Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Stefan Kretzschmar ist bei der EM als Kommentator für sportdeutschland.tv gefordert. Foto: imago images/Christian Schroedter
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Füchse-Sportvorstand und TV-Kommentator Stefan Kretzschmar „Wir fühlen uns alle etwas unwohl"

Vor der Handball-EM spricht der ehemalige Nationalspieler über die Auswirkungen von Corona auf das Turnier und die Aussichten des deutschen Teams.

Herr Kretzschmar, am Donnerstag beginnt die Handball-Europameisterschaft in Ungarn und der Slowakei. Was überwiegt, Vorfreude oder Sorge?
Ich mache mir schon Sorgen. Bei den Covid-Listen, die jeden Tag veröffentlich werden, stellt sich nicht die Frage, wer unter regulären Bedingungen Europameister wird, sondern wer am besten durchkommt. Wenn man die weltweite Entwicklung betrachtet und dann hört, dass in der Slowakei eine Hallenauslastung von 25 Prozent erlaubt ist und es in Ungarn gar keine Beschränkungen gibt, wird einem angst und bange. Das ist eine verrückte Konstellation und trotzdem freue ich mich irgendwie.

Ist es denn überhaupt empfehlenswert, dieses Turnier durchzuführen?
Was ist in der heutigen Zeit empfehlenswert? Wir sind wieder an einem Punkt, an dem wir nicht genau wissen, wie wir mit der Situation umgehen sollen. Die Europäische Handball-Föderation garantiert aber ihre bestmöglichen Hygienestandards und alle Teilnehmer an dem Turnier müssen geimpft oder genesen sein. Es ist wie immer im Leben: Es muss weiter gehen. Natürlich fühlen wir uns alle etwas unwohl, weil wir nicht wissen, was wirklich sicher ist, aber das geht ja nicht nur uns Sportlern so.

Sie selbst kommentieren die EM für Sportdeutschland.tv von Berlin aus.
Ich bin schon etwas traurig darüber, nicht vor Ort sein und die Live-Atmosphäre genießen zu können. Bei den Großereignissen dabei zu sein, ist mit nichts zu vergleichen. Allerdings bin ich auch dankbar, dass wir das Studio in Berlin haben und freue mich darauf, für Sportdeutschland kommentieren zu können. Wir bieten andere Formate an, als man es sonst von Länderspielen kennt. Da gibt es nicht nur die Einzelspiele, sondern zusätzlich Konferenzen und die Möglichkeit, interaktiv mit den Zuschauern zu agieren.

Was erwarten Sie denn sportlich von dem Turnier?
Aufgrund der Corona- und Verletztensituation werden die Mannschaften anders aufgestellt sein. Das könnte interessant werden, weil man vielleicht Spieler sieht, die vorher gar nicht auf dem Radar gewesen sind. Dann wird es spannend, wie die Favoriten sich präsentieren. Bei Dänemark beispielsweise ist es momentan schwer vorstellbar, dass dieses Team irgendein Spiel bei dem Turnier verlieren wird. Ich freue mich genauso auf die Spanier und darauf, wie sie sich nach ihrem Umbruch zeigen. Außerdem könnte Slowenien überraschen und ist momentan ein kleiner Geheimtipp.

Und wie steht es um die deutsche Mannschaft?
Ich glaube, dass wir in der Lage sind, alle drei Vorrundenspiele gegen Belarus, Polen und Österreich zu gewinnen. Und dann wird es eine knackige Hauptrunde werden. Wer weiß, was möglich ist, wenn man zwei Punkte mitnimmt. Ich bin jedoch weit davon entfernt, irgendwelche Medaillenhoffnungen zu schüren oder ein Ziel auszugeben. Das macht die Mannschaft nicht und das finde ich vernünftig in der jetzigen Situation.

Stefan Kretzschmar ist seit 2020 Sportvorstand bei den Füchsen Berlin um Fabian Wiede. Foto: imago images/Jan Huebner Vergrößern
Stefan Kretzschmar ist seit 2020 Sportvorstand bei den Füchsen Berlin um Fabian Wiede. © imago images/Jan Huebner

Neun der 19 Spieler könnten ihr Debüt bei einem Großturnier geben.
Das ist eine Riesenchance, um sich zu präsentieren. Man hat das Gefühl, dass die Jungs total Bock haben. Da sind so viele Spieler, bei denen es spannend ist, die Entwicklung zu beobachten. Julian Köster zum Beispiel, Lukas Mertens oder Till Klimpke. Ich finde es auch unheimlich beeindruckend, wie sich Johannes Golla als Kapitän gemacht hat. Da freue ich mich auf vieles bei der deutschen Mannschaft. Wir haben gegen Frankreich zeitweise gesehen, dass ein schöner Handball gespielt werden kann und wenn wir dieses Bild weiter in die EM tragen können, wäre das klasse.

