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Die Fans fehlen. Die Eisbären spielen in dieser Saison trotzdem gern daheim, vor dem heutigen Spiel gegen die Grizzlys Wolfsburg ist die Bilanz der Berliner makellos. Foto: imago images/Contrast
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Eishockey in Zeiten von Corona So läuft ein Heimspiel der Eisbären Berlin in der Pandemie

Party mit 14.000 Fans war einmal, nun ist Vorsicht Vorschrift: Vergnügen kommt bei den Geisterspielen kaum auf, es ist vor allem eine sportliche Durchhalteparole.

Wenn der Tag geht, dann gewinnt das Areal am Mercedes-Platz in Friedrichshain-Kreuzberg an Farbe. Eine beleuchtete Betonwüste glitzert selbst im Kunstlicht mehr als in der Sonne. Künstlich mag künstlich. Am Rande des Retortenzentrums schlummert die Mercedes-Benz-Arena; abgedrängt von den immer weiter wachsenden Hochhäusern, wie man etwas höhere Bauten in Berlin so nennt (in Frankfurt am Main würden sie lachen). Vor Seiteneingang 2 steht eine kleine Gruppe Menschen und wartet auf Einlass – in knapp einer Stunde spielen in der Halle die Eisbären Berlin.

Heimspiele der Eisbären in der Deutschen Eishockey-Liga, das waren immer große Partys. Kein anderer Klub in Berlin hat über ein Jahrzehnt so viel Volk in eine Halle gezogen wie die Eisbären. Lange ist es her, bald ein Jahr: Zuletzt war die Hütte am 8. März 2020 voll, 14 200 Zuschauer sahen die Eisbären gegen die Fischtown Pinguins Bremerhaven. In dieser Saison waren in allen acht Heimspielen zusammen weniger Menschen in der Arena. Exakt130 sind es pro Spiel, die Hälfte davon verteilt sich auf die Akteure auf dem Eis, dazu kommen Hallen- und Ordnungspersonal sowie Journalistinnen und Journalisten.

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Geisterspiele sind für den Betreiber und die Eisbären ein essentielles Zeichen in der Krise. Moritz Hillebrand, Sprecher des Hallen- und Klub–Eigners Anschutz Entertainment Group (AEG) sagt: „Strategisch ist es wichtig, dass Eishockey gespielt wird.“ Was den Erlös betrifft, sieht es anders aus. Die Arena ist eben nicht wie die Schmeling-Halle im Prenzlauer Berg in öffentlicher Hand. „Dass ein Eishockeyspiel unter diesen Umständen gesehen wirtschaftlich keinen Sinn macht, ist logisch“, sagt Ole Hertel, General Manager der Mercedes-Benz-Arena.

Kein Erlös aus dem Ticketverkauf, in der Halle ist kein Getränkestand offen. Die Frau, die am Fahrstuhl im vierten Stock steht und dafür Sorge trägt, dass die Journalist*innen rauf und runter fahren können, verlebt einen ruhigen Abend. Die Frage, wo es denn zum Raucherbalkon geht, hat ihr seit fast einem Jahr niemand mehr gestellt. Es sei ein wenig öde, sagt sie, lacht und zeigt auf einen Bildschirm. „Nicht mal das Spiel kann ich von hier sehen.“ Die Bildschirme sind aus und aus der Halle dringt nur ab und an akustisch etwas in die menschenleeren Flure, wenn die Musik eingespielt wird.

"Wie sehnen uns nach Fans im Stadion"

Aber immerhin, sagt die Angestellte am Fahrstuhl, sei sie ja hier. Arbeit halt. „Unsere Mitarbeiter und Dienstleister freuen sich über die Ablenkung und Abwechslung“, sagt Hallenchef Hertel. Allerdings ist es nicht so, dass sie beim Hallen- und Klubeigner AEG nun im Büro mit Arbeitsaufträgen oder Tickets um sich werfen würden. Hillebrand sagt: „Das Konzept ist, dass nur Menschen rein dürfen, die dort auch gebraucht werden.“ Er selbst hat daher noch kein einziges Heimspiel der Eisbären oder von den Alba-Basketballern gesehen, die ja auch in der Halle spielen – was ihm natürlich wehtue. Aber Vorsicht ist Vorschrift.

