Vielleicht wird alles so wie früher: Bas Dost (rechts) will auch am Mittwoch (20.45 Uhr/ARD) mit Eintracht Frankfurt im Halbfinale des DFB-Pokals in München jubeln. Foto: Jan Huebner/Imago
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„Fußballfibel Eintracht Frankfurt“ Als ich beim Pinkeln einmal Bas Dost traf

Trotz des Halbfinals im DFB-Pokal beim FC Bayern ist die Realität von Eintracht Frankfurt grau. Ein neues Buch träumt von Klub-Legenden. Ein Vorabdruck.

Im Folgenden lesen Sie einen Auszug aus „Eintracht Frankfurt. Fußballfibel“ von Dominik Bardow. Das Buch umfasst 160 Seiten und kostet 12,99 Euro. Es ist erschienen in der Reihe „Bibliothek des Deutschen Fußballs“ und ab sofort bestellbar (ISBN: 978-3-73081620-2).

Es war Ende September 2019 in Berlin und ich stand im Wald und pinkelte. Der Tag zuvor war regnerisch gewesen, gegen Abend riss der Himmel auf und so war ich noch zur Alten Försterei gefahren. Die Fahrt von Kreuzberg nach Köpenick zog sich, trotz oder gerade wegen des Wegbiers.

Als ich aus der überfüllten Tram stieg, tat ich es den Fans von Union und Eintracht gleich und suchte das Dickicht entlang des Waldweges auf, der zum Stadion führte. „Typisch Hinti, kann nicht an sich halten!“, rief ein Union-Fan einem Frankfurter im Hinteregger-Trikot zu. Der Eintracht-Verteidiger war kurz zuvor wieder mit einer Alkohol-Eskapade in Österreich aufgefallen.

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Ich grinste über den Kommentar und fühlte mich leicht ertappt, als mir jemand von hinten auf die Schulter tippte. Ich spürte einen großen, dunklen Schatten hinter mir. Reflexartig drehte ich mich um. „Mann, doch nicht auf meine Schuhe“, rief Bas Dost empört.

Es war ein seltsamer Anblick, wie der 1,96 Meter große Holländer in voller Eintracht-Kluft vor mir stand und auf seine teuren Treter in Größe 48 schaute, die ich besudelt hatte. Ich hätte es jetzt seltsam finden können, plötzlich im Wald von einem Frankfurter Fußballprofi angesprochen zu werden, aber ich war es ja mittlerweile gewohnt.

„Weißt du, wo es hier zum Stadion geht?“, fragte Bas mit leierndem holländischen Akzent, nachdem er sich mit mehreren Blättern weitgehend seine wertvollen Füße getrocknet hatte. Die Frage wunderte mich nicht. Er war schließlich neu. Bas Dost spielte zum ersten Mal mit der Eintracht in Köpenick, Union war ja gerade aufgestiegen und der Stürmer erst einen Monat zuvor nach Frankfurt gewechselt. Der Niederländer, der in Portugal Tore in Serie geschossen hatte, sollte das beste Sturmtrio des Jahrzehnts ersetzen: Luka Jovic, Sébastien Haller und Ante Rebic.

Kann auch filigran: Manchmal streichelt Bas Dost den Ball ganz sachte. Aber meistens wuchtet der große Niederländer ihn einfach irgendwie ins Tor. Foto: Nordphoto/Imago Vergrößern
Kann auch filigran: Manchmal streichelt Bas Dost den Ball ganz sachte. Aber meistens wuchtet der große Niederländer ihn einfach irgendwie ins Tor. © Nordphoto/Imago

Diese Büffelherde genannte Urgewalt hatte in der vergangenen Saison fast sechzig Pflichtspieltore erzielt und sich danach, für 100 Millionen Euro Ablöse, über halb Europa verteilt: Madrid, London, Mailand. Diese drei zu ersetzen war nicht die dankbarste Aufgabe für einen 30 Jahre jungen Niederländer, der gerade einmal sieben Millionen Euro gekostet hatte und ganz offenbar nicht einmal das Stadion fand.

„Komm mit, ich muss auch hin“, sagte ich, zog den Reißverschluss zu und stapfte los. Bas folgte mir schlaksigen Schrittes, ein schiefer Menschenturm mit schütterem Haar und vollem Bart.

Mit seiner Körperlänge überragte er mich noch einmal, und ich war schon 1,92 Meter groß. An guten Tagen sah ich aus wie Mats Hummels, wurde mir manchmal gesagt, an schlechten wie ich. So schritten wir durch die Nacht, zwei Männer über 30, die ihre besten Tage womöglich hinter, womöglich noch vor sich hatten, auf dem Weg ins Stadion, wo noch so viel möglich schien.

Mein prominenter Begleiter neben mir erregte keine Aufmerksamkeit, weder unter Union- noch unter Eintracht-Fans, die ebenso wie wir zum Stadion schlenderten. Auch das war ich schon gewohnt: Für sie waren wir zwei nur einer.

„Wunderst du dich gar nicht, dass ich hier bin?“, fragte Bas.
„Mann, du bist echt neu hier, was?“, antwortete ich, den Blick geradeaus.

