Auch Benedikt Höwedes hat seine Karriere bereits beendet. Foto: imago images/Revierfoto
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Frühes Karriereende von Schürrle und Höwedes Ist der Profifußball wirklich so grausam wie behauptet?

Mertesacker, Schürrle, Höwedes - Rücktritte mit Kritik am System Fußball. Aber ist sie gerechtfertigt?

Neulich, als Cristiano Ronaldo zwei Elfmeter im Spitzenspiel der italienischen Liga auf dem Weg zum vorzeitigen Titelgewinn von Juventus Turin verwandelt hatte, sagte sein Trainer Bemerkenswertes über den Portugiesen. „Er kann mit dem Druck, der auf ihm lastet, auf unglaubliche Weise umgehen“, lobte Maurizio Sarri.

Ronaldo, Europameister, fünfmaliger Weltfußballer, fünfmaliger Champions-League-Sieger und noch vieles mehr, wird im Februar kommenden Jahres 36 Jahre alt. Seine Fußball-Lust scheint ungebrochen. „Ich passe auf mich auf, und ich denke, ich kann spielen, bis ich 40 Jahre alt bin“, sagte er zu Jahresbeginn einmal.

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Oder Messi. 33 Jahre alt. In letzter Zeit wahrlich nicht immer glücklich beim FC Barcelona, Karriereende aber nicht in Sicht. „Er ist schnell, er ist stark, ein Wettkampf-Biest, ein physisches Tier“, meinte jüngst sein ehemaliger Barça-Mitstreiter Xavi Hernandez in einem Interview der spanischen Sportzeitung „Marca“.

Die WM 2022 in Katar dürfte für den sechsmaligen Weltfußballer Messi noch mal ein Versuch wert sein, die WM-Scharten mit der argentinischen Nationalmannschaft auszumerzen. Knapp 35 einhalb Jahre wäre er dann - und seit mehr als anderthalb Jahrzehnten im Fokus der Öffentlichkeit, Erwartungshaltung riesig.

„Richtig Druck haben Spieler wie Messi oder Cristiano Ronaldo. Solche Spieler können kein normales Leben führen, sie können nicht einmal in Ruhe über die Straße gehen“, sagte Bayer Leverkusens Trainer Peter Bosz in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Die Frage war, wie er das Karriereende von André Schürrle bewerten würde. Der Weltmeister von 2014 - Finalsieg über Argentinien mit Messi - verabschiedete sich mit 29 Jahre als Profispieler. „Er ist ein Super-Junge, der immer 100 Prozent gegeben hat. Und der das tun musste, weil er zwar ein hoch veranlagter Spieler war, sich aber nicht nur auf sein Talent verlassen konnte, um auf Top-Niveau zu spielen“, sagte Bosz, der mit Schürrle bei Borussia Dortmund zusammengearbeitet hatte. „Doch den Druck in diesem Geschäft empfindet jeder anders.“

Schürrle sagt, es sei oft einsam gewesen

Schürrle hatte im „Spiegel“ erklärt: Er sei oft einsam gewesen, gerade als „die Tiefen immer tiefer wurden und die Höhepunkte immer weniger“. Die Branche habe es nicht erlaubt, Gefühle zu zeigen. „Man muss ja immer eine gewisse Rolle spielen, um in dem Business zu überleben“, sagte er: „Sonst verlierst du deinen Job und bekommst auch keinen neuen mehr.“

Benedikt Höwedes, ebenfalls Weltmeister von Rio, erklärte sein Karriereende im „Spiegel“ mit 32 Jahren vor allem mit familiären Gründen: In einem Urlaub habe er kürzlich zudem gemerkt, „wie krass es mich erfüllt hat, meinen Sohn hautnah zu erleben. Da wurde Fußball plötzlich so unwichtig für mich.“ Höwedes sagte aber auch: Der moderne Fußball habe „sich brutal entwickelt. Und dabei immer weiter distanziert von den normalen Fans. Da geht etwas verloren“.

Vor zwei Jahren bereits hatte Weltmeister-Kollege Per Mertesacker das System der Branche bei seinem Rücktritt mit 33 Jahren kritisiert. Man lerne im Fußballgeschäft schnell, „dass es null mehr um Spaß geht, sondern dass du abliefern musst, ohne Wenn und Aber“. In einem Diktat aus Training und Spielen würden die Spieler nur auf ihre Leistung reduziert.

Sein Körper reagierte auf die hohe Erwartungshaltung vor jedem Spiel mit Brechreiz und Durchfall. „Als sei das, was dann kommt, symbolisch gesprochen, einfach nur zum Kotzen“, sagte Mertesacker damals.

Er erntete seinerzeit Verständnis, Zuspruch, aber auch Kritik. Fußball-Profi ist schließlich ein Beruf, ein nicht selten horrend bezahlter dazu. Wer kann schon mit um die 30 Jahren aus seinem Beruf einfach aussteigen ohne sich erst einmal um die Zukunft große Gedanken oder Sorgen machen zu müssen?

Doch so einfach ist es wiederum auch nicht. Die Sportpsychologin Anne-Marie Elbe erklärte damals im Zusammenhang mit dem Mertesacker-Rücktritt in einem Interview der „Leipziger Volkszeitung“: „Wir haben Spieler, die gehen richtig auf in diesem Druck, die empfinden das als Herausforderung, sie brauchen das. Und wir haben andere - das hat zum Beispiel Per Mertesacker in seinen Erzählungen geschildert - die den Druck als etwas sehr Belastendes empfinden.“ (dpa)

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