John Degenkolb mag Kopfsteinpflaster. Das muss er auch, wenn er bei Paris - Roubaix wieder erfolgreich sein will. Foto: dpa
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Klassiker Paris - Roubaix John Degenkolb liebt die Hölle

John Degenkolb geht mit neuer Zuversicht in den Radklassiker Paris - Roubaix. Für den Deutschen ist es das Lieblingsrennen - trotz aller Strapazen.

Diese Siegertrophäe ist eine echte Herausforderung. 15 Kilogramm schwer, ziemlich unhandlich und besonders schön ist sie auch nicht. Die Idee, den Champion einer Sportveranstaltung mit einem Pflasterstein auszuzeichnen, grenzt fast an Zynismus. Vor allem nach einem Rennen wie Paris – Roubaix, das am Sonntag (11 Uhr/live bei Eurosport) zum insgesamt 117. Mal ausgetragen wird und im Radsport auch als „Hölle des Nordens“ bekannt ist. 257 Kilometer müssen die Radprofis zurücklegen, über 50 davon auf Kopfsteinpflaster. „Es ist mein Lieblingsrennen, für mich ist es einfach überragend“, sagte John Degenkolb auf der Pressekonferenz seines Teams Trek-Segafredo am Donnerstag in Antwerpen.

Der 30-Jährige hat Paris – Roubaix im Jahr 2015 als erster und bis heute einziger Deutscher gewonnen. Und er geht mit berechtigten Hoffnungen in die diesjährige Austragung. „Ich habe das Gefühl, dass ich konditionell und von der Form her eine sehr stabile Basis habe. Und das gibt mir eine Menge Selbstvertrauen.“

Nach seinem Sieg vor vier Jahren war das für einige Zeit nicht mehr der Fall, nachdem Degenkolb und einige seiner damaligen Kollegen vom Team Giant Alpecin bei einer Trainingstour in Spanien schwer verunglückten, als sie von einem Auto erfasst wurden. Degenkolb brach sich den Unterarm und hätte fast die Kuppe seines linken Zeigefingers verloren. In der Folge fand der gebürtige Thüringer, der inzwischen in Oberursel lebt, nicht mehr richtig zu seiner alten Form zurück.

Erst im vergangenen Jahr konnte er den Unfall endgültig hinter sich lassen. Bei der Tour de France gelang ihm der ersehnte erste Etappensieg, passenderweise auf einem Teilstück nach Roubaix. „Seither hat sich für mich viel verändert. Ich war nicht mehr wirklich krank und hatte keine Verletzungen“, erzählte Degenkolb in Antwerpen. Vorher habe er fast schon darauf gewartet, dass wieder irgendetwas passieren würde – und das war dann auch oft genug der Fall.

Degenkolb ist der einzige Deutsche der je bei dem Eintagesklassiker triumphierte

Nun kehrt der Deutsche wieder zurück an den Ort, der ihm so viel bedeutet. Und das sogar als Botschafter des Fördervereins „Freunde von Paris – Roubaix“. In seiner Funktion setzt er sich für den Erhalt der historischen Kopfsteinpflasterpassagen ein und hat sogar 2500 Euro gespendet, damit das vom Aus bedrohte Jugendrennen auch in diesem Jahr stattfinden kann. Degenkolbs Faszination für die Frühjahrsklassiker und im speziellen für Paris – Roubaix wirkt in Deutschland, wo Jahr für Jahr fast ausschließlich die Tour de France zählt, fast ein bisschen seltsam. Aber Degenkolb hat schon immer von den so genannten Monumenten des Radsports geschwärmt und Siege bei diesen Rennen sogar über die bei der Frankreich-Rundfahrt gestellt.

In dieser Saison wartet Degenkolb noch auf den ganz großen Erfolg. Bei Mailand – Sanremo, wo er ebenfalls 2015 gewann, stoppte ihn ein Defekt. Und zuletzt bei der Flandern-Rundfahrt reichte es nach vielen Attacken nur zu Platz 29. Nun folgt bei Paris – Roubaix die noch größere Herausforderung für Mensch und Material: „Um auf dem Kopfsteinpflaster zu fahren, benötigt es besondere Fähigkeiten und die richtige Technik. Dafür haben wir sogar ein eigens für dieses Rennen designtes Rad konstruiert“, erzählte Degenkolb. Trotzdem weiß er: „Natürlich kannst du auch Pech haben, aber du darfst nie aufgeben.“

Zu Degenkolbs Hauptkonkurrenten zählen Vorjahressieger Peter Sagan vom deutschen Team Bora Hansgrohe und Olympiasieger Greg van Avermaet aus Belgien. Auch der Tscheche Zdenek Stybar und Avermaets Landsmann Wout van Aert werden hoch gehandelt. Letztlich kann in Roubaix am Ende auch ein krasser Außenseiter triumphieren, der zur richtigen Zeit die richtige Gruppe erwischt und von Defekten oder Stürzen verschont bleibt. So wie vor einer Woche in Flandern der Italiener Alberto Bettiol, den zuvor niemand auf dem Zettel hatte. Nils Politt aus Köln wurde in jenem Rennen starker Fünfter, auch er wird am Sonntag in Paris mit Vorfreude an den Start gehen. Und damit die Grundvoraussetzung erfüllen, um nach der „Hölle des Nordens“ vielleicht die Siegertrophäe in die Luft stemmen zu können – auch wenn das noch einmal eine zusätzliche Herausforderung bedeutet.

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