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Stanislawa Walasiewicz (l.) war in ihrer besten Zeit kaum zu bezwingen. Foto: Getty Images
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Gefeiert, verschmäht, ermordet, vergessen Die erste Istaf-Weltrekordlerin war zu maskulin für ihre Zeit

Stanislawa Walasiewicz lief 20 Weltrekorde. Sie trug ein Geheimnis in sich, das nach ihrem Tod bekannt wurde. Seither will sich kaum jemand an sie erinnern.

Es gibt da diesen Filmschnipsel aus einer britischen Sendung namens "Hotshots", die irgendwann Anfang der 1930er-Jahre ausgestrahlt worden sein muss. Er zeigt eine junge Frau mit dunklem, lockigem Haar, das sich unter einer Mütze hervorkräuselt. Erst sieht man sie beim Speerwerfen, kurz darauf, wie sie einem Mann bei einem Sprint-Duell davonläuft. „Männer holen Frauen immer ein. Aber in diesem Fall hat der Mann keine Chance“, analysiert der Sprecher der Sendung die Szene. Er sagt: „Das ist vielleicht die erstaunlichste Athletin auf der Welt.“

Wie recht er hat. Stanislawa Walasiewicz oder auch Stella Walsh – wie sie sich später in den USA nannte – war die erstaunlichste Athletin ihrer Zeit. Mit großem Abstand sogar. Walasiewicz wurde Olympiasiegerin, Europameisterin und sie brach insgesamt 20 Weltrekorde in unterschiedlichen Disziplinen der Leichtathletik, die meisten im Sprint.

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Auch beim Berliner Leichathletikmeeting Istaf, das an diesem Sonntag sein 100. Jubiläum feiert, trat sie an. 1937, ein Jahr nach den olympischen Propagandaspielen der Nationalsozialisten, lief sie 11,6 Sekunden über 100 Meter. Es war der erste offizielle Weltrekord überhaupt, der beim Istaf erzielt wurde. 85.000 Zuschauerinnen und Zuschauer jubelten ihr im Berliner Olympiastadion zu. Walasiewicz war eine Pionierin für den Frauensport. In ihrem Geburtsland Polen wurde sie über mehrere Jahre hinweg zur Sportlerin des Jahres gekürt. Sie wurde auch in den USA hofiert von mächtigen Politikerin. Aber warum kennt Stanislawa Walasiewicz aka Stella Walsh kaum jemand mehr? Warum wird an ihre herausragenden Leistungen nicht erinnert?

Die Antwort auf diese Fragen ist differenziert. Sie hat auch damit zu tun, dass Walasiewicz die US-amerikanische Staatsbürgerschaft lange nicht annehmen wollte und in den USA außerhalb der polnischen Gemeinschaft eher als Fremde angesehen worden war. Ein weiterer Grund ist die generelle Bedeutungslosigkeit des Frauensports zu jener Zeit.

Die Kommentatoren berichteten herabwürdigend über ihr Äußeres. Foto: Getty Images Vergrößern
Die Kommentatoren berichteten herabwürdigend über ihr Äußeres. © Getty Images

Bei den Olympischen Spielen der Antike sollen, laut mehreren alten Quellen, die Frauen noch hingerichtet worden sein, wenn sie - als Männer verkleidet - die Wettkämpfe besuchten und aufflogen. Mitmachen durften sie ohnehin nicht. So schlimm stand es Anfang des 20. Jahrhunderts nicht mehr um den Frauensport. Aber akzeptiert war er noch längst nicht. Daher wurde sehr wenig und häufig auch abwertend über Athletinnen berichtet.