Alles dicht. Die Flure im Oberrang der Arena während eines Spiels. Foto: Vetter Vergrößern
Alles dicht. Die Flure im Oberrang der Arena während eines Spiels. © Vetter

Die Spieler der Eisbären haben dieses Problem nicht, sie haben auf dem Eis alle Freiheiten. Angreifer Marcel Noebels sagt zur Atmosphäre: „Es fühlt sich sicherlich nicht normal an und ist Gott sei Dank ja nur eine Angelegenheit. Wir hoffen mal das Beste, denn wir sehnen uns nach unseren Fans im Stadion.“ Aber die Mannschaft fühle sich in der Halle trotzdem zu Hause. In Iserlohn ziu spielen, sei immer noch etwas anderes.

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Der Oberrang ist bis auf die Gerade für Fernsehen und Presse abgehangen. Die Stehkurve, auf der früher die Fans Rabatz gemacht haben, ist nicht mal ausgefahren. Es fehlt der Krach, es fehlen schwitzende Menschen, der Geruch nach Bier und Fastfood – der allerdings in der Halle mit der Megalüftungsanlage auch kaum wahrzunehmen ist, wenn sie voller Menschen ist. Aber es fehlt das Donnern vor den Tribünen und natürlich der Folkloreteil mit dem intonierten „Ost-Ost-Ost-Berlin“, das sonst von der Stehplatzkurve seit Jahren nach 30 Spielminuten angesichts der DDR-Vergangenheit des Klubs angestimmt wird. Für so ein Späßchen geben sich in dieser Saison die wenigen Zuschauer mit Arbeitsauftrag in der Halle natürlich nicht her. „Ist ja auch scheiße, der Schlachtruf“, sagt ein Kollege vom „Eis-Dynamo“, Eisbären-Kult-Fanzine.

Allein das Spiel produziert die Geräuschkulisse. Das Kratzen der Schlittschuhe, Schreie der Spieler, der knallende Puck, die Checks an der Bande, und zwischendrin dröhnen Ansagen oder Musik durch das fast leere Oval mit den Fan-Transparenten auf den Sitzen und zwei Bannern in der Kurve. „Fans – wir vermissen Euch“, steht auf ihnen.

Wenn Stadionsprecher Uwe Schumann im letzten Drittel eines Eishockeyspiels die Zuschauerzahl ansagt, verkommt das altbekannte Ritual zur Qual: Erst bedankt sich Schumann bei „15 Pressevertretern und fünf Fotografen“, dann sagt er: „Wir vermissen 14 200.“ Ob die so schnell wiederkommen, die 14 200? Besser wäre es, sagt Hillebrand, denn das Konzept so einer Arena sei das einer vollen Arena und nicht das einer Halle, in der „4000 Zuschauer eine Großveranstaltung besuchen“. Das rentiere sich niemals.

Die Eishockey-Anhänger sind in dieser Saison im virtuellen Eishockeyraum unterwegs. „Magentasport“ überträgt alle Spiele live. Der Fernsehzuschauer wird gut bedient. Für die Journalistinnen und Journalisten hat der Job viele Tücken. Die Tribünen sind im Hygeniekonzept der Eisbären vom Rest der Veranstaltung abgetrennt, den Akteuren auf dem Eis kann sich niemand nähern, der ein Ticket für die Pressetribüne hat. Die Türen in den Gängen sind zu, die Pressekonferenz flimmert über Zoom und Videowürfel. Stimmen der Spieler bekommen die Berichterstatter*innen vom Klub später als Aufnahmen geschickt – meist sind es belanglose Allerweltstatements. Aber das ist in anderen Sportarten zur Zeit nur wenig anders.

Sobald der Videowürfel abgeschaltet ist, verschwinden die wenigen Besucherinnen und Besucher nach zweieinhalb Stunden Eishockeyabend auf den menschenleeren Wegen um die Halle. Und sie gehen mit der Gewissheit, dass Eishockey als Leisehockey zwar funktioniert, aber wenig Vergnügen bietet. Es ist vor allem eine gespielte Durchhalteparole.

Am Dienstag gibt es Teil neun davon, im neunten Geisterheimspiel empfangen die Eisbären die Grizzlys Wolfsburg. Vor 20 Zuschauern auf der Pressetribüne.

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