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„Wie meinst du das? Die meisten Leute würden ausrasten. In Portugal haben sie mich umringt, wenn ich mal in die Stadt bin, also hab ich’s lieber gelassen.“
„Ist anders hier“, sagte ich. „Glaub mir.“

Bas schaute sich um und war überrascht, dass ihn keiner wahrzunehmen schien.
„Erkennen die mich nicht?“

„Die sehen dich nicht. Das kann nur ich. War schon immer so.“
„Das heißt, du konntest schon immer Menschen sehen, die keiner sonst sieht?“

„Nicht Menschen. Fußballer. Profifußballer. Von Eintracht Frankfurt, ja. Eigentlich auch nur die Guten. Waren also nicht so viele.“
Der falsche Dost schaute verdutzt. Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, die dem Holländer nicht unbedingt schmeichelte. „Heißt das, ich bin auch nicht echt?“

Allmählich tauchte die Alte Försterei vor uns auf. Es gab Leute, die dachten bei dem Namen an Alpenromantik, an ein altes Forsthaus, einen Landarzt, der im Tal die Bäuerinnen beglückte. Aber wo die ursprüngliche Försterei, die diesem Stadion seinen Namen gab, genau gestanden hatte, wusste ich auch nicht.

Ich war schon lange nicht mehr hier gewesen. Zuletzt als Reporter, als ich über das Berliner Zweitligaderby geschrieben hatte; Hertha gegen Union, damals eine Sensation. Jetzt waren die Köpenicker aufgestiegen und ich war wieder hier, diesmal im Auftrag einer anderen Zeitung. Aber eigentlich undercover als Eintracht-Fan.

„Hast du Tickets?“, fragte Bas, als wir auf die Türme der renovierten Arena zuhielten, wo Ordner Karten und Taschen kontrollierten. „Ja, Pressekarte. Für mich. Du brauchst kein Ticket.“
Die Ordner begutachteten kritisch die Marke um meinen Hals und winkten mich durch, Bas ignorierten sie völlig, er dackelte hinter mir her wie ein riesiger Windhund.

„Wenn die mich nicht sehen, warum kannst du es dann?“, fragte er, während wir die Treppen zur Tribüne hinaufstiegen. „Bist du was Besonderes?“
„Besonders bescheuert vielleicht“, antwortete ich und schaute auf mein Handy. Noch fünf Minuten bis Anpfiff. „Manchmal frage ich mich, ob ich eigentlich sonst keine Freunde habe. Nur Fußballer.“

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Bas Dost war im realen Leben nur bedingt ein Sympathieträger. Auf dem Spielfeld schaute er meist streng drein wie der Adler aus der Muppetshow, und wenn er wütend wurde, auf Mitspieler oder Schiedsrichter, riss er die Zähne auseinander wie das Äffchen aus Outbreak. Ein bisschen erinnerte er mich an Klaas-Jan Huntelaar: Die Holländer hatten offenbar ein Händchen für hässliche Stürmer.

Gut, Dost hatte gefühlt drei Millionen Tore für Sporting Lissabon erzielt (in Wirklichkeit waren es 93 in drei Jahren, trotzdem stolze Bilanz). Aber das war Portugal. Und er hatte mal vier Tore in einem Spiel erzielt, Anfang 2015 für Wolfsburg in Leverkusen. Aber das war Plastik-Derby, interessiert keinen.

Das Coolste an ihm war noch, dass man auf seinen Namen die Liedzeile Bass, Bass, wir brauchen Bass aus dem Song Türlich, Türlich (Sicher, Dicker) rappen konnte. Von pöbelnden Fans aus Portugal vertrieben, hatte er nun bei der Eintracht unterschrieben, nicht ohne tagelanges Feilschen seines Agenten, der noch ausstehende Zahlungen erwartete. Es gab herzerwärmendere Ankünfte.

Der Bas neben mir schien eigentlich ein ganz netter Kerl zu sein. Er tat mir leid, mit dem Spieler Dost in einen Topf geworfen zu werden, nur weil er genauso aussah, genauso redete und auch Bas Dost hieß.

Eintracht Frankfurt. Fußballfibel. Von Dominik Bardow. Foto: Culturcon medien Vergrößern
Eintracht Frankfurt. Fußballfibel. Von Dominik Bardow. © Culturcon medien

„Du bist das, was ich in dir sehen will“, sagte ich und gab ihm einen Schubser mit dem Ellbogen. Er runzelte seine hohe Stirn.
„Und was wäre das?“, fragte Bas.

„Keine Ahnung, bist ja noch neu.“ Ich musste selbst nachdenken: Warum saß ausgerechnet Bas Dost neben mir? In der Saison eins nach den Büffeln? Nach dem Run durch Europa? Wofür stand der Stürmer? „Vielleicht: Hoffnung. Auf Tore. Auf Siege. Auf Highlights. Dass es so weiter geht. Dass die Eintracht oben bleibt. Dass es wieder wird wie früher.“

„Früher?“, fragte Bas, und verschränkte die Arme. Ihm war wohl kalt ohne Jacke.
„Früher: mit Tony. Mit Jay-Jay. Mit Jan Åge.“

Der Gesichtsausdruck meines Freundes war so leer, als höre er die Namen zum ersten Mal.
„Das waren Fußballspieler. Legenden. Bei der Eintracht. Ich bin aufgewachsen mit ihnen. Am Fernseher. Im Stadion. Und irgendwann auch in echt.“

„In echt?“ Dost krümmte seine dicken dunklen Augenbrauen. Er fühlte sich offensichtlich verarscht.
„Ist schwer zu erklären. Sie waren einfach da.“

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