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Auf Pal Dardai kommt in den kommenden Wochen nach der Niederlage in München einiges an Arbeit zu. Foto: imago
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Update Eine Niederlage von besonderer Qualität Die Jahre des Umbruchs haben bei Hertha BSC Spuren hinterlassen

In seiner Gesamtheit erscheint der Berliner Kader wenig schlüssig. Auf Pal Dardai kommt in den kommenden Wochen deshalb einiges an Arbeit zu.

Niklas Stark ist in der vergangenen Saison ein bisschen zum Gesicht der Krise bei Hertha BSC geworden. Das hatte nicht zwingend etwas mit seinen Leistungen zu tun, die in der Regel nicht besser oder schlechter waren als die des gesamten Teams. Es lag vor allem daran, dass Stark sich gewählt auszudrücken versteht und daher derjenige war, der nach den nicht wenigen Niederlagen seiner Mannschaft von Kamera zu Kamera geführt wurde, wo er dann das Unerklärliche erklären musste.

Stark, Torhüter Alexander Schwolow und manchmal auch Maximilian Mittelstädt wurden so zu den inoffiziellen Wortführern einer Mannschaft, die keine Wortführer hatte. Insofern war es ganz passend, dass am Samstagabend nach Herthas 0:5-Niederlage beim FC Bayern München wieder Niklas Stark vor den Fernsehkameras stand, als es das Unerklärliche zu erklären galt. Es ist, als erlebte der Berliner Fußball-Bundesligist gerade eine Zeitreise in die vergangene Saison.

Stark erledigte seine Aufgabe tapfer. Er sprach in zusammenhängenden Sätzen, ohne wirklich Erhellendes zu diesem Desaster beizutragen. Wie auch? „Ich bin heute hier und verstehe auch nicht, warum war das gestern so“, sagte Trainer Pal Dardai am Morgen nach der Niederlage.

Seine Mannschaft war schon mit einfachsten Dingen überfordert: der Konzentration auf den Job. Mit Eifer und Engagement. Mit dem Willen, die Dinge gemeinsam anzugehen. „Ich bin auch ein bisschen schockiert, aber Panik habe ich nicht“, sagte Dardai nach der dritten Niederlage seiner Mannschaft im dritten Spiel der Saison.

Hertha geht lädiert in die Länderspielpause

Wenn Bayern München einen guten Tag habe, habe man keine Chance, sagte Herthas Offensivspieler Javairo Dilrosun. Der Satz ist prinzipiell richtig, hatte aber keinerlei Bezug zum Spiel am Samstag. Korrekterweise hätte er lauten müssen: Wenn die ganze Mannschaft einen schlechten Tag hat, hat man keine Chance. Und gegen Bayern schon mal gar nicht.

Das 0:5 war nicht einfach nur eine Niederlage, es war eine Niederlage von besonderer Qualität. Sie ist dazu angetan, bei Hertha mal wieder vieles in Frage zu stellen. So war es bezeichnend, dass Dardai in München bei jeder Gelegenheit darauf verwies, dass bis zum Ende der Transferperiode noch neue Spieler kämen – als wäre es naiv, mit dem vorhandenen Kader die Herausforderung Abstiegskampf anzunehmen. „Die Qualität, die wir abgegeben haben, ist noch nicht da“, sagte der Ungar. „Aber die wird noch kommen. Man muss nicht rumheulen. Mach ich auch nicht.“

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Hertha geht arg lädiert in die zweiwöchige Länderspielpause, der dann zwei Schlüsselspiele gegen Bochum und Fürth folgen. Ursprünglich wollte Dardai seinen Spielern ein paar freie Tage zur mentalen Regeneration gönnen, doch davon sieht er erst einmal ab. „Wir haben keine Zeit“, sagte Herthas Trainer.

„Wo sind die Führungsspieler?

Im Grunde beginnt für ihn ihr erst Anfang kommender Woche die richtige Saisonvorbereitung mit all den Neuen, die in der vergangenen Woche gekommen sind, und den Neuen, die vielleicht noch bis Dienstag kommen werden. „Die ganze Vorbereitung ist ein bisschen verrutscht“, sagte Dardai. „Für mich ist die Situation neu, am Ende der Vorbereitung so viele Spieler zu bekommen.“

Punktuell verfügt der Kader durchaus über Qualität, aber in seiner Gesamtheit erscheint er wenig schlüssig. Und ob sich dieses Problem mit weiteren Verpflichtungen aus der Welt wird schaffen lassen, sei mal dahingestellt. Die Jahre des Umbruchs haben ihre Spuren hinterlassen.

„Wir haben es als Team geschafft, aber wir haben keine Mannschaft gehabt“, sagte Dardai im Rückblick auf die vergangene Saison, als Hertha unter ähnlichen personellen Bedingungen bis kurz vor Saisonende in den Abstiegskampf verstrickt war. Am Samstag, während des Spiels gegen die Bayern, fragte er sich: „Wer hat den Mut? Wo sind die Führungsspieler? Wo ist die Führungsqualität?“

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Kevin-Prince Boateng, 34 Jahre alt inzwischen und als Persönlichkeit allseits anerkannt, war für diese Rolle vorgesehen. Doch schon im zweiten Spiel passierte das, womit man bei ihm immer rechnen muss: Er verletzte sich und fehlte gegen die Bayern. Stevan Jovetic, 31 Jahre alt, ebenfalls neu und ebenfalls mit reichlich Erfahrung auf allerhöchstem Niveau, folgte am Samstag nach 20 Minuten. Bei Davie Selke soll ein MRT Aufschluss bringen, ob seine Rippe wirklich gebrochen ist.

Die Defensive stärken, die Neuen integrieren, aus vielen Einzelspielern eine funktionierende Mannschaft identifizieren, Hierarchien entwickeln – und das alles in einer Situation, die für die ohnehin etwas labilen Spieler psychologisch zehrend ist, vor allem nach den Erfahrungen der Vorsaison: Auf Pal Dardai kommt in den kommenden Wochen einiges an Arbeit zu. Nach der Niederlage in München hat er noch einmal das wiederholt, was er schon in den Tagen zuvor gesagt hatte: „Bis Weihnachten werden wir eine stabile Saison spielen.“
Unter dem unmittelbaren Einfluss des 0:5-Debakels klang das nicht mehr ganz so überzeugt.

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