Da fehlt doch was. Die Ultras von Hertha BSC streiten sich mit der Geschäftsführung des Klubs – Leidtragende aber könnten die Spieler sein, die schon gegen Leipzig ohne die Unterstützung der Fans ein Auswärtsspiel im eigenen Stadion hatten. Foto: dpa
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Hertha BSC und der Streit mit den Ultras Pal Dardai: "Wir müssen schnell eine Lösung finden"

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Der Streit mit den Ultras macht Hertha BSC nervös – weil er den sportlichen Erfolg der Mannschaft gefährden kann.

Es war nicht kurz vor, sondern schon kurz nach zwölf, als die dezimierte Delegation von Hertha BSC durch die Tür trat. Zur turnusgemäßen Pressekonferenz vor dem Bundesligaspiel bei Fortuna Düsseldorf erschienen Pressesprecher Marcus Jung und Cheftrainer Pal Dardai. Manager Michael Preetz fehlte. Meistens ist er bei solchen Anlässen ebenfalls anwesend, gelegentlich fehlt er wegen anderer Verpflichtungen. Am Donnerstag, so Pressesprecher Jung, hatte er „einen wichtigen Paralleltermin“ wahrzunehmen. Nach Informationen des Tagesspiegels befindet sich Preetz weiterhin auf freiem Fuß.

Ist das jetzt nicht ein bisschen sarkastisch? Gegenfrage: Kann man die aktuelle Situation, so ernst sie auch sein mag, ohne Sarkasmus überhaupt noch ertragen?

Am Mittwoch hatte die Fanhilfe Hertha BSC, eine Abteilung des Förderkreises Ostkurve, mitgeteilt, dass sie gegen Michael Preetz wegen Beleidigung und übler Nachrede Anzeige erstattet habe. Herthas Manager hatte nach den Geschehnissen beim Auswärtsspiel in Dortmund vor zwei Wochen klar Stellung bezogen. Er hatte die Gewalt gegen die Polizei scharf verurteilt. Was an seinen Aussagen justiziabel gewesen sein soll, darüber rätseln sie bei Hertha immer noch. Offiziell äußern aber will sich der Klub zu der Angelegenheit nicht – in der Hoffnung, dass sich jeder sein eigenes Bild macht und zu dem Ergebnis kommt: Das ist doch alles irre.

Inzwischen ist auch die Mannschaft betroffen

Dass Preetz bei der Pressekonferenz am Donnerstag fehlte, war angesichts der aufgeheizten Stimmung vermutlich die einzig vernünftige Entscheidung. Andernfalls wäre er auf dem Podium wohl kaum zum anstehenden Spiel in seiner Heimatstadt Düsseldorf gegen seinen Stammverein Fortuna vernommen worden, sondern ausschließlich zum Duell Preetz vs. Ultras. Zu einem Thema also, das den Klub mehr beschäftigt, als ihm lieb ist, und das daher zumindest von Vereinsseite nicht weiter befeuert werden soll. „Je schneller die Sache gelöst wird, desto besser“, sagte Trainer Pal Dardai, der mit seiner Mannschaft spätestens seit voriger Woche nicht mehr nur mittelbar von der Angelegenheit betroffen ist.

Hertha hofft, dass der Runde Tisch am Donnerstag ein erster Schritt zur Annäherung war und der Wiedereinstieg in den Dialog. Offenbar nahmen anders, als zuletzt verlautet, auch aktive Fans an der Veranstaltung teil. Die Ultras hatten den Dialog mit der Vereinsführung vor knapp zwei Jahren beendet. Über das weitere Vorgehen habe man Vertrauen vereinbart, teilte Hertha am Abend mit.

Die Angelegenheit nagt an Hertha. Der Klub ist angefasst, er wirkt deutlich nervöser als in den vergangenen Jahren, in denen der Verein zur Stabilität zurückgefunden hat. Im Moment ist Hertha erkennbar um gute Presse bemüht. Beim Heimspiel gegen Leipzig vor einer Woche wollten und sollten die Mitarbeiter der Geschäftsstelle nach dem Schlusspfiff auf dem Rasen einen Kreis bilden, um Geschlossenheit zu demonstrieren – aber auch, um die Botschaft zu transportieren: Wir lassen es nicht zu, wenn einer von uns, nämlich Digitalchef Paul Keuter, zum Sündenbock gemacht wird. Die Aktion wurde kurzfristig abgesagt, was angesichts des Ergebnisses (0:3) und der heiklen Stimmung wohl die richtige Entscheidung war.

Hertha droht ein trister Herbst und ein eisiger Winter

Die Fans in der Ostkurve hatten das Spiel gegen den verhassten Plastikklub Rasenballsport Leipzig mit anhaltendem Schweigen begleitet. Der Rest des Stadions ließ es ungehindert geschehen. Es war ein Vorgeschmack darauf, dass Hertha ein trister Herbst und ein eisiger Winter droht. Eine Deeskalation erscheint im Moment utopisch.

Pal Dardai wollte die klare Niederlage gegen die Leipziger nicht mit der miesen Stimmung im Stadion begründen – das wäre ihm wohl zu billig gewesen. Vor dem Spiel aber hatte er noch von einem funktionierenden Dreieck aus Mannschaft, Trainer und Fans gesprochen, das Voraussetzung für sportlichen Erfolg sei. Ohne Fans fehlt dem Dreieck eine Ecke. „O“, sagte Dardai, als er am Donnerstag zur aktuellen Situation befragt wurde. Dann ließ der Ungar erst einmal die Luft zwischen seinen Lippen entweichen. „Sehr schwieriges Thema.“

Spätestens am vergangenen Samstag, als Herthas Mannschaft im eigenen Stadion ein Auswärtsspiel bestreiten musste, hat das Thema auch die Spieler erreicht. „Bestimmt diskutieren sie darüber“, sagte Dardai. Ein anhaltender Streit mit dem eigenen Anhang kann all das in Frage stellen, was die Mannschaft sich in den ersten Wochen dieser Saison erarbeitet hat. „Wir müssen eine gute Lösung finden“, forderte Dardai. Wichtig sei, dass die Ruhe zurückkehrt. „Herthaner gegen Herthaner“, sagte Dardai. „Versteh ich nicht.“

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