Die Spielertrainerin. Anja Mittag (Mitte) wechselte aus Schweden nach Leipzig, wo sie nicht nur spielt, sondern auch Individualeinheiten für ihre Kolleginnen anbietet. Foto: Imago
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Frauenfußball in Deutschland RB Leipzig plant den Angriff von unten

Mit drei ehemaligen Spielerinnen von Turbine Potsdam in verschiedenen Funktionen greift RB jetzt auch im Frauenbereich an. Ziel ist die Bundesliga.

Letztens hatte Viola Odebrecht Besuch von ihren Eltern. Diese hatten Erinnerungsstücke aus ihrer aktiven Karriere mitgebracht, darunter ein Foto von Anja Mittag. Bestimmt 15 Jahre alt, beide spielten damals bei Turbine Potsdam. Odebrecht hängte es bei Mittag ins Büro. „Wir haben uns ein bisschen amüsiert“, erzählt Odebrecht.

Weit war der Weg ins Büro nicht, sie arbeiten quasi Tür an Tür. Seit Mitte 2019 ist die 37-Jährige, die 2003 Weltmeisterin wurde, Leiterin Frauen- und Mädchenfußball bei RB Leipzig in der Regionalliga Nordost. Anja Mittag, 34, Weltmeisterin 2007, Olympiasiegerin 2016, insgesamt über 150 Länderspieleinsätze, spielt seit dieser Saison für RB Leipzig und ist Individualtrainerin. Das Trio ehemaliger Potsdamerinnen, die zusammengerechnet in ihren Karrieren auf mehr als drei Dutzend Titel kommen, komplettiert Anna Felicitas Sarholz. Die 27-Jährige ist Torwarttrainerin und läuft sporadisch noch selbst auf.

Die Frauen von RB Leipzig wollen in die Bundesliga

Sie haben früher alle zusammen bei Turbine gespielt und dort unter anderem den größten Erfolg der Vereinsgeschichte gefeiert, den Gewinn der Champions League 2010 im Elfmeterschießen gegen Olympique Lyon. Torhüterin Sarholz hielt zwei Elfmeter und verwandelte einen, Odebrecht traf ebenfalls, Mittag nicht. Auch das ist – auf scherzhafter Ebene – mitunter Thema zwischen Odebrecht und Mittag.

„Turbine verbindet uns“, sagt Mittag. „Aber wir sitzen nicht im Café und reden dauernd über die Vergangenheit. Wir planen lieber die Zukunft.“ Sie wollen zusammen etwas entwickeln, RB hat einiges vor. Die Bundesliga ist das offizielle Ziel, das Geschäftsführer Oliver Mintzlaff 2017 ausgegeben hat. Nun macht Leipzig ernst.

Die Männer durften 2009 als neugegründeter Verein mit Zustimmung des Nordostdeutschen Fußballverbandes den Oberligaplatz des SSV Markranstädt einnehmen. Die Empörung darüber war allenthalben groß. Der Verein, der es mit dem Geld des Red-Bull-Gründers Dietrich Mateschitz inzwischen bis in die Spitzengruppe der Fußball-Bundesliga geschafft hat, war und ist vor allem für die aktiven Fanszenen ein Problem. Bis heute gibt es immer wieder Boykotte und Proteste. Auf der anderen Seite haben sich nicht wenige Fans über die Jahre durchaus daran gewöhnt, dass die Rasenballsportler dazugehören.

So wie damals. Turbine Potsdam mit Anna Felicitas Sarholz (links) und Viola Odebrecht (Dritte von links) gewannen 2010 die Meisterschaft und die Champions League. Foto: Imago Vergrößern
So wie damals. Turbine Potsdam mit Anna Felicitas Sarholz (links) und Viola Odebrecht (Dritte von links) gewannen 2010 die Meisterschaft und die Champions League. ©  Imago

Die Frauenabteilung existiert seit der Saison 2016/17, zunächst war eine Spielgemeinschaft geplant. Stattdessen trat jedoch ein eigenständiges Frauenteam als RB Leipzig an und startete in der Landesliga, vierte Liga, anstatt wie üblich eine Klasse tiefer. Andere Klubs kritisierten den Sächsischen Fußballverband scharf: Dieser würde bei RB Leipzig sehr großzügig mit den eigenen Statuten umgehen.

Der Verein hatte das Leistungszentrum Frauen- und Mädchenfußball vom in finanzielle Schieflage geratenen FFV Leipzig übernommen und viele Spielerinnen des Zweitligaabsteigers aufgenommen. Der Bischofswerdaer FV 08 trat zu einem Spiel gegen RB gar nicht erst an, Wettbewerbsverzerrung lautete der Vorwurf. Am Ende stand für Leipzig der souveräne Aufstieg in die Regionalliga Nordost.

