Diskussionsbedarf: Trainer Pal Dardai (links) und Geschäftsführer Michael Preetz (rechts) haben dieser Tage viel zu besprechen. Foto: Uwe Anspach/dpa
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Kolumne - Auslaufen mit Lüdecke Hertha BSC braucht keine Ratschläge, sondern Offenheit

Frank Lüdecke

Fünf Niederlagen am Stück, das klingt nach Krise. Unser Kolumnist ist sich aber nicht ganz sicher, was jetzt Normal- oder Ausnahmezustand ist.

Das Zitat von Hertha-Trainer Pal Dardai, nach dem ein Trainer nach der sechsten Niederlage „weg vom Fenster“ sei, macht jetzt natürlich überall die Runde. Fünf Niederlagen in Folge haben die Berliner schon mal einsammeln können, fehlt also nur noch eine. Allerdings taugt das Hoffenheim-Spiel nur bedingt für eine Bewertung. Es gibt mildernde Umstände, ganz klar. Verletzungsbedingt fehlte das komplette Mittelfeld und die halbe Abwehr. Trotzdem muss man sich bei Hertha fragen, was bloß immer in diesen verdammten Rückrunden los ist.

Trainer Dardai erklärte dieses Phänomen kürzlich mit Einflüssen von außen, vornehmlich der Presse. Dazu verwendete er eine fulminante Begrifflichkeit, die ich ihm nachsehe, weil er extrem unter Druck steht. Trotzdem finde ich, wenn etwas schief läuft, muss es nicht unbedingt immer an den anderen liegen. Man kann Fehler auch mal bei sich selbst suchen. Und irgendein Gefühl sagt mir, dass dieser Ansatz für Hertha BSC wesentlich zielführender ist, als die Schuld den bösen Schreibern zuzuschieben. Denn bei aller Wertschätzung des geschriebenen Wortes, so groß ist der Einfluss nun auch nicht. Ich möchte jedenfalls anzweifeln, dass Hertha BSC auf einem besseren Tabellenplatz stünde, wenn es zum Beispiel diese Glosse nicht gäbe. Was sollte Hertha BSC nun tun, in dieser Situation? Soll ich Ihnen was sagen? Ich hab keine Ahnung. Wer von uns kennt schon die genauen Vorgänge innerhalb des Klubs? Viele Vereine haben es ja in Krisensituationen mit Trainerwechseln versucht. Die Erfolge können sich teilweise sehen lassen.

So hat Stuttgarts neuer Mann Markus Weinzierl eine geradezu bestechende Quote hinter sich. Von den letzten 14 Spielen hat er 13 (in Worten: dreizehn!) verloren. Auch Hannover 96 hat einiges vorzuweisen. Als man im Januar auf dem vorletzten Platz stand, war den Niedersachsen klar, hier muss etwas passieren! Man entließ Trainer Breitenreiter und holte Thomas Doll. Und siehe da, es passierte wirklich etwas! Wir haben inzwischen April und Hannover ist Letzter.

Diese Erfolge sind für Hertha auch locker mit einem Trainer Dardai zu erreichen. Dafür lohnen sich theoretische Trainerrochaden eigentlich nicht. Ich glaube, Hertha braucht keine Ratschläge, sondern Offenheit. Man wird für sich die Frage klären müssen, befindet sich der Klub auch im eigenen Selbstverständnis in einer Krise? Und wenn ja, was haben die eigenen Probleme mit einem selbst zu tun. Oder ist das, was wir auf dem Platz beobachten der Berliner Normalzustand?

Der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke schreibt hier jeden Montag über die Fußball-Bundesliga.

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