1980 fiel sie einem Gewaltverbrechen zum Opfer

Und nicht zuletzt hängt die Antwort auf die Frage, warum die phänomenale Stanislawa Walasiewicz zeitlebens und danach mehr oder weniger vergessen wurde, unmittelbar mit ihrem tragischen Tod zusammen. Am 4. Dezember 1980 fiel Walasiewicz auf einem Parkplatz in ihrer Heimatstadt Cleveland einem Gewaltverbrechen zum Opfer. Walasiewicz, mit 69 Jahren immer noch fit und stark, setzte sich gegen mehrere Angreifer zur Wehr. Es fiel ein Schuss. Walasiewicz, deren Bauch von der Kugel durchbohrt worden war, lag lange am Boden. Der Krankenwagen, der alarmiert worden war, hatte einen platten Reifen. Wenige Stunden später verstarb eine der größten Leichtathletinnen im St. Alexis-Krankenhaus in Cleveland.

Tragische Enden großer Persönlichkeiten sind oft der Beginn der Legendenbildung, des Nacherzählens der Biografien in allen Facetten, der Betonung der Bedeutsamkeit der Personen bis in die Gegenwart und darüber hinaus. Bei Stanislawa Walasiewicz? Nichts davon. Ihr Name scheint von der Leichtathletik getilgt worden zu sein. Der Grund dafür beschäftigt die Leichtathletik bis heute.

Walasiewicz hatte ein Geheimnis in sich getragen, das erst bei der Obduktion ans Tageslicht kam: Sie hatte nicht die körperlichen Merkmale einer cis Frau. Walasiewicz fehlte die Gebärmutter und sie hatte einen dysfunktionalen, unterentwickelten Penis. Eine Analyse sollte später ergeben, dass sie sowohl weibliche als auch männliche Entwicklung bestimmende Geschlechtschromosomen besaß. Die Berichterstatter und viele Menschen zu jener Zeit konnten nur zwischen Mann und Frau unterscheiden. Dazwischen gab es nichts. Für sie war der Fall klar: Walasiewicz war ein Mann, und – wohlgemerkt – seine Leistungen waren Betrug. Vielleicht der bislang größte in der Geschichte des Sports.

Der US-amerikanische Historiker Sheldon Anderson schrieb eine Biografie über Walasiewicz. Foto: Promo Vergrößern
Der US-amerikanische Historiker Sheldon Anderson schrieb eine Biografie über Walasiewicz. © Promo

Der US-amerikanische Sporthistoriker Sheldon Anderson ist einer der wenigen Menschen, die sich mit der außergewöhnlichen Geschichte der Stanislawa Walasiewicz beschäftigt haben. Anderson hat sogar ein Buch über sie geschrieben – „The Forgotten Legacy of Stella Walsh: The Greatest Woman Athlete of Her Time“ („Das vergessene Erbe der Stella Walsh: Die größte Athletin in ihrer Zeit“). Erschienen ist es im Jahr 2017. Das Erste, was Anderson im Zoom-Gespräch mit dem Tagesspiegel dazu einfällt, ist: „Ich habe überhaupt kein Geld mit dem Buch verdient. Stella Walsh war eine Unbekannte und sie wird wohl immer eine Unbekannte bleiben – dabei ist ihre Geschichte unglaublich interessant.“

Anderson hat massenweise Zeitungsarchive durchstöbert, Zeitzeugengespräche geführt, um sich ein Bild von der großen Unbekannten der Leichtathletik zu verschaffen. Besonders Letzteres war nicht einfach. „Ihre Familie wollte nicht mit mir über sie sprechen“, erzählt der 70 Jahre alte Wissenschaftler. „Vermutlich ist ihnen das Thema peinlich.“

Bis heute ist Intersexualität in großen Teilen der Gesellschaft ein Tabuthema. Ganz besonders auch im Sport. Die Organisationen des Sports wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Es gibt inzwischen etliche Fälle von Intersexualität im Leistungssport. Der bekannteste ist Caster Semenya. Die südafrikanische Mittelstreckenläuferin ist eine cis Frau mit natürlich erhöhtem Testosteronspiegel. Sie rannte jahrelang ihren Konkurrentinnen davon, bis der internationale Leichtathletikverband sie sperrte, dann wieder zuließ, dann wieder sperrte und sie jetzt unter strengen Auflagen (künstliche Reduzierung ihres Testosteronspiegels) wieder zulassen würde. Doch Semenya will ihren Hormonspiegel nicht herabsenken lassen.