Die Resonanz auf die Vorgänge rund um den Einstieg war deutlich geringer als einige Jahre vorher bei den Männern, für Frauenfußball, noch dazu in einer unteren Liga, aber enorm groß. Die „Zeit“ berichtete unter der Überschrift „Gegen diese Frauen will niemand kicken“. Nach dem Aufstieg wurde es ruhiger um die RB-Frauen – und so ist es geblieben.

Proteste gegen RB Leipzigs Frauenteam gibt es kaum noch

Proteste gibt es kaum, Fanboykotte schon gar nicht. Von wem auch? Die Regionalliga spielt weitgehend unter dem Radar der Öffentlichkeit, zu manchen Partien kommen weniger als 40 Zuschauer. Leipzig begrüßt mitunter gut 200 Zuschauer, im DFB-Pokal gegen den Bundesligisten 1. FFC Frankfurt waren es rund 950. In der Regionalliga, wo vieles über das Ehrenamt läuft, seien die Reaktionen darauf, „dass sich ein Verein dieser Klasse mit Frauenfußball auseinandersetzt und ihn fördern will, größtenteils positiv“, sagt Odebrecht, „ein Stück Neid mag aber bei manchen auch dabei sein.“

RB befindet sich nun in der dritten Saison in der Regionalliga. Das soll sich jetzt ändern, finden sie im Verein. Das wird sich jetzt ändern, glauben viele Beobachter. Leipzigs Vorsprung auf den Tabellenzweiten Viktoria 89 beträgt vor dem ersten Punktspiel nach der langen Winterpause am Sonntag beim 1. FC Union (14 Uhr, Dörpfeldstraße) acht Punkte. Gegen Union gab es in der Hinrunde beim 0:0 den einzigen Punktverlust.

Turbine Potsdam mit Torhüterin Anna Felicitas Sarholz gewann 2010 die Champions League. Foto: dpa Vergrößern
Turbine Potsdam mit Torhüterin Anna Felicitas Sarholz gewann 2010 die Champions League. © dpa

Aller Voraussicht nach wird Leipzig Erster, würde danach auch in den Aufstiegsspielen als großer Favorit gelten. Selbstverständlich ist der Aufstieg das Ziel. Was sonst angesichts von handelnden Personen wie Odebrecht, die zuvor beim Serienmeister Wolfsburg den Nachwuchsbereich geleitet hatte, oder Trainerin Katja Greulich, davor beim Bundesligisten FF USV Jena.

Und eben Anja Mittag, die mit 17 Treffern beste Torschützin der Liga ist. Sie führt ein Team größtenteils junger Spielerinnen. Eigentlich hatte sie nach ihrer letzten Station beim FC Rosengard in Schweden aufhören wollen. Dann kam das Angebot aus Leipzig. Um sie selbst gehe es weniger, sagt sie: „Ich werde mich nicht mehr fußballerisch weiterentwickeln. Ich möchte die anderen besser machen.“ Sie bietet vormittags für diejenigen, die es neben Studium oder Ausbildung zeitlich schaffen, Individualtrainingseinheiten an.

Eine offizielle Vorgabe für das Erreichen der Bundesliga gibt es Odebrecht zufolge nicht. Es sei ein „langfristiges Ziel.“ Mittag hat für sich selbst einen anderen Zeitrahmen: „So schnell wie möglich.“ Sie will den Weg mitgehen, im Trainerstab: „Ich spiele definitiv nicht mehr in der Bundesliga.“ Und in der Zweiten Liga? Offen. „Die Motivation lässt langsam nach.“

RB Leipzig bewegt sich gegenüber der Konkurrenz in einer anderen Welt

Auf der Internetseite des Vereins ist neben dem aktuellen Kader auch das Trainer- und Funktionsteam aufgelistet, das acht Namen umfasst. Es gibt einen Rasen- und einen Kunstrasenplatz im Trainingszentrum der Frauen, zudem findet ein regelmäßiger Austausch mit dem Trainerstab der Männer statt. Die Spielerinnen nutzen etwa auch das 300 000 Euro teure Hightech-Trainingsgerät Soccerbot 360, mit dem sich Spielszenen in 3D simulieren lassen. Der Saisonetat soll im mittleren sechsstelligen Bereich liegen. Das ist keine andere Liga, sondern eine andere Welt verglichen mit der Regionalliga-Konkurrenz.

„Der deutsche Frauenfußball schwächelt derzeit“, schrieb das Magazin 11 Freunde kürzlich. Die Nationalmannschaft ebenso wie die Bundesliga, zu der im Schnitt weniger als 1000 Zuschauer pro Spiel kommen. Um die Liga attraktiver zu machen, sollen die Männer-Bundesligisten, von denen momentan nur sechs ein Team in der Frauen-Bundesliga haben, Schrittmacherdienste leisten. Als Vorbild gilt die englische Liga, in der die Topklubs längst auch bei den Frauen vertreten sind.

