Auf der Tribüne beim FC Barcelona. Fans des 24-maligen spanischen Fußballmeisters halten eine Fahne mit der Aufschrift „Katalonien ist nicht Spanien“ hoch. Foto: Gtres/dpa
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Katalonien-Frage und der Fußball Die gespaltene Liga: Wo spielt der FC Barcelona?

Fußball kann die Spanier nicht mehr verbinden. Seit der drohenden Unabhängigkeit Kataloniens ist auch der Sport zerrissen.

Die Menschen auf der Tribüne pöbelten. Im kleinen Stadion in Las Rozas, einem Vorort von Madrid, war ein ohrenbetäubendes Dauerpfeifen als akustische Kulisse für die Männer auf dem Platz zu hören. Es war so nervig laut wie auf einer Landebahn und unangenehmer. „Hijo de Puta“, riefen sie. „Hurensohn“. Und: „Spanien ist dein Land. Piqué, Arschloch, hau ab.“ Der Verteidiger des FC Barcelona wurde so heftig beschimpft, dass Nationaltrainer Julen Lopetegui die Trainingseinheit vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Albanien abbrach. Als Piqué mit den Kollegen vom Platz ging, applaudierte das aufgebrachte Volk auf der Tribüne. Piqué sagte später, er werde aus der Nationalmannschaft Spaniens zurücktreten.

Der Katalane Gerard Piqué hat viel geleistet für die spanische Fußball-Nationalmannschaft. Der Verteidiger gewann 2010 den Weltmeistertitel, zwei Jahre später wurde er Europameister. Im ganzen Land wurden Piqué und seine Kollegen gefeiert. Im Weltmeisterfeiertaumel war es fast egal, dass in der Auswahl Katalanen, Basken, Galicier und andere Spieler aus Spanien kickten. Es war ein kleiner Sieg für die Fußball-Einheit Spaniens, das Nationalteam war ein Thema von Madrid bis Barcelona.

Noch vor dem ersten EM-Titel der spanischen Erfolgsära im Jahr 2008 wurde in Barcelona in den Tavernen selten der Fernseher auf Fußball gestellt, wenn die Auswahl Spaniens gegen den Ball trat. Und Menschen mit rot-gelb-roten Fahnen sah man auf den Straßen der Hauptstadt Kataloniens kaum. Der Fußball und die spanische Nationalmannschaft –das war ein fragiles Gebilde. Es war im Land wichtiger, was der FC Barcelona oder Real Madrid machten. EM- und WM-Titel schienen daran etwas geändert zu haben. Doch seit der Frage um die Zukunft Kataloniens, seit der wieder einmal drohenden Abspaltung geht es zurück in die Vergangenheit, gibt es wieder Risse in der Fußball-Gemeinschaft.

Beim großen FC Barcelona haben sie das schon zu spüren bekommen. Das Heimspiel gegen UD Las Palmas am 1. Oktober, dem Tag des Referendums in Katalonien, musste auf Anordnung des Verbandes im leeren Camp-Nou-Stadion stattfinden. Es war wegen der Unruhen sicher besser so. Zumal sich die Gäste von der kanarischen Insel bemüßigt sahen, sich per Statement zu Spaniens Einheit zu bekennen: Las Palmas bekam von der Liga die Genehmigung, mit der spanischen Fahne auf dem Trikot aufzulaufen.

Was würde passieren, wenn es zu einer Abspaltung der Republik von Spanien käme?

Der Fußball spielt in der Katalonien-Frage keine große Rolle, aber die Katalonien-Frage könnte für den Fußball eine große Rolle spielen. Was würde passieren, wenn es zu einer Abspaltung der Republik von Spanien käme? Der FC Barcelona stünde dann ohne eine starke Liga da. Wäre es das Ende des nach Real Madrid größten Fußball-Unternehmens der Welt? Liga-Chef Javier Tebas hat gesagt: „Nach dem spanischen Sportgesetz gibt es nur einen Staat, dessen Teams in den spanischen Ligen mitspielen können. Und das ist Andorra.“

Drei Klubs aus Katalonien spielen derzeit in der Primera Divison, die inzwischen – einem Sponsor sei Dank – „LaLiga Santander“ heißt: Neben Barca noch der FC Girona und Lokalrivale Espanyol. Es wäre wohl kaum möglich, so schnell in einem 7,5-Millionen-Einwohner-Staat eine starke Liga aufzustellen, die anderen Vertreter Kataloniens spielen in unteren Ligen. Superstars wie Messi oder Luiz Suarez würden kaum in ein dann eher provinziell anmutendes Umfeld ziehen, und allein mit Auftritten in der Champions League könnte sich so ein großer Klub kaum am Leben halten.