Es ist ein ewiger Eiertanz. Das Problem: Die wissenschaftlichen Studien, die als Argumentationsgrundlage für oder gegen die Zulassung von intersexuellen Sportlerinnen dienen sollen, variieren stark. Und oftmals werden sie von Verbänden wie auch von Medienschaffenden nicht objektiv wiedergegeben, sondern als vermeintliche Belege für eine bestimmte Haltung fehlinterpretiert.

Caster Semenya will ihren Testosteronspiegel nicht künstlich herabsenken lassen. Foto: dpa Vergrößern
Caster Semenya will ihren Testosteronspiegel nicht künstlich herabsenken lassen. © dpa

Stanislawa Walasiewicz wäre vermutlich froh gewesen, wenn das Thema Intersexualität in der Gesellschaft zu ihrer Zeit überhaupt existiert hätte. Doch es wurde totgeschwiegen. „Ich weiß nicht“, sagt Walasiewicz-Biograf Anderson, „ob bei ihrer Geburt 1911 in Polen überhaupt ein Arzt dabei war.“ Heute, glaubt er, hätte man sie wahrscheinlich operiert.

Anderson schildert, dass Walasiewicz ein größtenteils einsames Leben geführt habe. „Sie wusste natürlich, dass sie anders war“, berichtet er. Sie habe nie mit anderen geduscht. Dann hält Anderson während des Video-Gesprächs ein Bild von Walasiewicz in die Kamera. Es zeigt die Frau mit einer schlecht sitzenden Perücke. „Sie hat sehr früh ihre Haare verloren, was sie noch maskuliner als ohnehin schon wirken ließ.“ In ihrem Umfeld in Cleveland hätten ein paar Menschen wohl von ihrer Intersexualität gewusst. „Aber sie haben das nicht groß weitererzählt. Wie gesagt: Man sprach nicht gerne über so etwas in dieser Zeit.“

Was für Walasiewicz das Leben lebenswert machte, war der Sport. Ihren großen Durchbruch feierte sie mit gerade einmal 19 Jahren in New York. Der Autor Rob Tannenbaum beschreibt in seinem sehr ausführlichen Artikel („The Life and Murder of Stella Walsh“), wie die junge Frau im Jahr 1930 drei neue Weltrekorde innerhalb von einer Woche aufstellte. Wie sie im New Yorker Madison Square Garden nach ihrem Rekord über 50 Yards (45 Meter) stehende Ovationen von 16.000 Menschen erhielt. Über fünf Minuten lang. Tannenbaum fand in den Archiven einen Artikel des monatlich erscheinenden Magazins der New York Central Line aus dieser Zeit. Darin erklärt Walasiewicz ihr Erfolgsgeheimnis: „Ich gehe immer um zehn Uhr abends schlafen. Ich bin nie nervös. Und ich werde nicht von den temperamentvollen Stürmen heimgesucht, wie sie bei Frauen angeblich immer auftauchen.“

Natürlich war der US-amerikanische Leichtathletikverband stark daran interessiert, Walasiewicz bei den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles für sein Team zu nominieren. Nun musste die Ausnahmesprinterin nur noch eingebürgert werden. Doch Walasiewicz verweigerte die Annahme der US-amerikanischen Staatsbürgerschaft. Der Grund: Bei einer Anstellung in einem Sport- und Freizeitzentrum, die ihr in Aussicht stand, hätte sie wahrscheinlich bei den Olympischen Spielen für die USA nicht auflaufen dürfen. Der Amateurstatus war Voraussetzung für eine Olympiateilnahme und ein sportverwandter Beruf galt als Verstoß gegen die Regelung.

