Packt aus. Mary Cain berichtet von Mobbing im Nike Oregon Project. Foto: Sergei Ilnitsky/dpa
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Klosterhalfens Trainer betroffen Athletinnen berichten von Erniedrigung und Ausbeutung im Nike Oregon Project

Erstmals sprechen Sportlerinnen über die Zustände im Trainingszentrum. Konstanze Klosterhalfen schweigt zu den Vorwürfen gegen ihren Trainer.

Wegen eines zu dicken Hinterns ist die deutsche Mittelstreckenläuferin Konstanze Klosterhalfen nicht bloßgestellt worden. So viel scheint sicher zu sein. Einigen ihrer Vorgängerinnen am berüchtigten Nike Oregon Project (NOP) ist aber offenbar genau das passiert.

Davon erzählte Mary Cain jedenfalls der „New York Times“. Ihr Trainer Alberto Salazar hätte häufiger vor versammelter Runde gesagt, dass ihr Gesäß zu dick sei und sie unbedingt abnehmen müsse. Eine andere Athletin bestätigte die Aussagen Cains. Auch sie sei wegen ihres Gewichts gemobbt worden, sagte Amy Yoder Begley in der „New York Times“. Salazar hätte demnach gesagt, sie habe den „dicksten Hintern an der Startlinie“.

Sollten die Aussagen der US-Amerikanerinnen stimmen, handelte es sich bei dem von Nike bis vor kurzem gesponserten Trainingszentrum in Oregon um eine wahrhaftige Quälanstalt. Athleten wurden demnach unter der Anleitung der US-amerikanischen Trainerikone Alberto Salazar psychisch erniedrigt und physisch ausgebeutet, um schnelle Zeiten zu laufen.

„Ich war das Opfer eines Missbrauchs, durch ein System und einen Mann“, erzählte Cain. Die heute 23-Jährige galt als eines der größten Talente. 2013 hatte sie sich dem Projekt angeschlossen und sich danach heruntergehungert, bis ihre Tage ausgeblieben seien. Drei Jahre lang habe sie keine Periode gehabt. Folglich sei ihr Östrogenspiegel heruntergegangen, was wiederum mehrere Knochenbrüche zur Folge gehabt habe. „Ich habe in dieser Zeit an Selbstmord gedacht“, sagte sie in dem erschütternden Beitrag.

Cains Kritik richtete allerdings nicht nur gegen Salazar, sondern auch gegen Pete Julian – den Coach von Konstanze Klosterhalfen. Der 48-Jährige war in das System Salazar nicht nur eingebunden, sondern ein wichtiger Teil des Projekts. „Man muss als Trainer eine Führungspersönlichkeit sein. Manchmal bedeutet das, Leuten die Stirn zu bieten, die in einer höheren Position sind als man selbst, und zu sagen: Das ist nicht in Ordnung“, sagte Cain zu Julian. „Wenn man nicht das Rückgrat hat, wenn man nicht die Fähigkeit hat, das zu tun, wie soll man eine Führungspersönlichkeit sein?“

Klosterhalfen will weiter von Julian betreut werden

Es wäre nun spannend zu wissen, wie Klosterhalfen mit den Aussagen ihrer Vorgängerinnen beim NOP umgeht. Ihr Weg in die USA war ja ohnehin von Anfang an umstritten. Die Deutsche ist das seit vielen Jahren größte Talent auf der Mittelstrecke. Nachdem sie Anfang dieses Jahres nach Oregon gewechselt war, machte sie riesige Fortschritte. Vor wenigen Monaten gewann sie über 5000 Meter die Bronzemedaille bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Doha.

Doch schon wenige Tage danach gab Nike bekannt, dass es das Trainingszentrum in Oregon schließen werde. Der Grund: Cheftrainer Salazar ist von der US-amerikanischen Anti-Doping- Agentur Usada wegen Verstößen gegen die Anti-Doping-Bestimmungen für vier Jahre gesperrt worden.

Trotzdem hatte sich Klosterhalfen stets positiv über das NOP geäußert und betont, dass sie von Pete Julian und nicht von Salazar trainiert werde. Auch in Zukunft will sie in einer Trainingsgruppe von Julian betreut werden. Wer das finanzieren und wo die insgesamt siebenköpfige Gruppe trainieren wird, ist bislang nicht bekannt. Auch sonst ist dieser Tage nichts zu erfahren von Klosterhalfen. Das Management reagiert nicht auf Gesprächsanfragen des Tagesspiegels.

Ihr Weg. Seit Konstanze Klosterhalfen in die USA gewechselt ist, hat sie ihre Zeiten enorm verbessert. Foto: Michael Kappeler/dpa Vergrößern
Ihr Weg. Seit Konstanze Klosterhalfen in die USA gewechselt ist, hat sie ihre Zeiten enorm verbessert. © Michael Kappeler/dpa

Klar scheint zu sein, dass sie wohl kaum Mobbing wegen ihres Gewichts erleiden musste. Sie soll rund 48 Kilogramm wiegen. Bei einer Größe von 1,74 käme sie auf einen Body-Mass-Index von 16. Ein Arztbesuch wird bei einem solchen Wert dringend empfohlen. Man kann sich aber ziemlich sicher sein, dass ihr dazu von keinem ihrer Trainer geraten wurde. Das legen die Erzählungen von Cain und Yoder Begley nahe.

Eine ganze Reihe ehemaliger Teammitglieder sowie Betreuer schaute offenbar weg, als die Läuferinnen von Cheftrainer Salazar höchstselbst gemobbt wurden. Einige äußerten sich nun öffentlich und entschuldigten sich dafür, dass sie damals nicht den Mut gehabt hätten, einzuschreiten.

Was Salazar sagte, war Gesetz

Vermutlich hing dies damit zusammen, dass Salazar Querulanten gnadenlos aussortierte. Als Yoder Begley beispielsweise Salazars Methoden hinterfragte, wurde sie von ihm 2011 kurzerhand gefeuert. Alberto Salazar war am Nike Oregon Project offenbar umgeben von engen Gefolgsleuten, Freunden. Was er sagte, war Gesetz.

Nun stellt sich die Frage, inwiefern sich Salazars Methoden von denen anderer erfolgreicher Trainingszentren unterscheiden. Gerade in Ländern wie China oder den USA nimmt der trainingswissenschaftliche Ansatz – freundlich formuliert – wenig Rücksicht auf die Gesundheit der Sportler. In diesen Ländern gibt es sehr sehr viele Athleten. Wer die Qualen übersteht, hat – zumindest in einem überschaubaren Zeitrahmen – die Chancen, sehr erfolgreich zu sein.

Mit der Aussicht auf Ruhm verzichten offenbar viele auf das Wohl ihrer Gesundheit. Denn das Verrückte an der Geschichte von Mary Cain ist ja: Wie Nike berichtete, wollte sie im April dieses Jahres in das Trainingszentrum nach Oregon zurückkehren.

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