Die spanische Liga würde – mit Schmerzen – auf hohem Niveau weiter existieren können. Es gibt da ja nach Barça noch Spitzenklubs wie Reals Lokalrivalen Atletico oder den FC Sevilla. Aber sicher könnte das Unternehmen Real Madrid ein Interesse daran haben, dass es den „Classico“, die Spiele gegen den Erzrivalen, auch bei einer Abspaltung der Katalanen gibt. Aber allein das würde nicht ausreichen: Entscheidender wäre, ob die Klubs und Menschen außerhalb Kataloniens einem Ligaverbleib zustimmen würden.

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Selbst dort, wo Barcelona in Spanien traditionell viele Fans hat, werden die Pläne zur Abspaltung kritisch gesehen. In Palma de Mallorca auf den Balearen zum Beispiel feiern sie jeden großen Erfolg des FC Barcelona in der Stadt mit einem Autokorso. Das auf Mallorca gesprochene Mallorquinisch ist ein Dialekt der katalanischen Sprache. In einer Umfrage allerdings sagten 80 Prozent der Mallorquiner, dass sie die Abspaltung Kataloniens nicht gut heißen.

In einer Hinsicht unterscheidet sich der spanische Klub-Fußball traditionell elementar zum Beispiel vom deutschen Fußball: Die Herkunft hat bei der Wahl des Lieblingsvereins eine politische Note. Wer aus Katalonien kommt, der hält zum FC Barcelona. Wer aus Sevilla kommt, der hält entweder zu Real Betis oder zum FC Sevilla – aber nicht zum FC Barcelona.

In Deutschland dagegen ist es in Berlin völlig normal, sich als Erfolge liebender Fan auch als in Berlin aufgewachsener Anhänger vom FC Bayern München zu outen – die CSU muss niemand deswegen gleich verehren. In jeder Berliner Schulklasse gibt es mehr Bayern- oder BVB-Fan als Anhänger von Hertha BSC. Derartiges ist in Madrid, Barcelona, Sevilla oder Bilbao undenkbar. Dort wird man als Fan der Heimmannschaft geboren. Bei Athletic Bilbao dürfen die Spieler bis heute nur aus den baskischen Provinzen oder aus dem französischen Baskenland stammen.

Die Frage, ob die Katalanen im Falle der Abspaltung noch in einer spanischen Liga mitspielen würden, sollte sich eigentlich gar nicht stellen. Aber wer weiß, im Geschäft Fußball ist vieles möglich – auch eine staatenübergreifende Profi-Liga. Auch in der Major League Soccer spielen Teams aus Kanada und den USA, Kleinstaat Monaco spielt in Frankreich mit, und in Europa war der FC Vaduz aus Liechtenstein schon in der ersten Schweizer Liga dabei. Die Frage könnte vielmehr lauten: Selbst wenn die spanische Liga den FC Barcelona noch wollte, würden dessen Fans noch die spanische Liga wollen? In der Kurve von Camp Nou hing auch beim jüngsten Spiel des FC Barcelona ein Banner mit der Aufschrift: „Catalonia is not Spain“.

Der prominenteste Fürsprecher aus dem Fußball bei der Unabhängigkeitsfrage Kataloniens ist der Katalane Pep Guardiola

Die Politik ist eben immer dabei im Stadion. Dabei hatte Vereinspräsident Josep Maria Bartomeu erklärt, der FC Barcelona sei im Wahlkampf neutral. Aber seitdem das Spiel gegen Las Palmas vor leeren Rängen stattfinden musste, musste Batomeu zugeben, dass es mit der Neutralität nicht so weit her ist: Es gab nämlich schon Kundgebungen der Unabhängigkeitsbewegung in Camp Nou, und neben Gerard Piqué unterstützt auch der langjährige Barca-Kapitän Xavi die Befürworter einer Abspaltung.

