Ihr größter Erfolg. Carola Meyer (oben rechts) war Teammanagerin, als die deutschen Frauen 2004 Olympiagold gewannen. Foto:

Kampfabstimmung ums Präsidentenamt Die erste Frau an der Spitze des Hockey-Bundes?

Im Deutschen Hockey-Bund rumort es schon länger. Jetzt gibt es mit Carola Meyer eine Kandidatin für das Präsidentenamt. Sie will gegen Wolfgang Hillmann antreten.

Carola Meyer war ein wenig überrascht von den Reaktionen, die ihre Entscheidung ausgelöst hat. Sie hatte mit massiver Ablehnung gerechnet, vor allem in der eigenen Familie. Von wegen: Willst du dir das wirklich noch antun? In deinem Alter? Aber so war es nicht. Im Gegenteil. Ihre Tochter war regelrecht begeistert: „O, super!“ Carola Meyer, 69 Jahre alt und seit acht Jahren Vizepräsidentin im europäischen Hockey-Verband EHF, will im Mai für das Präsidentenamt im Deutschen Hockey-Bund (DHB) kandidieren. Sollte sie gewählt werden, wäre sie die erste Frau an der Spitze des Verbandes. Doch dazu müsste sie sich wohl erst in einer Kampfabstimmung gegen den Amtsinhaber Wolfgang Hillmann durchsetzen.

Das aktuelle Präsidium ist in den vergangenen Wochen und Monaten stark in die Kritik geraten. Vor allem an Vizepräsident Remo Laschet entzündete sich der Unmut. In einem anonymen Brief wurde dessen Machtfülle kritisiert, zudem meldeten sich die vier früheren Bundestrainer Bernhard Peters, Markus Weise, Peter Lemmen und Jamilon Mülders zu Wort, um auf die Missstände im Verband aufmerksam zu machen. Laschet hat inzwischen erklärt, beim Bundestag am 25. Mai in Grünstadt (Rheinland-Pfalz) nicht mehr für das Präsidium kandidieren zu wollen.

„Wir möchten gerne einen Neuanfang mit einem jungen Team“, sagt Carola Meyer. Sie steht an der Spitze dieses Teams, das sich in dieser Woche aus der Deckung gewagt hat. Dazu gehören außer ihr noch die Berlinerin Julia Walter, 38, Christian Deckenbrock, 42, und Marie-Theres Gnauert, 53, die schon jetzt im DHB Vizepräsidentin Leistungssport ist. Gespräche mit einem Experten für Good Governance und Compliance, der das Ressort Finanzen übernehmen soll, laufen noch.

„Ich bin überhaupt nicht der Typ Mensch, der sich gern in den Vordergrund stellt und große Reden hält“, sagt Meyer. „Deswegen habe ich auch lange gezögert, mich als Präsidentin zur Verfügung zu stellen.“ Aber es müsse was passieren und dürfe im DHB nicht so weitergehen wie bisher. Das Gefühl, dass es im Verband nicht rund läuft, hatte Meyer schon länger. Ihr Ziel ist es, dem Hockey in Deutschland wieder zu mehr Präsenz zu verhelfen. Es höre sich vielleicht ein wenig kitschig an, sagt sie, aber sie wolle mit ihrer Bereitschaft, für das Amt zu kandidieren, auch „ein Dankeschön an diesen Sport“ aussprechen. Als sie 1986 mit ihrer Familie aus Südafrika nach Deutschland zurückkehrte, verkündete ihr Mann, dass der damals sechs Jahre alte Sohn jetzt Hockey spiele. „Was ist denn Hockey?“, fragte Carola Meyer.

Markus Weise: "Sie kann Präsidentin"

Inzwischen hat die Kölnerin die Sportart in sämtlichen Facetten kennengelernt. Sie hat als Jugendwartin bei ihrem Verein angefangen, ist beim EHF für den Bereich Entwicklung und die Parahockey-Bewegung zuständig. Außerdem war sie mehrere Jahre Teammanagerin der Frauen-Nationalmannschaft, unter anderem beim Gewinn der olympischen Goldmedaille 2004 in Athen. „Sie ist eine sehr gute Managerin, die sich total kümmert“, sagt Markus Weise, der damals Bundestrainer war. „Sie brennt für ihre Mannschaft.“ Weise, inzwischen für die Akademie des Deutschen Fußball-Bundes tätig, hat Meyer als positiven, humorvollen Menschen kennengelernt. Sie sei sehr intelligent und durch ihre Arbeit in der EHF auch international sehr gut vernetzt: „Sie kann Präsidentin.“

Meyer selbst spricht davon, sich „vorübergehend als Präsidentin in den Dienst der Sache zu stellen“. Zwei Jahre dauert die Wahlperiode beim DHB, in dieser Zeit, so Markus Weise, werde Meyer ganz bewusst nach einem Nachfolger suchen. „Sie giert nicht nach dem Amt“, sagt er. „Es geht ihr sehr um die Sache.“ Die Strukturen im Verband, die Wettbewerbsfähigkeit der Nationalteams und deren Verhältnis zur Bundesliga, dazu die Leistungssportreform – an schwierigen Themen besteht ganz sicher kein Mangel.

Oder tritt Stephan Abel noch mal an?

Auch deshalb hat Wolfgang Hillmann bereits im Oktober angekündigt, im Mai erneut für das Amt des Präsidenten zu kandidieren. Daran hält er weiterhin fest. Sonst aber will er die Kandidatur von Carola Meyer erst einmal nicht kommentieren. Ob es wirklich zur Kampfabstimmung kommt, wird sich in den nächsten Wochen entscheiden, zumal sich im DHB hartnäckig das Gerücht hält, dass Hillmanns Vorgänger Stephan Abel wieder für sein altes Amt kandidieren könnte. Er selbst hat das vor anderthalb Monaten im Gespräch mit dem Tagesspiegel ausgeschlossen. „Das wäre das falsche Signal“, sagte Abel.

Markus Weise fände es, unabhängig von den Kandidaten, gut, wenn die Delegierten bei der Wahl eine echte Wahl hätten – weil das auch bedeute, dass sie sich zwischen unterschiedlichen Programmen entscheiden können. „In Verbänden ist es eigentlich nicht der Normalfall, dass mehrere Kandidaten zur Auswahl stehen“, sagt der frühere Bundestrainer. „Der Normalfall ist, dass man keine Leute für solche Ehrenämter findet.“

Carola Meyer kennt ihren möglichen Konkurrenten Wolfgang Hillmann schon seit Jahrzehnten, beide leben in Köln, sie sind per du miteinander. Bevor sie und ihr Team ihre Kandidatur öffentlich gemacht haben, hat sie Hillmann angerufen. „Er war der Erste, den wir informiert haben“, erzählt sie. „Das ist einfach guter Stil.“ Sie konnte sein Gesicht in diesem Moment nicht sehen, und trotzdem hatte sie das Gefühl, dass Hillmann „sehr überrascht“ war.

Zur Startseite