Dirigent für ganz Korea. Trainer Young Shin Cho gibt im WM-Eröffnungsspiel Anweisungen. Foto: Fabrizio Bensch/Reuters
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Handball-WM 2019 Leichte Kost aus Korea

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Nach dem WM-Eröffnungsspiel loben die deutschen Spieler die chancenlosen Koreaner. Der Gegner freut sich über ein historisches Duell.

Cho Yeong Sin strahlte, als wäre er gerade zum General befördert worden. Ganz offiziell ist der 51-Jährige beim südkoreanischen Militär angestellt; er gehört der Sportabteilung an und ist in diesen Januartagen in entsprechender Funktion unterwegs. Cho verantwortet das vereinte Team aus Nord- und Südkoreanern, das am Donnerstagabend zum Auftakt der Handball-Weltmeisterschaft in Berlin mit elf Toren gegen Gastgeber Deutschland verloren hatte (19:30). „Nur mit elf Toren“, wie Cho betonte. Für die Koreaner war das Ergebnis und ihr wehrhafter Auftritt ein ebenso großer Erfolg wie die Geschichte, die sie der Welt erzählen durften. „Ich habe die Mannschaft als Kapitän auf dieses Spiel eingeschworen und nicht als Nord- oder Südkoreaner“, berichtete Jung Su-Young später.

Für den asiatischen Vertreter besaß der Abend also durchaus eine historische Dimension – für die Deutschen stellte er, bei allem Respekt vor dem Gegner, nicht mehr als eine zielführende Pflichtübung dar: Auf dem Papier mag es sich beim Duell mit den Koreanern um das Eröffnungsspiel der 26. Handball-Weltmeisterschaft gehandelt haben, tatsächlich war es eher ein allerletzter Test, bevor es gegen Brasilien, Russland, Frankreich und Serbien ernst wird im Turnier. „Wir können uns sicher noch steigern, aber für den Anfang war das absolut in Ordnung“, sagte Paul Drux. Gerade zu Beginn war den Nationalspielern eine gewisse Nervosität nicht abzusprechen. „Wir haben alle davon geträumt, bei der WM im eigenen Land dabei zu sein“, erzählte Linksaußen Matthias Musche, „da hast du natürlich auch Gänsehaut und zittrige Hände, wenn du in die Halle einläufst.“ Das mit den zittrigen Händen setzte sich später fort: Im Arbeitsnachweis des koreanischen Keepers Jaeyong Park standen nach 60 Minuten starke 17 Paraden. „Im Abschluss haben wir noch Luft nach oben“, sagte Musche.

Bob Hanning sorgt für Irritationen

Das galt auch für die Kulisse und die Atmosphäre. Ja, es war laut in der Arena am Ostbahnhof, phasenweise sogar verdammt laut. Ja, die 13 500 Besucher in der Halle und die prominent besetzte Ehrentribüne unterstützten die deutsche Mannschaft. „Sie haben uns gepusht“, sagte Nationaltorhüter Andreas Wolff – jedenfalls in der Phase, in der es nötig war, also gute zwanzig Minuten. So lange begegneten sich beide Teams zumindest einigermaßen auf Augenhöhe, wobei man das angesichts der physischen Unterschiede nicht zu wörtlich nehmen sollte. Im Grunde war ja vorher klar, wie das Spiel gegen die international zweitklassigen Koreaner ausgehen würde. „Korea hat das gut gemacht“, sagte Wolff, „aber ganz ehrlich: sie waren nicht unsere Kragenweite.“ Bundestrainer Christian Prokop zeigte sich trotzdem zufrieden. „Alle Spieler haben ins Turnier gefunden – das war das erklärte Ziel“, sagte er.

Überhaupt waren die Beteiligten bemüht, das Positive in den Vordergrund zu rücken. Allerdings ließ sich nicht leugnen, dass im Laufe des ersten Turniertages auch Dissonanzen zu Tage getreten waren. Die Abreise von Rechtsaußen Tobias Reichmann, von Prokop kurzfristig aus dem auf 16 Spieler zu reduzierenden Kader gestrichen, produzierte Schlagzeilen, auf die sie beim Deutschen Handball-Bund (DHB) gern verzichtet hätten. Reichmann flog spontan in die USA und brachte sich damit auch um die Chance, im Fall der Fälle nachnominiert zu werden. Ausgeschlossen ist dieses Szenario nicht: Prokop darf während der WM drei Mal Personal tauschen und hat für Reichmanns Position nur noch Patrick Groetzki im Aufgebot. Im Mannschaftskreis, betonten die Nationalspieler auffällig geschlossen, sei das allerdings kein Thema gewesen. „Gibt es noch seriöse sportliche Fragen?“, fragte Wolff und wartete die Antwort gar nicht erst ab.

Dem Vernehmen nach hat auch der Pullover von DHB-Vizepräsident Bob Hanning für Missstimmung in der Führungsspitze gesorgt. Hanning war am Tag vor dem Turnierstart mit einem teuren und extravaganten Designer-Pullover aufgetreten – wenige Stunden, nachdem ihn die Deutsche Presse-Agentur mit folgendem Satz zitiert hatte: „Wir wollen keine goldenen Steaks essen, sondern nahbar bleiben.“ Das war Hannings Kommentar zur jüngsten Debatte um Fußballer Franck Ribéry. Das Timing hätte kaum schlechter sein können.

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