Arbeit ohne Ball. Unions Kapitän Christopher Trimmel absolviert derzeit ein etwas anderes Programm. Foto: Carmen Jaspersen/dpa
© Carmen Jaspersen/dpa

Kurzarbeit wegen Coronavirus Der 1. FC Union beschwört die Familienmentalität

Die Bundesligaprofis der Berliner verzichten auf Gehalt, die Mitarbeiter gehen in Kurzarbeit. Union will die Krise solidarisch überstehen.

Eines haben die Fußballer Christopher Trimmel, Kapitän des 1. FC Union, und Rafal Gikiewicz, Torwart der Köpenicker, gemein. Beide sind wichtige Stützen ihrer Mannschaft, vielleicht sogar die wichtigsten. Der eine, Trimmel, als Vorlagengeber, Führungsfigur und Sprachrohr der Mannschaft. Der andere, Gikiewicz, als sicherer Rückhalt und Stimmungskanone.

Nun, da beide ihre Qualitäten aus coronischen Gründen nicht mehr auf dem Platz zeigen können, tun sich aber Unterschiede auf. Jedenfalls suggeriert das die Homeoffice-Arbeit der beiden, die in diesen Zeiten zumindest noch die eingefleischten Fußballfans interessiert.

[Mehr guten Sport aus lokaler Sicht finden Sie – wie auch Politik und Kultur – in unseren Leute-Newslettern aus den zwölf Berliner Bezirken. Hier kostenlos zu bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Gikiewicz, so viel ist in den vergangenen Tagen deutlich geworden, mag's gern etwas schriller. Er bespaßt seine Social-Media-Anhänger so ausgiebig, dass diese Schnappatmung kriegen müssen.

Der Torhüter präsentiert derzeit allerlei Videos aus seinem heimischen Reich; mal fängt er Klopapierrollen im Flug (mit Sofa-Landung), mal mimt er Tiger Woods beim Klopapierrollen-Golf – und am Mittwoch schlüpfte er in ein hautenges Outfit, mit dem er genauso gut als Teil des Teams Rhythmusgymnastik durchgekommen wäre. Nebenher lief der 80er Jahre Aerobic-Hit „Call On Me“, der perfekt zu den schwingenden Hüften des Torhüters passte.

Etwas gediegener lässt es Trimmel angehen. „Ich male sehr viel und entwerfe Ideen für Tattoo-Motive. Da kann man schon im Vorfeld viele Dinge erledigen“, sagte der Kapitän in einer Videokonferenz am Mittwochvormittag. Der Österreicher schätzt die Wiener Kaffeehausmentalität, im trubeligen Bundesliga-Business hat er sich stets private Rückzugsräume freigehalten, einen besinnlichen Ausgleich zum normalerweise grellen Fußballalltag gepflegt. Bis auf Weiteres wird das Flutlicht im Stadion An der Alten Försterei ausbleiben, ein intensives Hobby, wie es Tätowierer und Designer Trimmel pflegt, schadet da gewiss nicht.

Was das Sportliche betrifft, will Trimmel fokussiert bleiben. Morgens steht er früh auf, dreht alleine seine Runden, nachmittags absolviert er den anderen Teil seines Trainingsprogramms. Alles in enger Kommunikation mit dem Trainerstab. „Es geht jetzt darum, das Fitnesslevel zu halten“, sagt er. Und nebenbei geht es um die Zukunft seines Arbeitgebers.

Kurzarbeit und Gehaltsverzicht

Auch beim 1. FC Union müssen sie harte finanzielle Einschnitte hinnehmen. Am Mittwochnachmittag gab der Verein deshalb bekannt, dass seine Führungskräfte und die rund 200 Mitarbeiter in Kurzarbeit gehen werden. „Kurzarbeit ist für mich ein Zeichen, dass die wirtschaftliche Lage eine ernste ist. Tatsache ist: Solange kein Fußball An der Alten Försterei gespielt wird, verdient der Verein kein Geld“, sagt Trimmel.

Auch die Spieler werden ihren Teil beisteuern, sie verzichten auf Teile ihres Gehalts. Gikiewicz hatte das vor wenigen Tagen bereits als Erster im Alleingang beschlossen, nun zog der Rest nach. „Gemeinsam war wirklich ein wichtiges Wort in den vergangenen Tagen“, sagt Trimmel und beteuert, dass die Mannschaft keinen Mitarbeiter im Stich lassen werde. Die eiserne Familie, sie hält, glaubt Trimmel.

„Jeder, der die Mannschaft kennt, weiß, dass da jeder mitzieht“, sagt er, man wolle gemeinsam den Bestand des Vereins sichern. Das freut auch den Präsidenten Dirk Zingler. „Diese Bereitschaft kann man allen Beteiligten gar nicht hoch genug anrechnen“, wird er in einer Mitteilung des Vereins zitiert.

Ab Anfang April wieder Mannschaftstraining

Auch Zingler setzt auf das bei Union häufig zelebrierte Kollektiv: „Wir werden die Herausforderungen der nächsten Monate als Verein meistern, und am besten gelingt das, wenn wir uns in der Unionfamilie solidarisch verhalten.“ Die Spieler hält die ungewisse Situation in Bereitschaft. Sie müssen damit rechnen, dass die restlichen neun Partien noch durchgezogen werden. Ab wann – Ende April, Mitte Mai oder sogar noch später – ist weiter unklar.

„Man kann nur von Situation zu Situation springen, von Woche zu Woche. Am 30. März gibt’s nochmal eine Info“, sagt Trimmel. Eigentlich war geplant, dass sich die Union-Profis ab Anfang April wieder zum gemeinsamen Training An der Alten Försterei treffen.

In kleinen Gruppen dürfte trainiert werden, „natürlich ohne Zweikämpfe, da geht es um balltechnische und taktische Dinge“, erklärt Trimmel. Und falls es doch anders kommt, dürfen sich zumindest die Freunde von Rafal Gikiewicz auf weitere amüsante Wohnzimmer-Einheiten freuen.

Zur Startseite