Ein Spiel geht noch. Zum letzten Mal werden die Fans des SV Darmstadt 98 am Samstag auf der alten Gegengeraden stehen. Foto: imago/Jan Huebner
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Gegengerade im Stadion am Böllenfalltor Das letzte Stück alte Fußball-Zeit verschwindet

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Es gibt in den beiden höchsten deutschen Fußball-Ligen nur noch eine unüberdachte Tribüne. Sie steht in Darmstadt. Aber nicht mehr lange.

Mit Weihnachten ist es immer so eine Sache. Jeder sucht das ausgefallene Geschenk, will weg von Pralinen oder Socken. Warum also nicht mal einen Wellenbrecher verschenken? Oder eine Betonstufe? Diese speziellen Stücke standen bis einschließlich Donnerstag im Online-Shop des SV Darmstadt 98 zum Verkauf. Einen Wellenbrecher, vier Meter lang, 1,30 Meter hoch, etwa 100 Kilogramm schwer, gibt es für 198 Euro. Die Betonstufe, Gewicht 300 Kilo, ist für 49,98 Euro zu haben. Die Nachfrage ist groß. Schließlich sind es Originale aus dem Stadion am Böllenfalltor. Von der Gegengeraden, die am Samstag mit Darmstadts Zweitliga-Heimspiel gegen den FC Ingolstadt endgültig in den Ruhestand verabschiedet und dann zügig abgerissen wird.
Die meisten Stadien sind heute Arenen – neu, schick, familienfreundlich. Und dann ist da noch das Böllenfalltor, 1921 eröffnet. Alt, zugig, traditionell. Sehnsuchtsort für alle, die den Fußball von früher suchen. Nach Darmstadts sensationellem Bundesliga-Aufstieg 2015 entstand ein wahrer Hype. Der Verein kokettierte mit dem Stadion. Präsident Rüdiger Fritsch sagte, er wischt feucht durch, bevor der FC Bayern kommt.
Über allem thront die zwölf Meter hohe Gegengerade mit ihren 66 Stufen. „Einzigartig war der Blick auf die steilen Ränge, wenn man aus dem Spielertunnel kam“, erinnerte sich der frühere Darmstadt-Profi Carsten Lakies im Buch „Bölle“. Die Gegengerade passt so wenig in die Hochkommerz-Zeit des Fußballs wie ein VW Käfer auf die linke Spur der Autobahn. Aber beide haben ihre glühenden Verehrer. Einst auf Kriegsschutt errichtet, bietet sie inzwischen Platz für 7500 Zuschauer, besteht bis auf einige später im Gästeblock montierte Sitzschalen – die der FC Augsburg in seinem Stadion nicht mehr brauchte – nur aus Stehplätzen und ist seit exakt 40 Jahren unverändert. Allein in diesem Jahrtausend sah sie Spiele in vier Ligen. Sie ist die letzte komplette Tribüne ohne Dach in den beiden obersten deutschen Spielklassen.

Uhr, Terrarium und Vogelhäuschen

Markus Polak war erstmals 1989 im Stadion, mit seinem Vater auf der Haupttribüne, bei einem 0:0 gegen den 1. FC Saarbrücken. Inzwischen steht er seit langer Zeit auf der Geraden. Nah der Mittellinie, weit unten. Der 36-Jährige ist nicht nur Mitglied im Fanklub „Gegengerade 1898“, sondern bildet mit zwei weiteren Ehrenamtlichen das „Team Stadionführungen“. Erstmals gab es Führungen im Frühjahr beim sogenannten Lilien-Tag. Die Nachfrage war enorm. Daher werden es bis Jahresende rund 90 sein, „fast alle waren ausgebucht“, sagt Polak. Geboten wird unter anderem ein Blick auf die alte Uhr in der Nordkurve, das Terrarium im Kabinentrakt oder das Vogelhäuschen an der Haupttribüne, alle seit langem außer Dienst. In erster Linie buchen Fans die Führung, um vor dem Umbau – nach der 18 Millionen Euro teuren neuen Gegengeraden ist die Haupttribüne an der Reihe – den anderen Blick auf ihr Stadion zu bekommen. Aber auch das Regierungspräsidium Darmstadt und die Wanderabteilung des Vereins waren da.
Gut 20 Minuten der knapp zweistündigen Reise durch die Geschichte des Böllenfalltors nimmt die Gegengerade ein, Polak weist gern auf den kleinen Grünstreifen am Zaun hin. „Dort kicken während der Spiele oft kleine Kinder“, sagt er. Und wenn ein Ball Richtung Spielfeld fliegt? „Wirft ihn ein Ordner zurück.“ Polak mag besonders die Momente, wenn das ganze Stadion im Schatten liegt, die Gegengerade aber noch in der Sonne. „Magisch“, nennt er das.
Sie lieben ihre angejahrte Tribüne in Darmstadt, mit allen Eigenheiten. „Es ist eine Tribüne der Extreme“, sagt Polak. Diese reichen von Schwitzen bei 35 Grad und praller Sonne bis Einschneien im Winter. Bald ändert sich das, auf die in Zukunft kombinierte Sitz- und Stehgerade, die in einem Jahr eröffnet werden soll, kommt ein Dach. Wie von der Deutschen Fußball Liga gefordert.
Mit dem jetzigen Stadion ist kein Geld zu verdienen, es verschlingt nur welches. „Ohne den Umbau würde es bald keinen Profifußball in Darmstadt mehr geben. Bei den meisten Fans siegt daher Vernunft über Emotion“, sagt Polak. Was natürlich nicht heißt, dass der Abschied einfach wird: „Am Samstag ist brutal viel Wehmut dabei.“ Eigentlich sollte der Abriss bereits nach der vergangenen Saison beginnen, die Fans präsentierten zum letzten Spiel gegen Erzgebirge Aue im Mai eine große Choreografie. Dabei richteten sie auf einem Plakat Worte direkt ans Bölle: „So wie Du muss Fußball sein.“

Die Bagger stehen bereit

Danach kam es zu Verzögerungen wegen der langwierigen Suche nach einem Bauunternehmen, nun jedoch ist das Ende nah. Die Bagger stehen bereit. Gegen Ingolstadt werden die Gäste-Fans auf der Nordtribüne untergebracht, die Gegengerade gehört den Darmstädtern. Einen Tag später können diejenigen ihre Erinnerungsstücke abholen, die bei der Aktion „Gegengerade lebt weiter“ einen Wellenbrecher oder eine Betonstufe gekauft haben. Oder beides. Für den Abtransport ist der Käufer zuständig, teilt die Fan- und Förderabteilung des Vereins vorsorglich mit. Wer bisher nicht zugeschlagen hat, bekommt weitere Gelegenheiten. Dann ist alles etwas handlicher. Im Angebot sind ein abgesägter Wellenbrecher-Ring, ein Zaunstück in Form eines Hashtags oder das Bruchstück einer Stufe.

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