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Die Diskussion um priorisierte Impfungen für Spitzensportler ist in vollem Gange. Foto: imago/Sven Simon
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Impfdebatte vor Fußball-EM und Olympischen Spielen Sollen Profisportler bevorzugt geimpft werden?

Je näher die großen Events des Jahres kommen, desto lauter werden die Forderungen aus dem Sport beim Thema Impfen. Das sorgt für Empörung.

Der renommierte Pharmakologe Fritz Sörgel nimmt zu Hause gerne mal die Fernbedienung in die Hand und entscheidet sich dann oft – für den Sport. Als gebeutelter und gleichsam bekennender Fan des 1. FC Nürnberg interessiert er sich für die Zweite Liga. „Aber auch für die erste Bundesliga und für das Ausland“, erzählt der 70-Jährige dem Tagesspiegel. „Mich interessiert auch, was ein Klopp oder Hasenhüttl machen.“ Fritz Sörgel geht es da wie vielen Millionen anderen. Der Profisport bietet ihnen Unterhaltung, Abwechslung – und ein Stück weit Normalität in gänzlich unnormalen Zeiten. Deshalb tut sich auch Sörgel ziemlich schwer in der Frage, ob Profisportler bevorzugt geimpft werden sollten.

Diese Debatte nimmt so langsam Fahrt auf, weil die großen Sportereignisse wie die Fußball-Europameisterschaft im Juni und Juli sowie die Olympischen Spiele und die Paralympics im Juli und August nicht mehr allzu fern liegen. Und nach wie vor geben die Organisatoren und Ausrichter vor, die Wettbewerbe wie geplant stattfinden lassen zu wollen. Und das, obwohl nach wie vor kein Ende der Pandemie abzusehen ist. Schon gleich gar nicht bis zu diesem Sommer.

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Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, sprach sich vor wenigen Tagen dafür aus, dass die Athlet*innen in Tokio im zweiten Quartal „möglichst bald an die Reihe kommen sollten. Nicht im Sinne einer Bevorzugung, sondern dann, wenn genügend Impfstoff da ist“. Das las sich natürlich merkwürdig, und zwar so: Wir wollen nicht bevorzugt werden, aber doch ein bisschen früher drankommen als der Normalbürger (der nicht zu einer Risikogruppe gehört).

Etwas weniger verschwurbelt äußerte sich Boris Obergföll, der Bundestrainer der so starken deutschen Speerwerfer. „Aus Deutschland werden rund 1000 Athleten und Betreuer nach Tokio reisen. Das sind 1000 von 83 Millionen Menschen“, sagte er. „Sie sollten geimpft werden – und wenn es geht, im Juni und nicht zwei Wochen vor den Spielen. Darüber sollte man nachdenken.“

Sowohl die Worte von Hörmann als auch von Obergföll lösten mitunter Empörung aus. Als dann am Dienstag Bayern-Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge davon sprach, dass geimpfte Profi-Fußballer ja Vorbilder bei der Impfung sein könnten, hatte sich der professionelle Sport einmal mehr in dieser Pandemie in ein denkbar schlechtes Licht gerückt.

Von Beginn an war die Fortführung des Sport-Profibetriebes während der Coronavirus-Pandemie kritisch betrachtet worden. Viele halten es bis heute für kaum akzeptabel, dass in einer Zeit, in der so gut wie keine Veranstaltungen erlaubt, Restaurants geschlossen sind und überhaupt das gesellschaftliche Leben stark eingeschränkt ist, der Spielbetrieb in den diversen Profiligen stattfindet. Es stellt sich die Frage: Gibt es ein gesellschaftliches Verlangen nach Profisport und großen Sportevents oder sind es rein wirtschaftliche Gründe der Verbände und Klubs, die für den Spielbetrieb in Coronazeiten ursächlich sind?

"Warum sind die jetzt vor mir dran?“

Geradezu unerträglich ist für viele Menschen hierzulande die Vorstellung, dass die ohnehin schon Privilegierten trotz frappierender Impfknappheit früher als der große Rest den schützenden Piks bekommen sollen.

„An sich wären 1000 Athleten kein Problem“, sagt Sörgel. „Aber natürlich bezieht das dann jeder, der länger warten muss, auf sich und fragt sich: Warum sind die jetzt vor mir dran?“ Auch die Grünen-Sportpolitikerin Monika Lazar lehnt eine Priorisierung der Athlet*innen in der Impfverordnung ab. Sie würde es ihnen wünschen, „dass die Corona-Schutzimpfungen nun so schnell vonstattengehen, dass sie vor den eventuell im Sommer stattfindenden Spielen in Tokio auch geimpft sind“, sagt sie dem Tagesspiegel.

Doch bei Einhaltung der aktuellen Impfverordnung dürfte das bei dem schleppenden Impftempo nichts werden für die Sportlerinnen. „Den Olympioniken läuft die Zeit davon, zumal ja auch noch eine zweite Dosis verabreicht werden müsste“, merkt Sörgel an. Der Nürnberger Biochemiker findet, dass ein Ethikrat schnell die Gespräche über das heikle Thema der Priorisierung von Sportlern aufnehmen sollte.

Mehr noch als die Debatte um die Impfbevorzugung beschäftigt ihn aber die Frage, ob es überhaupt Sinn macht, die Olympischen Spiele und die anschließenden Paralympics im Sommer auszutragen. Er halte es logistisch für kaum machbar, die beiden Veranstaltungen in Tokio mit insgesamt rund 15 000 Athletinnen und Athleten aus 200 Ländern plus einer riesigen Schar an Medienvertretern, Funktionären, Schiedsrichtern und Volunteers sicher zu organisieren.

„Es mag ja sein, dass man eine Weltmeisterschaft oder ein Tennisturnier in einem fast virusfreien Land hinkriegt“, sagt Sörgel. „Wenn aber über 30 Disziplinen nebeneinander laufen müssen mit einem Olympischen Dorf zur Beherbergung, kann das wirklich klappen?“ Sörgel befürchtet, dass das Event „zu einer riesen Virusschleuder in alle Welt hinaus wird, wenn die Teams aus Sportlern und Funktionären in rund 200 Länder zurückkehren. „Das IOC hofft auf ein Wunder, aber dieses Wunder wird nicht kommen“, sagt er. Grünen-Politikerin Lazar erwartet daher vom IOC „eine transparente Kommunikation über einen Plan B für den Fall, dass die Spiele aufgrund der Pandemielage dieses Jahr erneut verschoben oder ganz abgesagt werden müssen“.

Doch von einem Plan B hat das IOC noch nichts verlauten lassen. Erst am Mittwoch stellten die Organisatoren der Spiele in einer Videoschalte die Verhaltensregeln für die akkreditierten Journalist*innen vor. Diese sollen sich in Tokio in der Olympia-Bubble bewegen, keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen und sich möglichst nur von Unterkunft zu Wettkampfstätte begeben. Es wurde auch eine Videobotschaft von IOC-Präsident Thomas Bach eingespielt. Er freue sich auf die Spiele und sie sollen zu einem Zeichen der Solidarität und der Resilienz in diesen schwierigen Zeiten werden, sagte er. Am Ende hob er den Daumen. Alles wird gut. Der Mann ist Berufsoptimist.

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