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Ein Hauen und Stechen: Kanu-Polo ist ein ausgesprochen fordernder Sport. Foto: IMAGO/Ralf Pollack
© IMAGO/Ralf Pollack

Finals in Berlin Von wegen Randsportart

Kanu-Polo, 3x3-Basketball? Breiter Anhang muss dafür noch gewonnen werden. Die Finals sind eine gute Gelegenheit.

An der Eastside Gallery, dem Teilstück des Mauerstreifens in Berlin-Friedrichshain, steht am Donnerstag ein Pärchen und will von einem Dritten ein Foto von sich machen lassen. Doch es dauert lange, bis es dazu kommt. Auch morgens um 10.30 Uhr ist der Platz derart belebt, dass immer wieder jemand an der Linse vorbeihuscht. Keine Frage, wenn es einen Ort gibt, an dem eine Randrandrandsportart ein paar Zuschauer gewinnen will, ist man hier richtig.

Und so versammeln sich geschätzt knapp 200 Besucher am Spreeufer, um die Wettbewerbe in der vielen fremden Sportart Kanu-Polo zu verfolgen. Das sind knapp 200 Zuschauer mehr, als das in den meisten Fällen sonst beim Kanu-Polo in der Speed-Version – am prägnantesten als Wasserball im Einer-Kajak umschrieben – der Fall ist.

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Die Finals stehen dieser Tage in Berlin an, die Meisterschaften in 14 Sportarten, darunter Exoten wie Kanu-Polo oder 3x3-Basketball, aber auch Klassiker der Leibesübungen wie Turnen oder Schwimmen, die hierzulande immer weniger wahrgenommen werden. Die Verantwortlichen in den deutschen Sportverbänden sprechen in diesem Zusammenhang häufig von einer Gettoisierung des Sports und meinen damit die Verwahrlosung vieler deutscher Sportarten wegen des abfallenden Interesses. Darauf gründet die Idee der Finals, einer Bündelung möglichst vieler deutscher Meisterschaften, damit für die Resterampe des Sports wieder etwas mehr abfällt.

Schon bei der ersten Ausgabe 2019 – ebenfalls in Berlin – waren Sportler wie Zuschauer begeistert. Und nach im Sport mauen Coronajahren spricht alles dafür, dass das in diesem Jahr genauso sein wird. Die Finals stehen auch dafür, dass sie bis dato weitgehend unbekannte Helden hervorbringen.

Am Donnerstag sorgt René Kirchhoff oftmals für ein Raunen auf den Rängen am Spreeufer. Der 23-Jährige ist Torhüter und vielfacher Torschütze bei den Havelbrüdern Berlin, Deutschlands derzeit bester Mannschaft im Kanu-Polo.

Kirchhoff steht stellvertretend für die Liebe zum Sport, die es braucht, um in Randsportarten wie seiner am Ball zu bleiben. Geld kann man damit kaum verdienen. Ein Ausnahmesportler ist aus ihm dennoch geworden. Im Alter von gerade mal fünf Jahren begann Kirchhoff mit Kanu-Polo, einer Sportart, die ungemeines koordinative Geschick sowie sehr viel Kraft erfordert. Die beiden 1 mal 1,5 Meter großen Tore sind in zwei Meter Höhe angebracht. Und es gibt kaum jemanden beim Kanu-Polo, der mit dem Paddel so viele Bälle abwehrt wie Kirchhoff.

Die Höhepunkte der Finals stehen noch an

Im Halbfinalspiel lässt er die Wassersportfreunde Liblar verzweifeln, erst kratzt er mehrere Gewaltwürfe aus dem Winkel, anschließend markiert er selbst die ersten beiden Treffer für die Havelbrüder Berlin. Auch im Finale ist der Manuel Neuer des Kanu-Polos nur schwer zu überwinden und erzielt außerdem den schönsten Treffer beim 7:3 gegen Essen. Der erste Titel bei den diesjährigen Finals geht nach Berlin. „So eine Stimmung erlebt man nur bei den Finals“, sagt Kirchhoff. Und wie es ist, in der eher dreckigen Spree Sport zu schreiben? „Das ist kein Problem. Wir sind viel Schlimmeres aus Wettkämpfen in Italien gewohnt.“

Das Gewinnbringende bei solch gebündelten Meisterschaften ist nicht nur die Entdeckung bislang fremder Sportarten oder Helden, sondern auch das Format im Fernsehen oder auf Streams. Die Finals sind Olympische Spiele in klein. In der ARD folgt am Donnerstag in kurzen Abständen Wettbewerb auf Wettbewerb. Vom Kanu-Polo an der Spree geht die Schalte in den Kuppelsaal im Olympiapark, wo unter anderem das Säbelfechten der Männer stattfindet (Sieger: Matyas Szabo), zur Max-Schmeling-Halle mit den Trampolin- und Geräteturnern, zu den Triathleten am Olympiabecken und zum Kugelstoßen an das Brandenburger Tor (Siegerin: Sara Gambetta). Es ist ein kurzweiliges Programm mit anrührenden Geschichten.

Die Tramponlinspringerin Aileen Rösler etwa konnte seit November vergangenen Jahres ihrem Sport nicht mehr nachgehen. Der Kopf machte nicht mehr mit. Ängste plagten die 22-Jährige, die sich bei einem Wettbewerb 2017 einen Halswirbel ausrenkte. Nach ihrem Bundesliga-Comeback vor einer Woche tritt sich auch bei den Finals in Berlin an und wird beim Sieg von Leonie Adam hervorragende Dritte. „Die Wettkampfsicherheit fehlt noch, aber es kann nur noch besser werden“, sagt sie.

So gibt es viele glückliche Gesichter am ersten Tag der diesjährigen Finals, aber nicht nur. Turner Andreas Toba zum Beispiel landet beim Sprung auf dem Hosenboden, und so manche Triathletin und mancher Triathlet sind irritiert bis wütend. Die Radstrecke ist unzureichend abgesperrt. Immer wieder kreuzt ein Fußgänger oder Hobbyradfahrer den Weg. Ansonsten aber ist es ein vielversprechender Auftakt der Finals, deren Höhepunkte noch anstehen.

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