Molekularbiologe Werner Franke (m.) ließ sich am Donnerstag nicht beruhigen. Er wollte sich gewaltsam Zugang zur Pressekonferenz der Doping-Opfer-Hilfe verschaffen. Foto: dpa
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Handgreiflichkeiten bei Doping-Opfer-Hilfe Unwürdiger Ringkampf um die Doping-Deutungshoheit

Auf einer Pressekonferenz der Doping-Opfer-Hilfe eskaliert der Streit früherer Verbündeter. Es kommt zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung.

Michael Lehner, Vorsitzender der Doping-Opfer-Hilfe (DOH), hatte in bester Security-Manier draußen vor der Tür Position eingenommen. Sein Blick war wach, seine Körperhaltung angespannt. In wenigen Minuten wollte er in aller Ruhe in einer Pressekonferenz über die aktuelle Situation der DOH unterrichten, die sich für Geschädigte des Doping-Systems der DDR einsetzt. Das Problem war nur, dass sich am Donnerstag ein ungebetener Gast angekündigt hatte: Werner Franke, einer der renommiertesten deutschen Molekularbiologen und ein an diesem Mittag ziemlich böser alter Mann.

Franke erschien dann auch, Lehner verwehrte ihm den Zutritt und es kam zu einer ersten Rangelei. Doch der Furor des Werner Franke entfaltete erst eine halbe Stunde später seine volle Kraft. Dann nämlich, die Pressekonferenz war bereits in vollem Gange, riss Franke die Tür zum Konferenzraum auf und schrie, dass er mal ein paar Dinge klarstellen müsse. Lehner stand auf, schrie Franke an, dass er den Raum verlassen solle. Der weigerte sich freilich, weshalb es zu einer Art Senioren-Ringkampf der beiden Herren kam. Am Ende der Einlage hatte Lehner den Eindringling abgewehrt. Franke lud die staunenden Besucher daraufhin zu einer eigenen kleinen Pressekonferenz ein. „Dann hören Sie die Wahrheit.“

Franke bildet die Spitze des Widerstands gegen die DOH

Nun könnte man über die Emotionalität und Vitalität dieser älteren Herren schmunzeln, wenn die Sache nicht so ernst wäre. Die DOH streitet seit fast 20 Jahren für Entschädigungszahlungen an die DDR-Dopingopfer. Sie tut das mit großem Erfolg. Aktuell gibt es 1000 anerkannte Dopingopfer, der Bundeshaushalt erhöhte kürzlich die Mittel auf insgesamt 13,65 Millionen Euro.

Doch als die Opferzahlen immer weiter wuchsen und plötzlich auch Dopingsünder wie der Olympiasieger im Zehnkampf, Christian Schenk, Ansprüche auf Entschädigung signalisierten, gab es zunehmenden Widerstand gegen die DOH. Die Spitze dieses Widerstandes bildete von Beginn an Franke mit ein paar Mitstreitern. Dabei war Franke lange Zeit selbst sehr engagiert in der DOH, er fertigte viele Gutachten an. Doch das ist ein paar Jahre her. Inzwischen ist er gegenüber der DOH und seinen Vertretern nur noch hasserfüllt.

„Sie wollen den edlen Gentleman. Aber den kriegen sie heute nicht“, sagte er in seiner eigenen Runde und prahlte mit seinen Kämpferqualitäten. Schließlich habe er früher bei den schweren Pionieren Dienst geleistet. Franke erklärte auch noch einmal den Grundkonflikt im Streit mit der DOH. Der 79-Jährige glaubt, dass die DOH die Opferzahlen künstlich hochtreibt, etwa durch die dort vertretene Auffassung, dass es per DNA vererbte Schäden gibt. „Ich kann nicht tolerieren, was in manchen Gutachten für eine Scheiße steht", sagte er. "Ich habe die Venia legendi für das Fach Genetik."

Tatsächlich herrscht im wissenschaftlichen Diskurs Uneinigkeit darüber, ob Dopingschäden an eine zweite Generation vererbt werden können. Aber derlei fachspezifische Dinge wurden am Donnerstag überstrahlt von einem höchst unwürdigen Infight.

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