Das entscheidende Duell. Weil Berti Vogts (links) Johan Cruyff fast immer auf den Füßen stand, kam der Spielmacher der Holländer nicht wie üblich zur Entfaltung. Foto: imago/Colorsport
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Evergreens des Fußballs (3) Ein Fest der kreativen Freiheit

René Maric

Das WM-Finale von 1974 gilt vielen als Sieg des deutschen Arbeiterfußballs über das schöne Spiel der Niederländer. Aber so klar liegen die Dinge nicht.

Kein Fußball. Und das über Wochen, vielleicht sogar Monate. Nicht mal ein Testspiel aus dem Trainingslager im Süden, in dem die B-Mannschaft des eigenen Klubs gegen einen rumänischen Zweitligisten antritt. Es gibt also genügend Zeit für legendäre Spiele aus der Vergangenheit. Wir stellen hier einige vor. Heute: WM-Finale 1974, Bundesrepublik Deutschland - Niederlande.

Das WM-Finale 1974 gilt heutzutage als Meilenstein der fußballerischen Entwicklung – international nicht immer im positiven Sinne. Der damals als innovativ und spektakulär geltende niederländische Fußball, verkörpert von rebellisch wirkenden Persönlichkeiten wie Johan Cruyff, wurde vom (vermeintlichen) deutschen Arbeiterfußball in die Knie gezwungen. Sinnbild dafür: Hans-Hubert Vogts, immer Wadenbeißer im Schatten des niederländischen Superstars. Was jedoch häufig vergessen wird: Die deutsche Nationalmannschaft galt nur zwei Jahre zuvor als womöglich spielstärkste Mannschaft der Welt. So verglich Fußballphilosoph und Guardiolamentor Juan Manuel Lillo sie mit dem Barça-Team von 2012.

Länger dauerte die Verspätung des Anpfiffes (zwei Minuten) als die Spielzeit bis zum Elfmeter der Niederlande (knapp unter einer Minute). Schon in dieser ersten Sequenz zeigte sich übrigens ein typischer Angriff der niederländischen Mannschaft, die sich über viele Positionswechsel definierte: Nach knapp einer halben Minute stand Cruyff als letzter Mann hinter beiden Innenverteidigern, die sich ins Mittelfeld bewegt hatten (Screenshot 1). Von dort aus – der eigentlichen Beckenbauerposition als Libero – setzte er einen seiner Läufe an, die sowohl ihn als auch sein Gegenüber zu den besten Spielern ihrer Zeit machten. Mit Anlauf kommend ging er an Vogts vorbei, Uli Hoeneß musste eingreifen. Elfmeter und 1:0 durch Neeskens.

Screenshot 1: Johan Cruyff hat sich hinter die beiden Innenverteidiger zurückfallen lassen. Foto: Screenshot Vergrößern
Screenshot 1: Johan Cruyff hat sich hinter die beiden Innenverteidiger zurückfallen lassen. © Screenshot

Dieses Tor, aber auch die Weltmeisterschaft als solche, stehen exemplarisch für Cruyff. In jener Zeit war er, entsprechend Vorbildern wie Valentino Mazzola oder Alfredo di Stefano, ein kompletter Fußballer. Nominell agierte er je nach Spielbericht als Flügelstürmer, Mittelstürmer oder Zehner, doch im Laufe des Spiels tauchte er überall auf. Aufgabe seiner Mitspieler: dies erkennen, darauf zu reagieren, selbst neue Positionen zu finden.

Johan Cruyff ist der Querdenker

Unterschätzt sind aber Cruyffs eigenen Läufe ohne Ball: Der Superstar stellte sich damals in den Dienst seiner Mannschaft, bewegte sich immer wieder mit sogenannten „Dummyläufen“ auch weg vom Ball, um Raum für seine Mitspieler zu öffnen.

Über Cruyff, der selbst für seine Zitate bekannt ist, und die Interpretation dieser Aktionen gibt es folgende Aussage von Mitspieler Barry Hulshoff: „Wir haben die ganze Zeit über Raum diskutiert. Cruyff sprach immer darüber, wo die Leute hinlaufen sollten, wo sie stehen und wo sie sich nicht hinbewegen sollten. Alles ging darum, Räume zu schaffen und in die Räume zu kommen. Es war wie eine Architektur auf dem Feld. Wir sprachen ständig über die Geschwindigkeit des Balles, über Raum und Zeit. Wo ist am meisten Raum? Wo ist der Spieler, der die meiste Zeit hat? Da müssen wir den Ball hinspielen. Jeder Spieler musste die Geometrie des Spielfeldes verstehen und das System als Ganzes.“

Dieses fordernde Denken zeichnete den Spieler Cruyff im Verbund mit seinen Mitspielern und Trainerlegende Rinus Michels ebenso aus wie er selbst als Trainer später agieren sollte. Positionswechsel wie jene der niederländischen Mannschaft – häufig mit in die Mitte einrückendem linken Außenverteidiger Ruud Krol und vorschiebenden Mittelfeldspielern – stellten damals die Manndeckungen der meisten Mannschaften auf den Kopf. 

