Thilo Kehrer wechselte für viel Geld nach Frankreich. Foto: AFP
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Jungstars wandern ins Ausland Wie die Bundesliga ausblutet

Christoph Biermann

Viele junge Stars sind offenbar zu gut für die Bundesliga und wechseln ins Ausland. In der Krise ist der deutsche Fußball deswegen aber nicht.

Vor zwei Wochen gelang dem SC Freiburg der größte Transfercoup seiner Vereinsgeschichte. Für eine Ablösesumme von etwas mehr als 21 Millionen Euro verkaufte der Bundesligist seinen Innenverteidiger Caglar Söyüncü an Leicester City aus der englischen Premier League. Via Instagram verabschiedete sich der 21 Jahre alte Türke: „Liebe Fans, ich sage danke für die Zeit in Freiburg. Ich habe euch immer im Herzen.“ Dann war er weg. Auch andere Bundesligisten konnten sich über gewaltige Schecks aus dem Ausland freuen. Freundliche Abschiedsgrüße inbegriffen.

RB Leipzig kassierte rund 60 Millionen Euro für den Wechsel von Naby Keita zum FC Liverpool, Schalke 37 Millionen für Thilo Kehrers Transfer zu Paris St. Germain, und selbst der englische Provinzklub FC Southampton war in der Lage, Borussia Mönchengladbach 25 Millionen Euro für den dänischen Verteidiger Jannik Vestergaard zu überweisen. Für die jeweiligen Klubs waren das gute Geschäfte. Doch sie zeigen auch, dass die Bundesliga vor dem Beginn ihrer 56. Spielzeit weiter mit dem Phänomen des Braindrain zu tun hat.

Als Braindrain wird gemeinhin die Abwanderung besonders talentierter und gut ausgebildeter Fachkräfte ins Ausland bezeichnet – und genau davon kann im deutschen Fußball gesprochen werden. Sieht man von einigen Spitzenkräften ab, die wie Toni Kroos und Marc-André ter Stegen in Spanien, wie Mario Mandzukic oder Sami Khedira in Italien und Julian Draxler oder nun auch Kehrer in Frankreich spielen, verliert die Bundesliga ihre besten Spieler dabei vor allem in Richtung England.

Über 50 ehemalige Bundesligaprofis spielen inzwischen in der Premier League. Zwar sind nicht alle große Stars, aber einiges indes eben doch: Kevin de Bruyne, Leroy Sané, Roberto Firmino, Pierre-Emerick Aubameyang oder Mesut Özil würde man schon gerne wieder in deutschen Stadien sehen. Inzwischen hat der Braindrain aber nicht nur die Topspieler erfasst, sondern auch solide Profis und große Talente. Außerdem beschränkt er sich nicht nur auf Spieler, auch viele der besten Trainer arbeiten nicht mehr in der Bundesliga. Pep Guardiola ist von München zu Manchester City weitergezogen, Jürgen Klopp geht beim FC Liverpool in sein viertes Jahr und Thomas Tuchel arbeitet seit dieser Saison bei Paris St. Germain.

Lucien Favre ist die interessanteste Personalie

Nachdem Jupp Heynckes seine Karriere wohl endgültig beendet hat, gibt es keinen aktuellen Bundesligatrainer mehr, der mit seiner Mannschaft schon mal Deutscher Meister wurde. Interessante junge Trainer in der Bundesliga gibt es dennoch genug, allen voran der hoch talentierte Julian Nagelsmann, der in Hoffenheim noch ein Jahr arbeiten wird, bevor er nach Leipzig wechselt.

Große Pragmatiker sind Domenico Tedesco, der Schalke mit staubtrockenem Defensivfußball auf den zweiten Platz führte, und Niko Kovac, der sich nach seinem Pokalsieg mit Eintracht Frankfurt beim FC Bayern vermutlich besser etablieren wird als viele erwarten.

Die interessanteste Personalie auf den Trainerbänken ist aber die Rückkehr von Lucien Favre, der bei Borussia Dortmund einen Neustart schaffen soll. Der immer leicht erratische Schweizer, früher bei Hertha BSC und Borussia Mönchengladbach, ist überall über die Maßen erfolgreich gewesen – was in Dortmund die Erwartungen natürlich steigen lässt. Auf den Verlust guter Spieler ins Ausland haben die Bundesligisten–je nach Interpretation – vernünftig oder langweilig reagiert.

Der spektakulärste Transfer ist der eines 29 Jahre alten belgischen Mittelfeldspielers mit einer Frisur wie Drahtwolle, der vorher in China und Russland spielte. Wobei Dortmunds Zugang Axel Witsel bei der Weltmeisterschaft in Russland zu den prägenden Spielern seines Nationalteams zählte. Ansonsten kamen nur Insidern bekannte junge Franzosen und Schweizer, Spieler aus Uruguay und Brasilianer in die Bundesliga. Sie heißen Paulinho oder Pleá, Mendyl oder Saracchi und bringen vermutlich ausreichend großes Talent mit, um in zwei Jahren in der Premier League zu landen.