Der prominenteste Fürsprecher bei der Unabhängigkeitsfrage Kataloniens aber ist der Katalane Pep Guardiola. Seit Monaten tritt der einstige Trainer des FC Bayern München für seine Heimat ein. „Ob der FC Barcelona in der Primera Division spielt oder nicht, ist das geringste Problem“, hat er gesagt. Die Menschen hätten für ein besseres Leben gestimmt und nicht dafür, in welcher Liga der Klub in Zukunft spiele. Den jüngsten Sieg von Manchester City, seiner Mannschaft in der Premier League, widmete Guardiola den politischen Häftlingen in Katalonien, Jordi Caixat und Jordi Sanchez.

Guardiola hat sich schon zu einer Liga ohne Barcelona geäußert: „Das wäre nicht gut für Barcelona und es wäre nicht gut für die spanische Liga.“ Für Barcelona wäre es planungstechnisch sogar ein Desaster. Weil Katalonien als neu gegründeter Staat nicht automatisch Mitglied im europäischen Fußball-Verband Uefa werden würde, dürfte der Klub nicht automatisch im Europapokal starten. Dabei wäre die Champions League sicher drauf erpicht, Barcelona mitspielen zu lassen. Der Weg dahin wäre einfacher, als der in die spanische Liga. Eine weitere Option wäre, dass der FC Barcelona in Frankreich anklopft, dort spielt ja mit dem AS Monaco schon ein Klub von einem Territorium außerhalb Frankreichs mit.

Lluís Miquel Hurtado von der zweitgrößten spanischen Zeitung „El Mundo“ glaubt allerdings, dass ein Barça, das nicht in einer konkurrenzfähigen Liga spielt, nicht nur der sportlichen Qualität, sondern vor allem dem Geschäft schaden würde. Die Drohungen des Verbands, Barca nicht in der Primera Division spielen zu lassen, seien „politischer und sentimentaler Natur“, sagt der politische Korrespondent von „El Mundo“.

Dass die Nationalmannschaft Spaniens in Katalonien, dem Baskenland und in Galicien nicht so wichtig ist, hat Tradition. Alle drei autonomen Regionen haben eigene Auswahlmannschaften, die allerdings von der Uefa und dem Weltverband Fifa nicht anerkannt werden. Die galicische Fußballauswahl ist in den jüngsten neun Jahren auch nur einmal aufgelaufen. Die katalanische Auswahl hat häufiger gespielt – auch mit Gerard Piqué. Bei Spielen der Auswahl kam es oft zu politischen Kundgebungen für die Unabhängigkeit Kataloniens und gegen den spanischen Zentralstaat.

Lluís Miquel Hurtado glaubt, dass vieles an dem Bild von einem heilen Sport- Spanien inszeniert war. „Die patriotische Begeisterung, die die Feierlichkeiten zur WM oder EM begleitete, hat die Menschen in Barcelona nicht wesentlich beeinflusst – auch wenn viele Spieler des spanischen Teams aus Fußball und Basketball Katalanen sind. Dasselbe gilt für die Erfolge von Rafael Nadal aus Mallorca – und damit für die katalanischen Länder.“ Die spanische Regierung habe versucht, vor allem während der Wirtschaftskrise mit einer „Brot- und Spiele- Strategie“, Sportsiege für sich zu nutzen – um „mit Patriotismus“ von schlechten Nachrichten abzulenken.

Die Nationalmannschaft hat sich trotz der Unruhe am Trainingsplatz locker für die WM in Russland qualifiziert, und Piqué hat seine Rücktrittsabsichten revidiert. Verbandschef Juan Luis Larrea hat gesagt: „Piqué verlässt uns nicht.“ Aber sicher ist das nicht. Sergio Ramos, Kapitän von Real Madrid, hatte Piqué wegen dessen Engagement in der Frage von Kataloniens Unabhängigkeit kritisiert. Inzwischen haben ihm die Verantwortlichen bei der Nationalmannschaft angeblich Aussagen zum Thema untersagt. Auch das zeigt: Es ist die Zeit der Verunsicherung im spanischen Fußball. Speziell beim FC Barcelona.

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