Bayerns Alain Sutter (rechts) kann Michael Reiziger 1995 im Spiel gegen Ajax nicht aufhalten. Foto: Imago
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Kolumne Meine Champions Das Ajax der Neunziger: Nah an der Utopie

Mitte der Neunziger machte eine aufregende Ajax-Mannschaft ganz Europa verrückt. Der niederländische Klub hatte davon jedoch wenig.

Das könnte ein aufschlussreicher Abend werden in der Johan-Cruyff-Arena. Nicht so sehr, was den eigentlichen Wettbewerb betrifft. Da Ajax Amsterdam und der FC Bayern bereits für das Achtelfinale der Champions League qualifiziert sind, geht es im letzten Vorrundenspiel nur noch um Platz 1 in der Gruppe E, wofür den Münchnern schon ein Unentschieden genügt. Darüber hinaus ist dieses Duell am Mittwoch von perspektivischer Relevanz. Vielleicht spielt in Amsterdam die Münchner Zukunft vor.

Zur Verstärkung ihrer in die Jahre gekommenen Mannschaft stehen die Bayern vor einer größeren Einkaufstour, und sie interessieren sich dabei wohl auch für zwei Spieler aus Amsterdam, den Verteidiger Matthijs de Ligt und den Mittelfeldmann Frenkie de Jong. Zwei Hochbegabungen, die Erinnerungen wecken an den letzten ganz großen Erfolg dieses großen Klubs. 1995 stürmte Ajax mit einer jungen und begeisternden Mannschaft auf den Gipfel der Welt, angeleitet von Louis van Gaal, der damals auch erst im Rang eines Trainer-Talents stand. Und zwischendurch hatten es die Holländer auch mit den Bayern zu tun.

Die Erinnerung an dieses Halbfinal-Rückspiel im April 1995 schmerzt in München bis heute. Zwei Wochen zuvor hatten die Bayern daheim mit viel Mühe und noch mehr Glück ein 0:0 erkämpft. Das passte zu dieser bescheidenen Saison. In der Bundesliga reichte es nur zu Platz sechs, in der Champions League quälten sich die Münchner nach zwei Niederlagen gegen Paris Saint-Germain durch die Vorrunde und mit zwei Remis gegen IFK Göteborg ins Halbfinale. Bayerns Spiel prägten Figuren wie Thomas Helmer, Markus Babbel oder Mehmet Scholl. Auch Ajax gönnte sich in Person von Frank Rijkaard und Danny Blind ein bisschen Routine. Aber für den Geist dieser Mannschaft stand die Jugend. Clarence Seedorf, Nwankwo Kanu, Edgar Davids oder Marc Overmars, alle standen sie noch am Anfang ihrer Karrieren. Und spielten die Bayern in Grund und Boden.

Alle haben sie große Karrieren gemacht, nur eben nicht bei Ajax

Ajax’ früher Führung, erzielt vom Finnen Jari Litmanen, konnte Marcel Witeczek noch das 1:1 entgegensetzen. Weil dies zehn Minuten vor der Pause geschah, hofften die Bayern auf so etwas wie Nervosität beim Gegner, aber diese Gefühlsregung war den jungen Amsterdamern fremd. Ganze fünf Minuten hielt das Unentschieden, dann traf der Nigerianer Finidi George zur erneuten Führung, und Ronald de Boer legte Sekunden vor der Pause noch ein drittes Tor nach. Die Bayern waren geschlagen und am Ende mit der 2:5-Niederlage noch sehr gut bedient. „Da war nichts zu machen“, sprach Mehmet Scholl. Und Jorge Valdano, der Fußball-Weise aus Argentinien, formulierte das schöne Kompliment: „Ajax ist nahe dran an der Fußball-Utopie!“

Das Finale von Wien gegen die cleveren Fußball-Verwalter vom AC Mailand geriet nicht ganz so eindrucksvoll. Gerade eine Chance ließen die Italiener zu, aber die verwertete Patrick Kluivert kurz vor Schluss zum 1:0-Siegtor. Kluivert war wie der Angriffskollege Nwankwo Kanu gerade 18 Jahre alt, Clarence Seedorf 19, Michael Reiziger 21 und Marc Overmars 23. Ihr 44 Jahre junger Trainer Louis van Gaal versprach: „Diese Mannschaft kann den Fußball auf Jahre hinaus beherrschen.“

Es ist bekanntlich nicht so gekommen, aber das lag nicht an van Gaal und auch nicht an seinen außergewöhnlichen Spielern. Alle haben sie große Karrieren gemacht, nur eben nicht bei Ajax. Ein halbes Jahr nach dem Triumph von Wien sprach der Europäische Gerichtshof das Bosman-Urteil, es garantierte den Profis ungeahnte Freiheiten und veränderte den Fußball so grundlegend wie zuvor nur die Einführung der Abseitsregel.

Mit dem Bosman-Urteil endete die Zeit national geprägter Klub-Mannschaften. Ajax kam 1996 noch einmal ins Champions-League-Endspiel und ein Jahr später ins Halbfinale, beide Male war gegen Juventus Turin Schluss. Danach löste sich die Mannschaft auf. Gleich sechs der Helden von Wien trugen später das Blau-Rot des FC Barcelona, bei dem auch ihr Trainer zweimal Anstellung fand. Louis van Gaal arbeitete später auch für die niederländische Nationalmannschaft, den FC Bayern und Manchester United. Aber auch er konnte den Fußball nicht in der Gestalt prägen, wie er es seiner Mannschaft 1995 vorausgesagt hatte. Nach seiner Entlassung in Manchester vor zwei Jahren lebt Louis van Gaal als Elder Statesman im Trainer-Vorruhestand. Der Champions-League-Sieg von Wien ist sein einziger geblieben.

Sven Goldmann schreibt immer dienstags in den Spielwochen der Champions League über Kicker, Klubs und Klassiker in Europas Fußball.

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