Im Jahr 2018 scheint die Bundesliga jedenfalls eine „Veredelungsliga“ geworden zu sein, die Spitzenspieler für den Export zu größeren Klubs vorbereitet. Bei seiner diesjährigen Neujahrsansprache hatte Christian Seifert, Boss der Deutschen Fußball- Liga, die deutschen Bundesligisten noch massiv kritisiert. Zuschauer, Medienpartner und Sponsoren würden eine Liga erwarten, so sagte er im Januar, „die dauerhaft eine intakte Spitze aus mehreren Klubs hat, die europaweit mithalten können und sich national einen spannenden Wettbewerb liefern“. Sieben Monate später könnte nichts der Wirklichkeit ferner sein. Die Bundesliga ist von der Premier League meilenweit abgehängt und war international nur noch durch den FC Bayern konkurrenzfähig.

Wenig Indizien, dass der kommende Meister nicht Bayern München heißt

Von einer „intakten Spitze“ kann schon gar nicht gesprochen werden. In der letzten Saison hat der FC Bayern zum sechsten Mal in Folge die deutsche Meisterschaft gewonnen, und es gibt wenig Indizien dafür, dass im Mai 2019 nicht der siebte Titel folgen sollte. Eine solche Dominanz gab es im deutschen Fußball bislang nur einmal, als der BFC Dynamo zehn DDR-Meisterschaften hintereinander gewann. In beiden Fällen waren bzw. sind eklatante Wettbewerbsvorteile entscheidend. Beim BFC kam er dadurch zustande, dass dem Klub beständig die besten Spieler zugeschustert wurden, der FCB hingegen verfügt schon lange über mindestens doppelt so viel Geld fürs Personal wie der nächst große Konkurrent Borussia Dortmund.

Der Vorsprung der Bayern ist so groß, dass sich der Klub sogar eine zunehmend wirr erscheinende Vereinsführung leisten kann. Bayern-Präsident Uli Hoeneß ist in diesem Sommer nicht nur auf einem rätselhaften Kreuzzug gegen Mesut Özil, er irritiert inzwischen auch viele Fans des Klubs mit widersprüchlichen Forderungen. Einerseits lehnt er hohe Ablösesummen ab, weil Mannschaften dadurch noch größere Probleme mit Stars bekommen würden.

Andererseits kündigt er für den kommenden Sommer aggressive Investitionen an. Um wieder für mehr Wettbewerb in der Bundesliga zu sorgen, würde er gerne Investoren zulassen. Aber Investoren wie bei Manchester City oder Paris St. Germain, die er FC Abu Dhabi und FC Katar nennt, findet Hoeneß auch blöd. Dieses Gerede passt zum planlosen Bild einer Bundesliga, die gerade wieder da angekommen scheint, wo sie in den 1990er Jahren schon mal war. Die Serie A hatte damals, als dort die besten Spieler der Welt in den aufregendsten Mannschaften spielten, die gleiche Rolle wie heute die Premier League. Allerdings gibt es einen gewaltigen Unterschied: die Premier League ist heute von der Bundesliga nur einen Knopfdruck auf der Fernbedienung entfernt. Sie konkurriert nicht nur auf dem Transfermarkt mit den Engländern, sondern auch um das Interesse im eigenen Land. Viele junge Fans verfolgen nämlich nicht nur zunehmend die großen internationalen Klubs, sondern vor allem einzelne Stars. Deshalb wechseln sie auch mit, wenn Leroy Sané, Ilkay Gündogan oder Ousmane Dembélé die Bundesliga verlassen.

Das Faszinierende zum Start der Bundesligasaison 2018/19 ist aber, dass sich all das noch nicht zu einer Krise verdichtet hat. Hier und da sind zwar in der Vorsaison Plätze in den Stadien leer geblieben, und vor Saisonstart haben sich die aktiven Fußballfans mit großem Knall aus dem für sie unbefriedigenden Dialog mit dem DFB verabschiedet. Vielerorts gibt es zudem Unmut über steigende Eintrittspreise und Dauerkommerzialisierung. Andererseits vermeldet Pay-TV-Anbieter Sky steigende Zuschauerzahlen, was angesichts des hohen Anteils der Einnahmen aus Fernsehrechten wichtig für die Liga ist.

Das könnte mit dem nicht annähernd erklärten Phänomen zu tun haben, dass viele Klubs ihr lokales oder regionales Potenzial stärker ausschöpfen als früher. Bundesweit mögen sich wenig Leute etwa für den VfB Stuttgart oder Werder Bremen interessieren, aber regional boomen die Klubs. Die Schwaben haben inzwischen erstaunliche 60 000 Mitglieder, und Werder hat trotz durchwachsener Leistungen in den letzten Jahren wieder 25000 Jahreskarten verkauft. Ohne Verkaufsstopp hätten es sogar deutlich mehr sein können. Das gilt vielerorts, die Bundesliga dürfte wieder die Zahl von 470000 Jahreskarten. erreichen. Auch in der Zweiten Liga wurden 170 000 Dauerkarten verkauft und 60 000 selbst in der Dritten Liga.

Und vielleicht ist das die wahre Erfolgsgeschichte des deutschen Fußballs: Die Spitze mag schmal und zunehmend schwach sein, aber dafür geht es vielen anderen eigentlich ziemlich gut.

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