Jubeln ohne Ende. Frankfurts Andre Silva (rechts) und sein Sturmpartner Goncalo Paciencia haben in dieser Saison oft Grund zur Freude. Foto: Uwe Anspach/dpa
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Eintracht Frankfurts neues Sturmtrio Wenn aus Büffeln Krokodile werden

Stephan Reich

Nach drei bitteren Abgängen ist Frankfurt das Kunststück gelungen, mit Andre Silva, Gonzalo Paciencia und Bas Dost wieder einen treffsicheren Sturm aufzubieten.

Nein, elegante Tiere sind Krokodile nun wirklich nicht. Sie werden bis zu sechs Meter lang, bis zu einer Tonne schwer und treiben meist träge im schlammigen Wasser. Entsprechend irritiert war Eintracht Frankfurts neuer Stürmer Andre Silva im Doppelinterview mit seinem Landsmann und Sturmpartner Gonzalo Paciencia bei dem hauseigenen Eintracht TV. „Du findest Krokodile elegant?“ Die Antwort war Gelächter. Die Frage, auf die Paciencia so eigenwillig geantwortet hatte, war jene nach einer Bezeichnung des neuen Eintracht-Sturms.

Der alte nämlich, Luka Jovic, Ante Rebic und Sebastien Haller, hatte in der vergangenen Saison unter dem Spitznamen Büffelherde reüssiert. 57 Pflichtspieltore erzielte der Eintracht-Sturm da, 41 in der Bundesliga, 16 in einer furiosen Europa- League-Saison, die erst im Halbfinale gegen den FC Chelsea endete. Rannten Rebic, Jovic und Haller auf die gegnerisch Abwehr zu, hatte man tatsächlich ab und an das Gefühl, einem Stierkampf beizuwohnen. Mit dem schlechteren Ende für den Torero.

Die Büffelherde. In der vergangenen Saison schossen Sebastian Haller (von rechts), Luka Jovic und Ante Rebic die Tore für Eintracht Frankfurt. Foto: Arne Dedert/dpa Vergrößern
Die Büffelherde. In der vergangenen Saison schossen Sebastian Haller (von rechts), Luka Jovic und Ante Rebic die Tore für Eintracht Frankfurt. © Arne Dedert/dpa

Nun also Krokodile. Und mal davon abgesehen, dass Paciencias Selbstbezeichnung vielleicht nicht ganz so stimmig daherkommt, ist die schiere Tatsache, dass man überhaupt über einen Spitznamen für die drei nachdenkt, ein Ritterschlag für die Eintracht und deren handelnde Personen. Denn es ist alles andere als branchenüblich, drei Top-Stürmer ohne merklichen Qualitätsverlust zu ersetzen. Noch ist die Saison jung, aber Paciencia, Dost und Silva stehen bereits bei 14 Pflichtspieltoren. Allein in der Liga haben sie von 14 Treffern der Hessen stolze elf erzielt. Am Sonntag sollen gegen Borussia Mönchengladbach weitere folgen (18 Uhr/live bei Sky).

Der durchdachten Arbeit von Trainer Adi Hütter und der Chefetage sei Dank. Angesichts der drohenden Abgänge war es im Sommer Hütters Bestreben, den Frankfurter Spielstil zu modifizieren und das Team so für die Post-Büffelherden-Saison zu rüsten. Weg vom gnadenlosen Pressing, mit dem die Spieler den Gegner jagten, bis sie den Ball hatten und möglichst schnell an Jovic, Rebic oder Haller weitergeben konnten, damit diese den Rest erledigten. Und hin zur etwas feinerer Klinge.

Die Pressingsituationen sind noch immer eine Stärke der Eintracht, doch auch mit dem Ball in den eigenen Reihen können die Frankfurter nun etwas anfangen. So bringt etwa ligaweit kein anderer Verein so viele Flanken in den Strafraum wie die Eintracht, 151 bislang, weit mehr als der zweite der Statistik, der FC Bayern München mit 106 Flanken. Um überhaupt in die Position für eine Flanke zu kommen, bedarf es nicht selten eines gescheiten Kombinationsspiels. Und fußballerisch fähiger Stürmer, die zugleich Zielspieler im Strafraum sind.

Andre Silva ist der letzte Baustein

Das gilt für den technisch feinen Paciencia, der sich in der Vorsaison im Schatten der Büffelherde an das Tempo in der Liga gewöhnen konnte, ebenso wie für seinen Jugendkumpel Silva, mit dem er bei den Junioren des FC Porto zusammenspielte. Silva, mit herausragenden spielerischen Fähigkeiten gesegnet, kam kurz vor Transferschluss im Tausch für den Abwanderungswilligen Rebic und war der letzte Baustein für den leicht angepassten Spielstil.

Rebic war der Büffel schlechthin, kernig im Zweikampf, brandgefährlich, wenn er mit langen Bällen hinter die Abwehr gefüttert wurde. Perfekt also für das in Frankfurt so erfolgreich praktizierte „Bruder, schlag den Ball lang“. Der Spielstil kaschierte dabei jedoch oft Rebics technische Schwächen. Silva hingegen, einst von Cristiano Ronaldo zu seinem legitimen Nachfolger in der portugiesischen Nationalmannschaft ernannt, ist wahrscheinlich der beste Fußballer im Kader und sehr viel besser geeignet, um ins Kombinationsspiel eingebunden zu werden.

Und dann wäre da noch Bas Dost. Auch wenn der 1,96-Meter-Mann nicht so aussieht, ist er fußballerisch ordentlich und füllt die Rolle aus, die Sebastien Haller zuvor inne hatte: Lange Bälle festmachen und verteilen. Nur, dass Dost noch dazu ein herausragender Strafraumstürmer ist. Für seine drei Saisontore benötigte der Holländer gerade mal fünf Torschüsse, in Portugal gelang Dost für Sporting Lissabon einst sogar das Kunststück, 45 Tore in Folge mit dem ersten Kontakt zu erzielen. Eine Gerd-Müller-artige Statistik.

Im Vorjahr stellte Hütter seine Büffel oft gemeinsam auf, in dieser Saison lässt er meist mit zwei Spitzen spielen, um mit einem Mittelfeldspieler mehr auf dem Platz das spielerische Element zu stärken. Dabei verfügt er über den Luxus, ohne Qualitätsverlust rotieren zu können: Den Zweiersturm hat Hütter bereits in sämtlichen Varianten ausprobiert. Funktioniert hat er immer.

Krokodile sind übrigens Einzelgänger, auch in dieser Hinsicht liegt Paciencia also falsch, denn die wahre Stärke des Frankfrurter Sturms liegt darin, perfekte Ergänzungen zueinander darzustellen. Dost, der Zielspieler und Brecher. Silva, der spielende Techniker. Paciencia, der Dank seines guten Kopfballspiels beides vereint. Krokodile seien, sagte Paciencia damals im Interview, nicht nur elegant, sondern auch Killer, und er wolle auch ein Killer sein. Immerhin darin stimmte Paciencias Vergleich.

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