Konstanze Klosterhalfen will am Samstag über 5000 Meter Deutsche Meisterin werden. Foto: REUTERS
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Finals in Berlin Konstanze Klosterhalfen bewegt sich im Grenzbereich

Konstanze Klosterhalfen ist Teil einer umstrittenen Trainingsgruppe in den USA. Die Methoden dort sollen mindestens grenzwertig sein.

Sebastian Weiß hat sich am Freitagmorgen mit etwas Herzschmerz auf den Weg nach Berlin gemacht. Die deutschen Meisterschaften in der Leichtathletik stehen an. Wenn alles planmäßig verläuft, dann wird eine in den vergangenen Jahren außerordentlich wichtige Person in seinem Leben am Samstag um 18.20 Uhr über 5000 Meter im Berliner Olympiastadion an den Start gehen: Konstanze Klosterhalfen. Weiß hat sechs Jahre lang viel Zeit, Schweiß und Leidenschaft in die Zusammenarbeit mit Klosterhalfen gesteckt.

Klosterhalfen brachte ungeheuer viel Talent mit und Weiß ungeheure Expertise. Zusammen erzielten sie fulminante Zeiten über sämtliche Distanzen zwischen 800 und 5000 Meter. Und obwohl die beiden mehr oder weniger Grünschnäbel in der Leichtathletik waren – Weiß ist 34, Klosterhalfen gerade einmal 22 Jahre alt – zitterte sogar die auf der Mittelstrecke schwer dominierende ostafrikanische Konkurrenz vor Klosterhalfen. So eine Mittelstreckenläuferin wie sie hatten die Deutschen schon sehr, sehr lange nicht mehr.

Der Herzschmerz von Weiß rührt daher, dass er von Klosterhalfen verlassen worden ist. Vielleicht muss man es anders formulieren: Die deutsche Leichtathletik wurde der Läuferin mit internationaler Ambition zu klein. Klosterhalfen hat sich seit April dieses Jahres dem Nike Oregon Project angeschlossen. Sie lebt und trainiert nun bei Portland an der Westküste der Vereinigten Staaten. Und dieses von dem US-amerikanischen Sportartikelhersteller gesponserte Trainingszentrum ist das wohl erfolgversprechendste, das es für Mittelstreckler weltweit gibt. Klosterhalfen hat sich der Liga der Besten angeschlossen.

Sie trainiert mit Größen wie Sifan Hassan oder Shannon Rowbury. Es gibt auf dem Trainingscampus nichts, was es nicht gibt. In den Häusern einiger Läuferinnen und Läufer sind sogar Filter eingebaut, die den Sauerstoff aus den Wohnräumen reduzieren. Es wird das Leben in großer Höhe simuliert mit dem Zweck, dass die Athletinnen und Athleten mehr rote Blutkörperchen produzieren. Wenn man so will, hat Konstanze Klosterhalfen einen Golf mit einem Porsche eingetauscht.

Selbst den verlassenen Weiß macht Klosterhalfens Wechsel „ein bisschen stolz, sie auf den Weg gebracht zu haben, um im vielleicht weltbesten Trainingszentrum angenommen worden zu sein“. Der Bundestrainer im Mittel- und Langstreckenbereich kennt die Zwänge im deutschen Spitzensport zu gut. „Im Vergleich zu der Trainingsgruppe in den USA sind wir finanziell in manchen Bereichen eingeschränkt“, sagt er. „Für Nike gibt es sicherlich kaum finanzielle Hürden.“ Im Gegenteil: Wer bei dem Sponsor wie Klosterhalfen hoch im Kurs steht, lebt im Schlaraffenland des Spitzensports. Von solchen Bedingungen können Athleten in Deutschland dagegen nur träumen.

„Hierzulande ist es nicht möglich, zu 100 Prozent Profi zu sein“

„Hierzulande ist es für Leichtathleten meist nicht möglich, zu 100 Prozent Profi zu sein“, erklärt Weiß. Auch Klosterhalfen habe neben ihrem Sport studiert. In den USA aber könne sie sich voll auf den Sport konzentrieren. „Dies ist für die sportliche Entwicklung natürlich ein Vorteil“, sagt Weiß. Ähnlich sieht das auch Idriss Gonschinska, der Generaldirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes: „Wir leben in einer globalisierten Welt. Es müssen nicht alle unsere Athleten hier in Deutschland leben. Wir sind froh, mit Konstanze eine der begabtesten Athletinnen zu haben.“ Der Wechsel Klosterhalfens scheint demnach nicht nur nachvollziehbar, sondern logisch. Wer würde nicht gern lieber mit einem Porsche statt mit einem Golf in die Rennspur gehen? Doch so einfach ist es nicht. Das hat vor allem mit dem Namen Alberto Salazar zu tun.

Der US-Amerikaner ist der Headcoach des Nike Oregon Projects. Salazar hatte es in den achtziger Jahren zu hohen Weihen gebracht in seinem Heimatland. Er gewann drei Mal in Folge den New-York-Marathon. Nach seiner Karriere schaffte Salazar nahtlos den Übergang ins Trainergeschäft. Und es war von Anfang an nicht ganz klar, ob Salazar mit sauberen Mitteln arbeitet. Die von ihm betreute Mittelstreckenläuferin Mary Decke war bei den Trials 1996 wegen vermeintlichen Testosterondopings positiv getestet worden. Die Läuferin und auch der US-amerikanische Verband zweifelten das Urteil an, weshalb auch Trainer Salazar zumindest in seinem Heimatland entlastet war und weiter an seiner Trainerkarriere arbeiten konnte. Doch Salazars Methoden gelten bis heute als mindestens grenzwertig.

Salazar soll unter anderem hoch dosierte Fettverbrenner verabreichen. Und eine Läuferin beschuldigte ihn, sie zur Einnahme des Schilddrüsenhormons Thyroxin gedrängt zu haben. Auf Tagesspiegel-Anfrage bestätigt die US-amerikanische Antidopingagentur Usada, dass gegen das Nike Oregon Project und seinen Cheftrainer Salazar ermittelt werde, man aber dazu keine Informationen preisgeben könne.

Aktuell stellt sich der Fall so dar, dass es noch keine eindeutigen Beweise gibt, um den Trainer-Guru Salazar zu Fall zu bringen. Es gilt die Unschuldsvermutung. Doch in der dopingverseuchten Leichtathletik tut man sich generell schwer damit. In der deutschen Öffentlichkeit jedenfalls wird der Wechsel Klosterhalfens zum Nike Oregon Projekt kritisch beäugt. Ihr Ex-Trainer Weiß kann die Kritik nachvollziehen. „Schließlich gibt es ein schwebendes Verfahren.“ Aber Klosterhalfen mache sämtliche Tests. Weiß will sich keine Sorgen machen um seine Läuferin, die hinaus in die Welt gezogen ist, weil die seine ihr zu klein geworden ist.

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