Die Drei von der ... Ersatzbank. Nach der 0:2-Heimniederlage gegen Stuttgart hat Trainer Bruno Labbadia (r.) einigen Spielern eine falsche beziehungsweise fehlende Körpersprache attestiert. Manager Michael Preetz (m.) und Sportdirektor Arne Friedrich (l.) werden ihm nicht widersprochen haben. Foto: Koch/Imago
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Hertha nach dem 0:2 gegen Stuttgart Wie im falschen Hemd

Hertha BSC ist besser, als nach dem 0:2 gegen Stuttgart scheint. Doch wer den großen Umbruch will, muss Brüche in Kauf nehmen.

Es war nur eine kleine Szene an der Seitenlinie, eine, die nicht viele der zugelassenen 4000 Zuschauer im weiten Rund des Olympiastadions mitbekamen. Aber es war eine Szene, die sinnbildlich für das steht, was gerade bei Hertha BSC läuft – oder eben auch nicht. Zu Beginn der zweiten Halbzeit sollte Dodi Lukebakio eingewechselt werden, doch der Belgier hatte nicht sein Trikot an, sondern das seines Mitspielers Javairo Dilrosun. Erst nach einem Hinweis von der Ersatzbank wurde der Fauxpas bemerkt, Lukebakio wechselte das Hemd.

Mal unabhängig davon, dass Lukebakio mit seinen 188 Körperzentimetern gut einen halben Kopf größer ist als Dilrosun (174), so zeigte es doch, dass derzeit beim Hauptstadtklub nicht einmal mehr die einfachsten Dinge funktionieren. Wie soll es dann erst mit dem großen Ganzen sein?

Die 0:2-Niederlage vom Samstag gegen den ersatzgeschwächten Aufsteiger VfB Stuttgart nach einer insgesamt enttäuschenden Leistung der Berliner war ein weiteres Indiz dafür, dass im Augenblick nicht viel zusammenpasst beim ambitionierten Bundesligisten aus Westend. Oder auch anders gesagt: Hertha war schon mal besser. „Es gibt Dinge, da waren wir vor zwei Monaten weiter“, gab Bruno Labbadia am Sonntag zu. Und das hat seine Gründe.

Vier der fünf Pflichtspiele in dieser noch jungen Spielzeit gingen verloren. Saisonübergreifend hat Hertha samt Vorbereitung acht der letzten zehn Spiele verloren. Lediglich der Test gegen den Drittligisten Viktoria Köln sowie der Bundesligaauftakt in Bremen konnten gewonnen werden. In den Pflichtspielen dieser Saison gab es bereits 15 Gegentore, davon fünf nach Standardsituationen. „Wir dürfen diese vier von fünf Spielen nicht verlieren mit der Mannschaft, die wir haben“, hatte Maximilian Mittelstädt nach dem Samstagspiel gesagt.

Gegen den VfB gingen die Köpfe runter – keine gute Körpersprache

Diese Ansicht teilen wohl viele. Von den Namen her, von der Qualität der einzelnen Spieler, erscheint die Hertha-Mannschaft der Spielzeit 2020/21 besser, als sie es momentan ist. Das Problem ist, dass Hertha die Begabung des Einzelnen nicht als mannschaftliche Summe auf den Platz bekommt. Und so fiel gegen Stuttgart negativ auf, dass einige Spieler sich nach missglückten Aktionen vorwurfsvolle Gesten zuwarfen.

„Mir haben einige Dinge nicht gefallen“, sagte Herthas Trainer anderntags. Nach dem frühen Gegentor habe die Mannschaft keine gute Reaktion gezeigt, wie sie das vor zwei Wochen bei den Bayern noch gut gemacht habe. Gegen den VfB gingen die Köpfe runter – keine gute Körpersprache, keiner ging in die Verantwortung, zu wenige wehrten sich. „Fehler passieren, aber aus einem kleinen Grund, die Linie zu verlieren und sich runterzuziehen, geht nicht“, sagte Labbadia. „Da werden wir ansetzen.“
Vermutlich ist es zu früh, von einer handfesten Krise zu sprechen; eine Ergebniskrise aber ist es allemal.

Keine Frage, die Lage ist alarmierend, aber nicht aussichtslos. Zumal sich einige Probleme erklären lassen. Ein gutes Dutzend Auswahlspieler hatten die Berliner in den vergangenen zwei Länderspielwochen abstellen müssen. Das mussten auch andere Bundesligisten, aber kaum ein anderer Klub hat einen solchen Kaderumbruch zu meistern wie die Berliner. Über ein Dutzend Spieler hat Hertha verlassen, darunter gesetzte, aber in die Jahre gekommene Führungs- und Achsenspieler.

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Fast so viele Spieler sind neu dazugekommen, Spieler mit Begabung, aber auch Spieler, die mehrheitlich der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Selbst jene, die vor oder während der vergangenen Spielzeit kamen, etwa Dedryck Boyata und Lukebakio, sowie die Winterzugänge Krzysztof Piatek oder Matheus Cunha haben in der Kommunikation Defizite. „Dadurch fehlt einem Spieler oft das Zutrauen, auf dem Platz klare Hinweise zu geben, zu kommunizieren“, sagte Labbadia. Das alles macht die Team- und Hierarchiefindung komplizierter. „Gerade jetzt leben wir davon, als Mannschaft zu funktionieren“, sagte Labbadia. Wenn zwei oder drei Spieler von der Leistung wegbrächen, sei das zu viel, „weil wir noch nicht die Struktur haben, die wir dauerhaft haben wollen“.

Viele Neue und viel Neues müsse erst noch zusammengeführt und verinnerlicht werden. Und es wird auch noch ein Weilchen dauern, bis alles passt. „Wir haben zu viele Schwankungen drin, Dinge, die uns aus dem Gleichgewicht bringen. Oft sind das individuelle Fehler, aber die von immer wieder anderen Spielern“, sagte Labbadia.

Vielleicht wurde mit dem frischen Kapital des Investors im Rücken zu sehr der Umbruch betrieben. Auch in der Hoffnung, sich plötzlich Spieler leisten zu können, schon weil sich die Mehrheit der Konkurrenz auf Grund der Coronakrise zurückhalten musste. Doch genau das hatte dazu geführt, dass die meisten Vereine ihren Kader zusammenhielten und so recht wenig Bewegung auf dem Transfermarkt herrschte. Wie dem auch sei – es ist gerade ein bisschen viel, an dem Hertha zu knabbern hat.

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