Und der große Lothar Matthäus (rechts) kann nur staunend zuschauen, als ihm Bachirou Salou davonsprintet und das 1:0 für den MSV erzielt. Foto: Imago
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Evergreens des Fußballs (5) Als Bachirou Salou von den Bayern blutig getreten wurde

Im Mai 1998 ist der MSV Duisburg auf dem besten Weg, den DFB-Pokal zu gewinnen - bis die Bayern Duisburgs besten Stürmer aus dem Spiel nehmen.

Kein Fußball. Und das über Wochen, vielleicht sogar Monate. Nicht mal ein Testspiel aus dem Trainingslager im Süden, in dem die B-Mannschaft des eigenen Klubs gegen einen rumänischen Zweitligisten antritt. Genügend Zeit also für legendäre Spiele aus der Vergangenheit. Wir stellen hier einige vor. Heute: DFB-Pokalfinale 1998, MSV Duisburg - Bayern München.

Jeder MSV-Fan, der alt genug ist, weiß noch, wo er am 16. Mai 1998 war. Dem Tag, als der MSV Duisburg zum dritten Mal im DFB-Pokalfinale stand. Bislang war er immer als Verlierer vom Platz gegangen. Doch diesmal standen die Chancen auf den ersten Pokalsieg gut. Denn die Spieler von Friedhelm Funkel bildeten die beste Mannschaft des MSV seit langem.

Der Gegner im Berliner Olympiastadion war der FC Bayern München. Es war das letzte Spiel unter Giovanni Trapattoni und damit auch die letzte Chance, ihn mit einem Titel zu verabschieden. Am vorletzten Spieltag der Bundesliga hatten die Bayern die Meisterschaft verspielt – mit einem 0:0 in Duisburg.

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Beim MSV war alles auf Bachirou Salou ausgerichtet. Der 1,90 Meter große Togolese war damals der schnellste Stürmer der Bundesliga und in der Form seines Lebens. Wenn Salou antrat, war er nicht mehr aufzuhalten. Zumindest nicht mit legalen Mitteln, wie sich an diesem Abend zeigen sollte.

Doch zunächst erschien Salou wie eine Naturgewalt, unaufhaltsam. „Schauen Sie, wie schnell der Salou ist!“, rief Fernsehkommentator Johannes B. Kerner in der 20. Minute halb begeistert, halb erschrocken, als der Stürmer seinen Gegenspieler so alt aussehen ließ, wie dieser damals tatsächlich bereits war. „Auf zehn Metern hat er dem Lothar Matthäus bestimmt drei abgenommen!“ Salou pflasterte den Ball ansatzlos ins kurze Eck, Torwart Oliver Kahn fiel, als habe ihn die Wucht des Schusses zu Boden gerissen. Die Bayern wussten nicht, wie ihnen geschah, vor der Pause wechselten sie zweimal aus. Und auf der Toilette des Olympiastadions gratulierte ein Bayern-Anhänger einem jugendlichen MSV-Fan schon zum Pokalsieg. Der MSV stand kurz vor der Sensation.

Nicht mir, denn ich war nicht in Berlin, sondern in Frankreich. Zum Schüler-Austausch in der Auvergne. Mit 13 Jahren erstmals allein von zu Hause weg in einem fremden Land. Es war der Ankunftstag. Bei Spielbeginn saß ich wohl noch im silbernen Renault meiner Gasteltern. Ich erinnere mich noch an die unbeholfene Schüchternheit auf beiden Seiten, die Gesprächsversuche beim Abendessen. Und an den obligatorischen Anruf bei meinen Eltern, während die versammelte Gastfamilie dabei saß und mir lächelnd, schweigend zusah.

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Als wir telefonieren, sind etwas mehr als 70 Minuten gespielt. Zu diesem Zeitpunkt steht es schon 1:1. Doch mein Vater am Telefon klingt, als sei das bittere Ende unausweichlich. „Die Bayern haben Salou nicht in den Griff gekriegt. Und eben hat Tarnat, die Drecksau, ihn an der Mittellinie von hinten umgetreten.“ Ausgerechnet Michael Tarnat, der Junge aus Hilden, der seine Profikarriere einst beim MSV begann, zu der Zeit, als ich Fan wurde. „Der wollte den Salou kaputt treten“, schimpft mein Vater, „und hat nur Gelb gesehen. Salou hat 'ne Fleischwunde. Fast wie Lienen damals. Er kann nicht mehr, er muss raus“, sagt er und verabschiedet sich mit den Worten: „Sie werden es verlieren.“

Lange, bevor ich irgendeine Szene gesehen habe, hatte ich von diesem Spiel nur ein Gefühl – Schmerz. Wie es ausging, wollte ich an diesem Abend nicht mehr wissen. War doch klar – sie werden es verlieren. Erst Wochen später habe ich mir das Spiel daheim auf dem Videorekorder angesehen, den Antritt, das Tor. Den Tritt. Das Blut. Der Ausgleich. Und der Siegtreffer eine Minute vor Schluss. Das Ende.

Die Bayern mit den Mitteln des Außenseiters

Der Fußball ist nicht gerecht, er war es nie und wird es nie sein. Das macht einen Großteil seines Reizes aus. Aber an diesem Abend war er nicht mal fair. „Das Spiel wäre faktisch dennoch kaum gekippt,“ schrieb der „Kicker“ anschließend, „wenn Schiedsrichter Strampe kurz vor dem Ausgleich Tarnat die zwingend notwendige Rote Karte gezeigt hätte.“ Denn wäre Salou „auf dem Platz geblieben“, gab auch Mehmet Scholl später zu, „hätten wir den Pokal nicht gewonnen“. Stattdessen gewannen die Bayern mit den Mitteln eines Außenseiters und dem Glück des Favoriten. Die MSV-Spieler wurden anschließend gelobt für ihren Kampf und ihre Fairness. Gut verlieren – das konnte Duisburg schon immer.

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Als ich das Spiel Wochen später zum ersten Mal sah, wusste ich, was kommt. Und war dennoch nicht darauf vorbereitet. Still saß ich da, allein mit meinen Tränen und dem Gefühl: So nah dran werden wir vielleicht nie mehr sein.

Was jedoch ein wenig Genugtuung brachte und mir bis heute ein Grinsen ins Gesicht zaubert, passierte fast genau ein Jahr danach. Diesmal standen die Bayern in einem Finale, das sie schon lange nicht mehr erreicht hatten. Und sie sollten dem Pokal noch näher kommen, als es der MSV jemals war. Fragen Sie doch mal Bayern-Fans, wo sie am 26. Mai 1999 waren. Sie werden es noch wissen.

Jan Mohnhaupt hat die Biografie des MSV-Stürmers Michael Tönnies verfasst. Aktuell liegt von ihm "Tiere im Nationalsozialismus" vor. Bisher in dieser Serie erschienen: DFB-Pokalfinale 1973 Borussia Mönchengladbach - 1. FC Köln , DFB-Pokalfinale 1993 Hertha BSC Amateure - Bayer 04 Leverkusen , WM-Finale 1974, Bundesrepublik Deutschland - Niederlande , Uefa-Cup-Finale 2001, FC Liverpool - Deportivo Alaves.

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