Die Gründe für Walasiewiczs Entscheidung waren den Berichterstattern egal. Sie hatten sich ihr Urteil gebildet: Walasiewicz wollte sich nicht mit den US-amerikanischen Werten identifizieren. Sie würde nur für sich selbst gewinnen wollen, nicht aber aus einer patriotischen Gesinnung heraus, beklagte ein Journalist der „Washington Post“. Sie solle von den Olympia ausgeschlossen werden, titelte gar die „Los Angeles Times“.

"Sie wurde von führenden Sportjournalisten als hässlich beschrieben"

Über den gefeierten Star aus dem Madison Square Garden wurde plötzlich hergezogen – auf übelste Weise. Mehr und mehr konzentrierten sich die Medien in ihren seltenen Berichten über Walasiewicz auf ihr Äußeres. „Sie wurde von führenden Sportjournalisten des Landes als hässlich und männlich beschrieben. Es war wirklich schlimm“, erzählt der Historiker Anderson. „Frauen, die Wettkampfsport betrieben haben, sind ohnehin von den Männer sehr argwöhnisch betrachtet worden. Sie galten als Tomboys. So nannte man Frauen, die mehr männlich als weiblich waren.“ Und noch viel misstrauischer als auf die anderen Athletinnen schaute man auf Stanislawa Walasiewicz. So stand zum Beispiel in der französische Zeitung „L’Equipe“, dass man munkeln würde, dass sich Walasiewicz jeden Tag den Bart rasiere.

Die öffentlichen Verunglimpfungen hielten sie aber nicht davon ab, ihrer großen Leidenschaft, der Leichtathletik, nachzugehen. Bei den Sommerspielen 1932 in Los Angeles gewann sie vor 55.000 Zuschauer im Olympiastadion über 100 Meter die Goldmedaille – selbstverständlich in Weltrekordzeit (11,9 Sekunden). Vier Jahre später, bei den Spielen in Berlin, wurde Walasiewicz im 100-Meter-Finale von der US-Amerikanerin Helen Stephens besiegt. „Interessant war, dass polnische Reporter den Vorwurf erhoben, Stephens sei ein Mann und keine Frau“, erzählt Anderson. Die Anschuldigungen zwangen paradoxerweise Stephens zu einem Geschlechtstest, in dem ihre weibliche Sexualität bestätigt wurde.

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In ihrem Geburtsland Polen und auch in der polnischen Community in Cleveland war Walasiewicz auch nach ihrer sportlichen Karriere sehr geschätzt. Sie arbeitete als Trainerin in einem Sport- und Freizeitzentrum. Von ihren sportlichen Erfolgen konnte sie zumindest finanziell keinen Profit schlagen. „Sie war sehr arm“, sagt Anderson. „Hätte sie es im Baseball oder Volleyball versucht, wo sie auch sehr talentiert gewesen ist, hätte sie Geld verdienen können.“ Aber als Olympiasiegerin hätte sie eine Glamourfigur werden müssen wie Jesse Owens, der pro Jahr hunderttausend Dollar allein durch Reden verdiente. Doch die in sich gekehrte Walasiewicz war das Gegenteil von Glamour.

So schlug sie sich mit einem schlecht bezahlten Job durchs Leben. Dass Walasiewicz ein eher trauriges, einsames Leben führte, wie Anderson erzählt, korrespondiert auch mit weiteren Ergebnissen der Autopsie ihres Leichnams. Demnach war sie eine starke Alkoholikerin mit einer Lebenserwartung von noch etwa zwei Jahren, wie der Journalist Tannenbaum in seinen Recherchen herausfand.

Walasiewicz hatte das Pech, in einem Körper auf die Welt gekommen zu sein, für den die Gesellschaft noch nicht bereit war. Das Erbe von Stanislawa Walasiewicz ist weniger ihre sportliche Leistung. Sondern vielmehr das Bewusstsein dafür, wie schändlich mit Menschen wir ihr umgegangen wurde.

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