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Vorneweg: Gina Lückenkemper. Foto: IMAGO/Beautiful Sports
© IMAGO/Beautiful Sports

Etliche Bestleistungen bei den Finals Gina Lückenkemper sprintet sich wieder in die Berliner Herzen

Zum vierten Mal in ihrer Karriere bleibt Lückenkemper unter elf Sekunden. Den dramaturgischen Höhepunkt bei den Finals beschert aber Mohamed Mohumed.

Ihr Grinsen war bis unters Stadiondach zu erkennen. Gina Lückenkemper siegte im Sprint über 100 Meter in 10,99 Sekunden und das Publikum jubelte laut. Erinnerungen an die Europameisterschaften vor vier Jahren kamen auf, als Lückenkemper vor fast vollen Zuschauerrängen den zweiten Platz belegt hatte. Bei den deutschen Leichtathletikmeisterschaften am Samstag waren die Zuschauerränge allerdings nicht voll, auch nicht halbvoll und nicht zu einem Drittel gefüllt. Gerade einmal rund 3000 Besucher waren ins knapp 75.000 Menschen fassende Olympiastadion gekommen.

Die olympische Kernsportart hierzulande hat atmosphärisch schon bessere Tage gesehen. Bei den vergangenen olympischen Spielen in Tokio war die Bilanz der deutschen Athletinnen und Athleten so schlecht wie lange nicht. Und während der Corona-Pandemie litt die Stimmung ohnehin, bei den Aktiven wie bei den Fans.

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Die Leichtathletik sei der Herzschlag der Finals – der gebündelten Meisterschaften in 14 Sportarten. Es wirkte fast ein wenig verzweifelt, was der Stadionsprecher zu Beginn der Wettbewerbe am Samstag ins ziemlich leere Olympiastadion rief. Wie üblich waren auch die Preise im Olympiastadion der bekannte Stimmungskiller: Die labberige Riesenbrezel ab 4,50 Euro, das Pils für fünf Euro. Nebenan, beim Familiensportfest auf dem Olympiapark, tobte dagegen das Leben.

Trotzdem sollte es ein gelungener Tag werden – für die Zuschauer wie für die Athleten. Und das nicht nur, weil Lückenkemper den Geist von 2018 ein bisschen heraufbeschwor. Schon am Vormittag hatte der Stabhochspringer Bo Kanda Lita Bahre 5,90 Meter überquert und damit seine bisherige zehn Bestleistung um zehn Zentimeter übertroffen. Überhaupt waren in diesem Jahr bislang weltweit nur zwei Athleten höher gesprungen als der Deutsche. Bei den im Juli stattfindenden Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Eugene im US-Bundesstaat Oregon liebäugelt der Mann von Bayer Leverkusen mit einer Medaille.

Das tut sicher auch Kristin Pudenz. Die Potsdamerin lieferte sich einen spannenden Wettkampf mit ihrer Rivalin Shanice Craft. Aber bevor das spannende Duell in die Entscheidung ging, grollte ein gewaltiger Donner über das Olympiastadion. Sämtliche Wettbewerbe mussten für eine gute halbe Stunde unterbrochen werden. Pudenz, die ohnehin den Eindruck macht, als könne sie nichts erschüttern, nahm nach der Pause den Diskus in die Hand, drehte sich geschwind und schleuderte die Scheibe auf 67,10 Meter – ebenfalls eine persönliche Bestleistung. „Wer weiß“, sagte sie. „Vielleicht gibt es ja in Eugene auch ’ne Pause und ich kann wieder einen raushauen.“ Craft wurde Zweite mit 64,64 Metern vor der Berlinerin Julia Harting (64,34 Meter).

Den dramaturgischen Höhepunkt beschert Mohamed Mohumed

Zwischendurch wurde es im Olympiastadion gefühlig. Bekannte Namen der deutschen Leichtathletik wurden verabschiedet. Julian Reus, mit 10,01 Sekunden aktueller deutscher Rekordhalter über 100 Meter, bekam zum Karriereende genauso einen Blumenstrauß in die Hand gedrückt wie die Hürdensprinterin und WM-Zweite von 2017 Pamela Dutkiewicz-Emmerich.

Wehmut kam aber kaum auf. Etliche Athletinnen und Athleten stellten auf der blauen Bahn im Olympiastadion persönliche Bestleistungen auf. Neben Pudenz begeisterte besonders Corinna Schwab über 400 Meter. In ihrem Vorlauf lief sie 50,91 Sekunden. Seit 20 Jahren war keine deutsche Läuferin so schnell auf der Stadionrunde.

Je später der Abend, desto besser wurde die Stimmung. Fast vergessen schien, dass publikumswirksame Athletinnen wie Konstanze Klosterhalfen oder Gesa Krause kurzfristig ihre Teilnahme in Berlin absagen mussten. Verletzungsbedingt fehlte auch Speerwerfer Johannes Vetter. Den Titel im Speerwurf hole sich Julian Weber mit 86,61 Metern.

Dramaturgischer Höhepunkt am Samstag war der 5000-Meter-Lauf der Männer. Der große Favorit Mohamed Mohumed hielt sich zu Beginn zurück, lief viele Meter hinter dem Feld her. Am Ende aber war er vorne dabei und lieferte sich einen packenden Zweikampf mit Sam Parsons. Im Schlussspurt setzte sich eines der größten deutschen Talente auf der Langstrecke knapp gegen Parsons durch und gab gleich nach dem Zieleinlauf der blauen Bahn ein Küsschen.
Am Ende des Abends kullerten aber ein paar Tränen – vor Glück. Gina Lückenkemper gelang eines der schnellsten Rennen ihrer Karriere. Die Zuschauer neben der Ostkurve standen auf und jubelten ihr zu. Fast so, wie sie es vor vier Jahren gemacht hatten.

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