Timo Werner im Länderspiel gegen Serbien Foto: Swen Pförtner/dpa
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EM-Qualifikation gegen Holland Das Duell der untypischen Mittelstürmer

Hollands Stürmer Memphis Depay hat dem Deutschen Timo Werner einiges voraus. Wird sich das auch im ersten Spiel der EM-Qualifikation zeigen?

Memphis Depay steckte sich die Zeigefinger in seine Ohren. Das macht er immer, wenn er ein Tor erzielt. Vor kurzem hat er mal erzählt, was hinter diesem Jubel steckt. Es sei seine Art, Gott zu danken und zu zeigen, dass er taub sei für die Welt. Im Moment wäre es ganz gut, wenn Depay, der Offensivspieler von Olympique Lyon, nicht alles mitkriegt, was über ihn erzählt und geschrieben wird. Zumindest wenn er für seinen Klub im Einsatz ist. In Frankreich fielen die Kritiken zuletzt eher bescheiden aus. In der holländischen Nationalmannschaft hingegen kann es kaum besser laufen: Am Donnerstag, beim 4:0-Erfolg der Elftal gegen Weißrussland zum Auftakt der EM-Qualifikation, war Depay an allen vier Toren beteiligt. Zwei schoss er selbst, die Treffer von Georginio Wijnaldum und Virgil van Dijk bereitete er vor.

Hinterher hat sich Depay ein bisschen geärgert, dass ihm der erste Hattrick seiner Länderspielkarriere verwehrt geblieben ist. „Den habe ich mir fürs nächste Mal aufgespart“, sagte er. Das nächste Mal, das ist am Sonntag das EM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland (20.45 Uhr, live bei RTL).

Vor dem Duell in Amsterdam scheinen beide Seiten eifrig bemüht, dem jeweils anderen die Rolle des Favoriten zuzuschanzen. Das darf man durchaus als Beleg dafür werten, dass sich die Mannschaften auf ähnlichem Niveau bewegen. Beide Teams kommen aus einer Krise, beide stecken im Neuaufbau, und beide haben ein wenig mit dem Problem zu kämpfen, die zentrale Position im Sturm passend zu besetzen. Auch in dieser Hinsicht scheinen die Holländer ihrem großen alten Rivalen einen halben Schritt voraus zu sein.

Es ist kein Geheimnis, dass die Niederlande inzwischen wieder über herausragende Talente verfügen, dass ihr Nationalteam mit den Innenverteidigern Matthijs de Ligt und Virgil van Dijk und den Mittelfeldspielern Frenkie de Jong und Georginio Wijnaldum eine starke zentrale Achse hat. Was fehlt, ist ein echter Stürmer. Zumindest war das im vergangenen Herbst noch so. Inzwischen ist diese Klage weitgehend verstummt. Seitdem Ronald Koeman vor einem Jahr als Bondscoach angefangen hat, hat Memphis Depay in elf Länderspielen sieben Tore erzielt.

Timo Werner ist in seinen jüngsten zehn Einsätzen für die deutsche Nationalmannschaft genau ein Treffer gelungen.

Timo Werner vergibt zu viele Chancen

Und trotzdem gilt Werner, 23 Jahre alt, weiterhin als die Zukunft der deutschen Offensive. Seit seinem Wechsel vom VfB Stuttgart nach Leipzig im Sommer 2016 hat er in jeder Bundesligasaison zweistellig getroffen. Aktuell kommt er auch schon wieder auf zwölf Tore. Angesichts seiner stattlichen Ausbeute ist es fast logisch, dass seine Abschlussschwäche nur selten thematisiert wird. Doch Werner vergibt ungewöhnlich viele gute Möglichkeiten. Am Mittwoch, beim 1:1 im Testspiel gegen Serbien, ließ er gleich zwei herausragende Chancen ungenutzt.