Bei dem Testspiel waren es besonders die arrivierten Spieler, die für eine Leistungssteigerung in der zweiten Hälfte verantwortlich waren. Werden sie es sein, denen eine Schlüsselrolle zukommt?
Alle werden eine wichtige Rolle haben. Bundestrainer Alfred Gislason rotiert viel und muss auch viel rotieren, weil er für die unterschiedlichen Systeme verschiedene Spieler braucht. Ob beim siebten Feldspieler oder bei den Deckungsformationen – alle haben sich ihre Daseinsberechtigung erspielt. Dennoch haben wir mit Andi Wolff den einzigen Torhüter, der in der Champions League spielt und international gekannt und vielleicht etwas gefürchtet wird. Gleiches gilt für Golla und Patrick Wiencek am Kreis. Ansonsten sieht man, dass die Mannschaft mit einem Altersdurchschnitt um die 26 nicht so jung ist, wie es gerade gerne verkauft wird. Aber sie ist unerfahren bezüglich der Länderspieleinsätze. Da wird es auf Julius Kühn, Kai Häfner und ebenso Philipp Weber ankommen, vorne wegzugehen. Wenn die Jungs sich als Mannschaft dann noch hervorragend verstehen, wie es momentan den Eindruck macht, kann das Wunder bewirken.

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Sie haben Johannes Golla angesprochen. Hatten sie seine Entwicklung so erwartet?
Überhaupt nicht. Dass er sportlich so einen unfassbaren Schritt nach vorne gemacht hat, ist in erster Linie seinem Trainer in Flensburg, Maik Machulla, zu verdanken. Dazu kommt, wie er sich persönlich entwickelt hat. Die Interviews, die er gibt, sind besonders in Anbetracht seines Alters stark. Das ist jemand, der uns auf Dauer führen kann. Ein Vorzeigehandballer, wie er im Buche steht. Den möchte jeder in seiner Mannschaft haben.

Er ist auch jemand, der nicht vor politischen Themen zurückschreckt, wie zum Beispiel kürzlich, als er sich kritisch zu den Verhältnissen im Gastgeberland Ungarn geäußert hat.
Persönlich finde ich das gut, wenn jemand seine Meinung vertritt. Er erhebt seine Stimme und übernimmt Verantwortung. Ich hoffe, dass ihm da nicht irgendwann ein Strick draus gedreht wird.

Ist es nicht erfrischend, wenn sich bei Spielen in Ungarn, einer Fußball-EM in Katar und Olympia in China die Sportler zu Wort melden?
Prinzipiell finde ich es erst einmal extrem heuchlerisch, wenn kurz vor einem Event so eine Stimmung gemacht wird. Wo waren denn die Kritiker, als die Turniere vergeben wurden? Man hatte Jahre Zeit, um Konsequenzen zu ziehen und Restriktionen zu fordern, aber das ist nicht passiert. Jeder hat doch irgendwie seine Rolle gespielt, bevor es zu dieser Welle der Empörung kam. Wenn sich jetzt Johannes im Fall Ungarn zum Thema Gleichberechtigung und Vielfalt äußert, kann er das gerne tun, allerdings sollte niemand die Athleten vorschieben und von ihnen erwarten, ihre sportlichen Träume aufzugeben.

Johannes Golla (l.) zählt zu den Leistungsträgern in der deutschen Handball-Nationalmannschaft. Foto: imago images/Oliver Vogler Vergrößern
Johannes Golla (l.) zählt zu den Leistungsträgern in der deutschen Handball-Nationalmannschaft. © imago images/Oliver Vogler

Sollten dafür die Verantwortlichen konsequenter bei der Vergabe sein?
Natürlich gibt es menschenrechtliche Gründe, weshalb momentan gerechtfertigt kritisiert wird. Aber wo waren denn die ganzen europäischen Orte, als es um die Vergabe der Olympischen Winterspiele ging? Warum hat man in Deutschland kein Interesse gehabt? Wenn man selbst keine Alternativen bietet, darf man sich danach nicht beschweren. Gleichzeitig glaube ich jedoch, dass das Internationale Olympische Komitee bei der Vergabe eine Verantwortung hat und dass ein Kriterienkatalog erarbeitet werden müsste, auf welchem die Eignung aufbauen sollte.

Der deutsche Handballbund konnte sich die EM 2024, die WM 2026, die Frauen-WM 2025 und die Junioren-WM 2023 sichern.
Das finde ich grandios. Darauf kann man sich in allen Bereichen extrem fokussieren. Von der Nachwuchsförderung bis hin zur Vermarktung des Sports. Nachdem wir einen kompletten Jahrgang durch Corona verloren haben, ist das umso wichtiger.

Sportliche Erfolge würden dabei natürlich helfen.
Ja, das liegt jedoch leider nicht nur an uns. Wir können uns selbst verbessern, aber die anderen schlafen nicht. Dennoch denke ich, dass wir da gut aufgestellt sind. Das zeigt auch der aktuelle Kader. Wir haben vielleicht nicht das eine große Talent, das es zum Weltstar schaffen könnte, doch in der Breite ist die Qualität da. Es hilft allerdings nicht unbedingt, dass unsere jungen deutschen Spieler in den Spitzenmannschaften wenig Spielanteile bekommen. Bei diesen Klubs geht es einfach um zu viel und man darf sich keine Fehler erlauben. Das macht sich in der Art und Weise bemerkbar, wie Handball gespielt wird, weil es die Risikofreude nimmt und Sicherheit vorgeht. Das Besondere ist es aber, was einen vom Mittelmaß abhebt.

Umso besser ist es, dass in diesem Jahr keine Medaillen als Ziel ausgeschrieben wurden, um den Druck zu verringern.
Wir haben diesmal nichts zu verlieren und können nur positiv überraschen.

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