„Ich erwarte von allen Bundesligisten, dass sie mit gutem Beispiel vorangehen und auch in den Frauenfußball investieren“, sagte Fritz Keller, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes im vergangenen Herbst. Bei Schalke 04 oder Borussia Dortmund herrscht jedoch Skepsis. Eintracht Frankfurt ist ein Beispiel für eine andere Herangehensweise, dort zieht der Frauen-Rekordmeister 1. FFC Frankfurt unter das Dach der Eintracht.

In der Frauen-Bundesliga sind Wolfsburg und Bayern München mit Etats von vier bis fünf Millionen Euro unterwegs. In Leipzig dürfte der derzeitige finanzielle Rahmen mit den angepeilten größeren sportlichen Herausforderungen stetig wachsen. „Wenn wir bei RB etwas machen, dann richtig“, sagt Odebrecht. „Es passt nicht in die Philosophie des Vereins, dass wir eine Fahrstuhlmannschaft werden.“ Die von Wolfsburg angeführte Ligaspitze könnte in wenigen Jahren äußerst konkurrenzfähige Gesellschaft erhalten.

Überhaupt die Philosophie. „Man braucht nicht fünf Anja Mittags, um in die Bundesliga zu kommen. Wir haben ganz tolle Spielerinnen zwischen 18 und 23 Jahren, die zu unserer Philosophie passen. Da sind wir ein Verein“, sagt Odebrecht. Bei den Männern war zunächst in einem überschaubaren Rahmen investiert worden – für Erstligaverhältnisse. Allerdings war RB da noch weit weg von der Bundesliga. Für einen normalen Drittligisten wäre etwa der Transfer von Yussuf Poulsen in Höhe von gut 1,5 Millionen Euro eine Mega-Summe gewesen.

Das Projekt in Sachsen wird auch 160 Kilometer weiter nordöstlich mit Interesse verfolgt. Dort spielt der sechsmalige Deutsche Meister Turbine Potsdam. Der letzte Meistertitel datiert von 2012. In der laufenden Saison ist Turbine nach einem großen personellen Umbruch Fünfter.

Turbine Potsdam ist die Nummer eins im Osten – aber wie lange noch?

Rolf Kutzmutz war mehr als ein Jahrzehnt lang Vizepräsident und ist seit 2015 Präsident. Er hat die erfolgreichsten Zeiten miterlebt, auch den Champions-League-Sieg 2010 mit Anna Felicitas Sarholz, Viola Odebrecht und Anja Mittag. „Es hilft RB, drei national und international so erfahrene Spielerinnen zu haben. Das ist eine gute Lösung für Leipzig“, sagt Kutzmutz über die Potsdam-Komponente auf und neben dem Rasen. Er ist sicher: „Wenn RB das Projekt mit ähnlich viel Ernsthaftigkeit verfolgt wie damals bei den Männern, und ich gehe davon aus, dass sie das tun, wird das bald eine richtig gute Truppe sein.“

Im Osten Deutschlands ist Turbine nach wie vor die klare Nummer eins, ansonsten gibt es in der Bundesliga nur den Tabellenletzten Jena. Große Sorgen, von RB überholt zu werden, hat Kutzmutz bislang nicht: „Jeder Verein, der sich im Frauenfußball engagiert, ist zu begrüßen. Wir schauen uns das ganz in Ruhe an.“ Allerdings drängt nicht nur ein weiterer Männer-Bundesligist bei den Frauen nach oben, sondern eben einer, der über eine riesige Finanzkraft verfügt und geografisch recht dicht an Potsdam liegt. Nicht zuletzt bei der Suche nach Talenten erwächst ein neuer Rivale.

Turbine – das als reiner Frauen- und Mädchenfußballverein in der Bundesliga auf Sicht zu einer Minderheit gehören dürfte –, muss sich auf die eigenen Stärken konzentrieren, findet Kutzmutz. Die Eliteschule des Sports etwa, das duale Ausbildungssystem oder die Weiterbildung nach der Karriere. Und: „Wir müssen bei Sichtungen aufpassen und alle Talente erkennen. Aber dafür haben wir bei uns im Verein genug Erfahrung.“

Es ist gut möglich, dass sich die Kräfteverhältnisse in nicht allzu ferner Zukunft verschieben. Noch aber ist Turbine zumindest im Fußball-Osten führend. Das zeigte sich auch bei einem Testspiel Ende Januar in Potsdam. RB verlor 1:4 - gegen Turbines zweite Mannschaft aus der Zweiten Bundesliga.

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