Dieses Problem zieht sich bei der Nationalmannschaft durch die vergangenen Monate. „Die Konsequenz in unseren Aktionen ist natürlich ein Thema“, sagte Bundestrainer Joachim Löw. Oder besser: die fehlende Konsequenz. „Ich hoffe, dass die Mannschaft das künftig besser umsetzt, einen Tick mehr Konsequenz einbringt, um auch solche engen Spiele für sich zu entscheiden.“

Allzu große Variationsmöglichkeiten besitzt der Bundestrainer für die Position in vorderster Front nicht. Wenn man den deutschen Fußball nach typischen Strafraumstürmern durchforstet, landet man bei Spielern, die immer wieder mit körperlichen Problemen zu kämpfen haben (Daniel Ginczek, Niklas Füllkrug) oder – in der Zweiten Liga (Simon Terodde, Pierre-Michel Lasogga). Dass Davie Selke von Hertha BSC angesichts der eingeschränkten Auswahl über kurz oder lang in der Nationalmannschaft landet, ist daher keine besonders originelle Prognose. Er vereint die Schnelligkeit eines Konterspielers mit dem Instinkt eines Strafraumstürmers. Zudem hat er sich seit seinem Wechsel nach Berlin spielerisch deutlich verbessert.

In Holland ist die Situation nicht grundsätzlich anders als in Deutschland. Einen natürlichen Nachfolger für Marco van Basten, Ruud van Nistelrooy oder Klaas-Jan Huntelaar gibt es nicht: Im Kader steht unter anderem Luuk de Jong, 28, der sich 2012 bei Borussia Mönchengladbach nicht durchsetzen konnte. Der 25 Jahre alte Depay ist auch nicht das, was man sich unter einem klassischen Stoßstürmer vorstellt. Er ist eher ein Schleicher zwischen den Linien, der überall unterwegs ist und ein gutes Gespür für den Raum besitzt. Gegen Weißrussland war er nicht nur an allen Toren beteiligt, sondern an allen gefährlichen Offensivaktionen seines Teams. „Ich bin frei in dem, was ich tue“, sagt er über seine Rolle bei Oranje.

Memphis Depay sieht sich zu Höherem berufen

Das war im Verein zuletzt nicht so. Bei Olympique wurde Depay auf die Außenbahn abgeschoben und im letzten Ligaspiel sogar auf die Ersatzbank; nur ein Tor ist ihm in den vergangenen zwölf Spielen gelungen. Für Bondscoach Koeman ist das kein Problem. „Memphis muss mir nichts beweisen, er hat oft genug gezeigt, wie gut er ist“, sagte er vor dem Spiel gegen die Weißrussen. „Hier macht er immer einen sehr glücklichen Eindruck.“ Bei Oranje sei er ein anderer Mensch, schrieb die „Volkskrant“ über Depay. Er könne auf dem ganzen Feld umherschweifen, sich die Bälle holen und sei vollkommen entspannt im Kopf: „Jeder akzeptiert ihn als Chef im Sturm, und dieses Vertrauen zahlt er mit Liebe für den Ball zurück.“

Gegen die Weißrussen, in seinem vielleicht besten Länderspiel bisher, bereitete Depay das 2:0 durch Wijnaldum mit der Hacke vor, und kurz vor Schluss schlug er eine Flanke in den Strafraum, indem er mit dem Schussbein hinter seinem Standbein ausholte. „Ich genieße hier jede Minute“, sagte Depay, der über ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein verfügt. Obwohl seine Zeit bei Manchester United (Mitte 2015 bis Anfang 2017) eine unerquickliche Episode geblieben ist, hat er vor kurzem gesagt: „Ich will zu einem Verein wie Real Madrid, FC Barcelona, FC Chelsea, Manchester City oder Bayern München.“

Bei Werner gilt es als weitgehend ausgemacht, dass er im Sommer von Leipzig nach München wechseln wird. Wobei man durchaus fragen kann, wie er in das Spiel des FC Bayern passen soll. Werners große Stärke ist die Schnelligkeit. Man könnte auch sagen: Seinen fußballerischen Schwächen läuft er locker davon. Die Frage ist, ob die Defizite bei ihm noch altersüblich sind oder doch grundsätzlicher Natur.

Werner hat, wie es in der Fußballersprache heißt, keinen guten ersten Kontakt. Gegen die Serben machte er zwei aussichtsreiche Situationen zunichte, weil ihm der Ball bei der Annahme versprang. Auch bei der WM, gegen tief stehende Gegner, fiel er kaum auf; seine besten Szenen hatte Werner in der zweiten Halbzeit gegen Schweden, als er von Bundestrainer Joachim Löw auf die linke Außenbahn versetzt wurde.

Timo Werner braucht Raum für sein Spiel. Das ist der Unterschied zu Memphis Depay. Der findet Räume, die es gar nicht gibt.

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