Glatt Rot! Zeigten die Berliner Schiedsrichter am vergangenen Wochenende allen Mitarbeiter. Foto: Getty Images
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„Es muss nicht erst zum Schlimmsten kommen“ Wie es nach dem Schiedsrichter-Streik weitergeht

Der Schiedsrichter-Hilferuf sorgt für Aufsehen: Ein Streik legt für ein Wochenende den Berliner Amateurfußball still. Doch was folgt jetzt?

Nach dem viel diskutierten Schiedsrichter-Streik im Berliner Amateurfußball sollen Sofortmaßnahmen wie ein Runder Tisch, eine Ordner-Pflicht sowie konsequente Strafen auch für Problemvereine für eine schnelle erste Entspannung sorgen. „Es gibt eine hohe Verunsicherung bei den Schiedsrichtern. Das nehme ich sehr ernst“, sagte Berlins Fußballchef Bernd Schultz am Montag der Deutschen Presse-Agentur.

Der 62-Jährige sieht sich vor der vielleicht größten Herausforderung in seiner schon 15-jährigen Amtszeit als Präsident des Berliner Fußball-Verbandes (BFV): „Es muss nicht erst zum Schlimmsten kommen.“ Nach schon 109 Vorfällen von Gewalt und Diskriminierung in dieser Saison in den Berliner Amateur- und Jugendklassen, bei denen in 53 Fällen Referees als Opfer gezählt wurden, hatte sich der Schiedsrichterausschuss konträr zum BFV-Präsidium für ein Wochenende zu einer Nichtbesetzung aller rund 1500 Spiele entschlossen.

Möglichst schon auf dem Verbandstag am 15. und 16. November sollen nun erste Teile eines Sofort-Pakets verabschiedet werden. Ein bisher als Empfehlung gedachter Antrag, dass der Heimverein bei jedem Männerspiel einen Ordner stellt, soll „verpflichtend“ werden, berichtete Schultz.

Das BFV-Präsidium wollte „einen anderen Weg“ wählen, um auf die verstärkten Probleme zu reagieren. Der Schiedsrichterausschuss entschied sich für Streik. „Viele haben ein Verständnis entwickelt für die Aktion der Schiedsrichter, aber auch gefragt: Was jetzt?“, bemerkte Schultz.

Der Verbandschef will ein Forum mit breiter Beteiligung von Vereinsvertretern über Trainer bis zu Jugendwarten und natürlich den Schiedsrichtern selbst einrichten, „damit alle mehr Verständnis füreinander entwickeln“. Auch Veränderungen bei der Sportgerichtsbarkeit stehen auf der Agenda.

Viel zu tun. Bernd Schultz, Präsident des Berliner Fußballverbandes. Foto: Uwe Zucchi/dpa Vergrößern
Viel zu tun. Bernd Schultz, Präsident des Berliner Fußballverbandes. © Uwe Zucchi/dpa

Man müsse zudem noch mehr Einfluss auf „Problemvereine“ nehmen, bemerkte Schultz und verwies auf die schon jetzt zahlreichen „Hilfsangebote“ für die Klubs. Der Schiedsrichterausschuss sehe die Probleme zwar „flächendeckend“, erklärte der BFV-Präsident.

Aber auch Ralf Kisting, der Sprecher des Berliner Schiedsrichterausschusses, stellte fest: „Vor allem junge Schiedsrichter haben Angst, Spiele bestimmter Vereine zu pfeifen.“ Kisting berichtete über bundesweiten Zuspruch für die Aktion. Es habe „zu 100 Prozent Zustimmung für des Ausstand der Berliner Referees“ gegeben. „Ich bekam viele Mails und Nachrichten aufs Handy – von Berliner Vereinen, aber auch von der Gewerkschaft der Polizei. Der Tenor: Es war Zeit, endlich zu handeln“, sagte Kisting der „Berliner Zeitung“ (Montag).

Rückläufige Schiedsrichter-Zahlen

Heinz Schmidt, zweiter Vorsitzender des VfB/Einheit zu Pankow aus der Kreisliga A, warnte: „Wir müssen auch an den Nachwuchs denken, der abgeschreckt wird, Schiedsrichter zu werden, wenn die Unparteiischen auf dem Platz angegriffen werden.“

Schon jetzt ist die Anzahl der Berliner Referees mit rund 1000 rückläufig. In der vergangenen Spielzeit sei jeder Siebte Schiedsrichter Opfer von verbalen und körperlichen Angriffen geworden, hatte Berlins Schiedsrichter-Chef Jörg Wehling berichtet.

Natürlich ist das Problem auch gesamtgesellschaftlich und nicht allein durch den Fußball zu lösen. Das entbindet die Verbands- und Vereinsverantwortlichen aber nicht von ihrer Verantwortung, auf die zunehmende Gewalt zu reagieren. Dazu gehöre auch, „konsequent und gemeinsam gegen Täter vorzugehen und alle Möglichkeiten der Sportgerichtsbarkeit auszuschöpfen“, bemerkte Schultz. (dpa/Tsp)

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