"Ricken ... lupfen, jetzt!", rief Marcel Reif in sein Mikrofon. Und Ricken lupfte. Foto: picture alliance / dpa
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Evergreens des Fußballs (6) Als Lars Ricken Borussia Dortmund zum Titel schoss

Constantin Eckner

Im Mai 1997 gewinnt Borussia Dortmund die Champions League – als klarer Außenseiter gegen eine grandiose Mannschaft von Juventus Turin.

Kein Fußball. Und das über Wochen, vielleicht sogar Monate. Nicht mal ein Testspiel aus dem Trainingslager im Süden, in dem die B-Mannschaft des eigenen Klubs gegen einen rumänischen Zweitligisten antritt. Genügend Zeit also für legendäre Spiele aus der Vergangenheit. Wir stellen hier einige vor. Heute: Champions League, Finale 1997, Borussia Dortmund - Juventus Turin.

Jeder Fußballfan hat irgendwann in seiner Kindheit ein Aha-Erlebnis, bei dem es Klick macht und man sich unsterblich in das Spiel verliebt. In meinem Fall war es das Champions-League-Finale von 1997. Damals haperte es bei mir noch mit der Rechtschreibung, und auch Zählen konnte ich nicht weiter als 100, aber ich begriff bereits, dass Dortmund die Guten und Bayern München die Bösen waren. Zumindest wurde mir das in meiner Familie so eingebläut.

Der BVB war gewiss kein reiner Arbeiter- und Underdogklub in jenen Jahren. Die Schwarzgelben gingen in Italien auf Shoppingtour und kauften solche Größen wie Andreas Möller, Paulo Sousa und Karl-Heinz Riedle ein. Den Anker bildete Matthias Sammer, der 1996 als Europas Fußballer des Jahres ausgezeichnet wurde. Dortmund hatte aber nicht nur Edeltechniker in seinen Reihen, sondern auch Mentalitätsmonster. Da war etwa der österreichische Libero Wolfgang Feiersinger, der den verletzungsanfälligen Sammer während der Saison 1996/97 oftmals vertrat. Oder der bullige Abwehrspieler Martin Kree, die Laufmaschine Jörg Heinrich und der mannschaftsdienliche Sechser Paul Lambert. Die Mischung machte es.

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Trotzdem ging Dortmund als klarer Außenseiter ins Finale gegen Juventus. Die Turiner hatten im Vorjahr die Champions League gegen das hochtalentierte Ajax gewonnen, und zu allem Überfluss wurde das Endspiel im Münchner Olympiastadion ausgetragen, der Heimstätte des in Dortmund ungeliebten FC Bayern. Doch wie so oft sollte alles ganz anders kommen.

Wer sich beim Wiedersehen angesichts des 3:1-Endergebnisses auf ein Offensivspektakel des BVB freut, der wird allerdings enttäuscht. Vielmehr musste sich der Bundesligist zeitweilig des Angriffssturms von Juventus erwehren und konnte nur vereinzelt Konter über Publikumsliebling Stéphane Chapuisat fahren. Die Verteidiger Martin Kree und Jürgen Kohler hatten alle Hände voll zu tun mit Alen Boksic und Christian Vieri – und Hände kamen bei den direkten Zweikämpfen in der Tat häufig zum Einsatz. Dazwischen gab Sammer den Ausputzer, und Lambert kümmerte sich als Manndecker um Spielmacher Zinédine Zidane. Der Legende nach folgte er dem Franzosen sogar in die Turiner Kabine, um auf Nummer sicher zu gehen.

Dortmund gelang es jedoch, das Spiel nach und nach zu entschleunigen und damit Juventus den Wind aus den Segeln zu nehmen. Gerade als die Fans im Olympiastadion, die zum Anpfiff hin noch unglaublichen Lärm erzeugten, etwas ruhiger wurden, schlug Riedle zweimal zu. Der Mittelstürmer machte dabei seinem Spitznamen „Air“ aufgrund seiner Sprungkraft alle Ehre. Einmal nahm er eine Flanke bilderbuchhaft mit der Brust herunter, beim anderen Tor traf er nach einer Ecke von Möller, unhaltbar für Juves Schlussmann Angelo Peruzzi.

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Plötzlich war Juventus in Schockstarre, während BVB-Trainer Ottmar Hitzfeld an der Seitenlinie in seinem markanten beigen Trenchcoat die Faust ballte. Dortmund schnupperte an der Sensation, musste allerdings noch eine Stunde überstehen. Die Italiener in ihrem modernen Spielsystem mit Viererkette und Raute im Mittelfeld starteten nach der Pause den nächsten Sturmlauf. Trainer Marcello Lippi wechselte Alessandro Del Piero ein. Nun hatten es Lambert und Sousa gleich mit drei Kreativspielern – Zidane, Del Piero sowie dem Jugoslawen Vladimir Jugovic – zu tun. Juventus gewann an Übergewicht und traf folgerichtig durch den unaufhaltsamen Del Piero zum 1:2.

Fußballspiele zeichnen sich oftmals durch das Momentum aus. Die eine Mannschaft trifft, wird selbstbewusster und gewinnt die Kontrolle über das Geschehen. Genau dieses Momentum kann aber auch schlagartig drehen, und das für einen längeren Zeitraum. Nach Del Pieros Treffer begann für die BVB-Fans das Fingernägelkauen. Doch dann kam Lars Ricken. Der junge Stürmer konnte sich von außen lange genug anschauen, wie Juventus gerade in der zweiten Halbzeit verteidigte. Der Linksverteidiger Angelo Di Livio hatte vollends auf Offensive umgeschaltet und Schlussmann Peruzzi stand gerne ein paar Meter zu weit vor seinem Tor.

Da kam Ricken der Steilpass von Andreas Möller direkt nach seiner Einwechselung nur recht. Noch heute wird vielen Dortmundern, die nicht im Stadion waren, in den Ohren klingen, wie Kommentator Marcel Reif schrie: „Ricken…, lupfen, jetzt!“ Genau das tat der damals 20-Jährige. Der Ball segelte über Peruzzi ins Tor. Die übermächtigen Italiener waren besiegt. Und Dortmund befand sich im Siegestaumel. Ein Spiel für die Geschichtsbücher, ein Tor für die Ewigkeit.

Bisher in dieser Serie erschienen: DFB-Pokalfinale 1973 Borussia Mönchengladbach - 1. FC Köln , DFB-Pokalfinale 1993 Hertha BSC Amateure - Bayer 04 Leverkusen , WM-Finale 1974, Bundesrepublik Deutschland - Niederlande , Uefa-Cup-Finale 2001, FC Liverpool - Deportivo Alaves , DFB-Pokalfinale 1998, MSV Duisburg - Bayern München.

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