Helmut Schön ist der Vordenker

 Um dem entgegen zu wirken, veränderte Helmut Schön – ebenso wie einst Mentor Sepp Herberger im WM-Finale 1954 gegen Nandor Hidegkuti – die Organisation der Manndeckungen. Mit Schwarzenbeck auf Rensenbrink und Breitner auf Rep entstand eine Dreierkette neben Libero Beckenbauer, der als Absicherung den frei gewordenen Gegenspieler von ausgespielten oder überlaufenen Mitspielern übernehmen sollte. Die Manndeckung Vogts‘ auf Cruyff (Screenshot 2) sollte neben Bonhofs Manndeckung auf Neeskens spielentscheidend werden. Die niederländische Schaltzentrale wurde aus dem Spiel genommen.

Screenshot 2: Johan Cruyff (mit Ball) wird schon im Mittelkreis von seinem Bewacher Berti Vogts in Empfang genommen. Foto: Screenshot Vergrößern
Screenshot 2: Johan Cruyff (mit Ball) wird schon im Mittelkreis von seinem Bewacher Berti Vogts in Empfang genommen. © Screenshot

Offensiv zeigte sich Deutschland allerdings trotz allem von einer guten Seite. Das Wechselspiel Overath-Beckenbauer funktionierte ähnlich gut wie zwei Jahre zuvor mit Netzer, auch mit deutlich weniger Ballbesitz. Nach Ballgewinnen befanden sich Müller als Ziel- und Hoeneß als Umschaltspieler sowie Hölzenbein und Grabowski (mit dem schönsten Tunnel des Spiels) für Dribblings in guten Positionen.

Im Gegensatz zur bundesdeutschen Mannschaft hatten die Niederlande häufig nur wenige oder offensive Spieler in der Absicherung. Somit findet sich hier der kleine Unterschied zwischen den Teams: Deutschland dachte aus der eigenen Defensivformation in die Offensive, die Niederlande umgekehrt. Gelegentlich war dies sogar von Vorteil. So war es nach fast dreißig Minuten Vogts, der nach einem Durchbruch halblinks alleine vor dem handschuhlosen Torwart der Niederländer auftauchte. Letztlich war es sogar die flexible Besetzung der rechten Seite von Grabowski, Hoeneß und speziell Bonhof, die das Siegtor einleitete.

Des Fußballs klassische Moderne

 Dieses Spiel ist schlussendlich aus einem Grund besonders interessant für den heutigen Kontext: Für damalige wie heutige Zeit unüblich trafen zwei komplette Mannschaften aufeinander, inklusive Aspekten, die man heutzutage kaum noch sieht (z.B. Positionswechsel oder Abseitsfalle, die mit heutigem VAR übrigens in Halbzeit zwei grandios gescheitert wäre). Die Qualität und Mentalität der Einzelspieler stechen besonders heraus.

 Defensiv zeigte besonders die deutsche Mannschaft die Bereitschaft, bis in den eigenen Strafraum zu verteidigen oder aufmerksam Zuordnungen von Mitspielern zu übernehmen, wenn dieser zu weit weg oder ausgespielt war. Offensiv war es auf beiden Seiten Anschauungsunterricht für kreative Freiheit auf dem Feld, ohne in Chaos zu verfallen, für gemeinsam intelligente Aktionen ohne klare Vorgaben oder besondere Muster, angeführt von Ausnahmespielern wie Cruyff, Beckenbauer und Müller, der trotz seiner Torrekorde als Fußballer bis heute unterschätzt ist.

René Maric ist Co-Trainer beim Fußball-Bundesligisten Borussia Mönchengladbach. Zuvor hat er regelmäßig für den Taktikblog Spielverlagerung.de geschrieben. Bisher in dieser Serie erschienen: DFB-Pokalfinale 1973 Borussia Mönchengladbach - 1. FC Köln , DFB-Pokalfinale 1993 Hertha BSC Amateure - Bayer 04 Leverkusen .

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