dass überhaupt etwas ging. „Es ist ein Signal, dass die Sportstadt lebt“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller im RBB. Das waren beschönigende Worte angesichts der vergleichsweise doch traurigen Kulisse.

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Vor einem Jahr noch hatte an der Siegessäule das Leben getobt. Rund 63.000 TeilnehmerInnen und hunderttausende Menschen am Streckenrand feierten ein großes Fest, zu dem die Veranstaltung geworden ist.

Die Coronavirus-Pandemie aber hat in diesem Jahr davon nicht viel übriggelassen. Am Sonntag waren die Straßen weitgehend leer. Hier und da waren ein paar Läufer unterwegs. Die Marathon-Challenge richtete sich auch an alle HobbyläuferInnen überall auf der Welt. Veranstalter SCC Events hatte eine App bereitgestellt, in der die gelaufenen Kilometer in Kipchoges 2:01:39 Stunden gezählt wurden.

"Hier steppte letztes Jahr noch der Bär"

Am Sonntag versuchten sich daran in Berlin rund 10.000 LäuferInnen etwa auf dem Tempelhofer Feld, dem Volkspark Friedrichshain oder dem Volkspark Wilmersdorf. Auch hatten sich wenige Fans und teilweise sogar Musikgruppen wie zum Beispiel die Groove Power Percussion oder die brasilianische Combo Loco Selecao in den Parks versammelt. Sie machten ein bisschen Stimmung gegen den Frust, der auch die Läufergemeinde erfasst hat.

Horst Milde, der Begründer des Berlin-Marathons, stand in einem orangenen Anorak am Mehringdamm und sagte, dass das alles zum Heulen sei. „Hier steppte letztes Jahr noch der Bär, hier war die Hölle los“, sagte der 81-Jährige dem RBB. „Wenn das nächstes Jahr so weiterläuft, dann sind die Veranstalter pleite.“

Milde hat den Berlin-Marathon zu einem Leuchtturm der Sportmetropole Berlin gemacht, wie es die Politiker dieser Stadt gerne formulieren. Der Marathon ist Mildes Lebenswerk, er will nicht, dass es kaputtgeht. Er habe mit Mitstreitern eine Petition gestartet mit dem Ziel, dass die Politik mit Freiluftveranstaltungen wie eben Marathonläufe anders umgehe als mit Veranstaltungen beispielsweise in der Staatsoper. „Leider hat der Laufsport nicht so eine große Lobby wie etwa die Lufthansa“, sagte Milde am Sonntag.

Doch so trist wie bei Milde war die Stimmung gewiss nicht bei allen. Viele trugen ein Lächeln auf ihrem Gesicht, als sie ihre Runden in der Corona-Marathon-Atmosphäre drehten. Ein Läufer auf dem Tempelhofer Feld fand es zwar traurig, dass der Marathon in diesem Jahr mehr oder weniger ausgefallen sei. „Aber nächstes Jahr bin ich dabei“, sagte er. „Ich stehe schon auf der Liste.“

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