Heute und gestern. Anna Felicitas Sarholz als Torwarttrainerin beim BAK. Foto: Thilo Rückeis
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Ehemalige Torhüterin von Turbine Potsdam Der neue Halt der Anna Felicitas Sarholz

Sebastian Schlichting
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Mit 17 verhalf sie Turbine Potsdam zum Champions-League-Titel, doch der frühe Ruhm machte Anna Felicitas Sarholz fertig. Jetzt zeigt sie dem Nachwuchs, wie es besser geht.

Coliseum Alfonso Perez, das Stadion des FC Getafe bei Madrid. Im erstmals ausgetragenen Champions-League-Finale der Frauen zwischen Turbine Potsdam und Olympique Lyon fällt in 120 Minuten kein Tor. 23 Uhr, Elfmeterschießen, mehrere Millionen Fernsehzuschauer sind in Deutschland dabei. Sie erleben, wie Turbine fast aussichtslos zurückliegt. Wie Anna Felicitas Sarholz – die Haare offen, von einem Band aus der Stirn gehalten – dann zwei Elfmeter hält und einen verwandelt. Wie in 15 Minuten aus dem 17 Jahre alten Torwarttalent die „Heldin von Getafe“ wird. So ist es vielfach zu lesen. Das war im Mai 2010.

Dezember 2017, Jugendgeschäftsstelle des Fußball-Regionalligisten Berliner AK im Poststadion, erstes Büro auf der rechten Seite. Alle paar Minuten klopft jemand an die Tür. Mal sucht ein Trainer die Ballpumpe, mal haben Eltern ein Anliegen. Anna Felicitas Sarholz – die Haare dunkler und zum kurzen Zopf gebunden, schwarze Brille – antwortet stets freundlich: Bälle aufpumpen ginge beim Platzwart. Die zuständige Kollegin für die Pässe sei noch nicht da, aber vielleicht nebenan fragen. Sarholz ist Mitarbeiterin im Nachwuchsbereich des BAK. Trainiert die Torhüter mehrerer männlicher Nachwuchsteams und kümmert sich um organisatorische Dinge. Darüber hinaus hat sie eine eigene Torwartschule.

Siebeneinhalb Jahre liegen zwischen dem Abend von Getafe, ihrem größten Erfolg und dem größten des Vereins, und dem Termin im Poststadion. Nur wenige Sachen aus ihrer aktiven Zeit hat Sarholz aufbewahrt, aber das grüne Trikot aus dem Spiel und die Medaille hat sie natürlich noch. Trotzdem sagt sie: „Mit 17 die Champions League zu gewinnen, ist das Letzte, was Du brauchst.“ Nicht falsch verstehen, schiebt sie nach. Es sei toll gewesen. Der Sieg, an dem sie so großen Anteil hatte, brachte für sie viele Pressetermine mit sich, reichlich Aufmerksamkeit. Nicht alltäglich im Frauenfußball. Aber eben auch Druck, Belastung. Insgesamt zu viel. „Ich war ja fast noch ein Kind.“ Anschließend sagt sie einen bemerkenswerten Satz: „Dieses Spiel hat vieles mit sich gebracht und einiges kaputtgemacht.“

Was war das für eine Geschichte: Nach sieben Schützinnen lag Turbine im Elfmeterschießen 2:3 hinten und Lyon durfte nachziehen. An der Seitenlinie begannen die Vorbereitungen für die Siegerehrung. „Ich wusste gar nicht, wie es steht. Ich habe nie mitgezählt“, sagt Sarholz, die im Halbfinale gegen den FCR Duisburg drei Elfmeter gehalten hatte.

Zwei Elfmeter gehalten, einen verwandelt

Im finalen Elfmeterschießen wartet sie lässig mit verschränkten Armen auf die Versuche der Französinnen, als bewache sie den Eingang eines angesagten Clubs. Sie springt nach rechts – und hält. Sie springt wieder nach rechts – und hält. Zwischendurch trifft Isabel Kerschowski. Alles auf Anfang. Im weiteren Verlauf des Spektakels greift sich Sarholz den Ball – und haut ihn rein. „Ich wusste, sie macht den. Da konnte nichts schiefgehen. Sie war eiskalt“, erinnert sich die damalige Teamkollegin Tabea Kemme. Als der 18. Elfmeter des Abends, geschossen von Lyons Elodie Thomis, an die Latte geht, hat Turbine den Pott.

Jung, unbekümmert, erfolgreich, die Final-Geschichte von Anna Felicitas Sarholz ist eine aus dem Bilderbuch der Emotionen. Doch schnell legen sich Grauschleier über das bunte Bilderbuch. Die „coole Sau“, wie sich Sarholz nach dem Endspiel selbst nannte, gab es damals nur auf dem Feld. Sarholz ist ein Familienmensch, hat sich das Wort „Mama“ und das Geburtsdatum ihrer Mutter eintätowieren lassen. Monate vor dem Finale kam es zum Streit. Pubertät, ein Wort gab das andere. Danach redeten beide lange kein Wort miteinander. Dabei hat sie zu ihrer Mutter ein ganz besonderes Verhältnis. „Sie hat mich immer unterstützt, immer zu mir gestanden.“

Mehr als ein Dutzend Tattoos

Anvertraut hatte sie sich vor dem Spiel in Getafe niemandem. Keine Schwäche zeigen. Nicht den Platz im Tor gefährden. Ihr erstes Bundesligaspiel bestritt sie acht Monate früher, nachdem sich die Nummer eins Desirée Schumann verletzt hatte. Das Finale gegen Lyon lief wie ein Traum, aber der Streit, die Nervenbelastung im Endspiel, der Rummel direkt danach, machten sie fertig. „Mir ging es hundeelend“, sagt Sarholz. Trotzdem reiste sie zur Vorbereitung für die U-19-EM. Und bat darum, nach Hause fahren zu dürfen. Der Trainerstab kam dem Wunsch nach. Ihr erster Weg führte sie zu ihrer Mutter. Versöhnung! Ihr widmete Sarholz den Preis, als sie Ende 2010 bei der Goldenen Henne zur Aufsteigerin des Jahres gekürt wurde.

Kurz nach der Abreise vom U-19-Team stand die Feier auf dem Luisenplatz in Potsdam mit den Fans an. „Turbine Potsdam – die Seele Brandenburgs, der Stolz Deutschlands, der Champion Europas“ war auf einem Banner zu lesen. Sarholz war dabei, als Überraschungsgast. Dem Verein lag viel daran. Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) kam das so an: Spielen geht nicht, aber feiern. „Das verstehe ich“, sagt Sarholz jetzt, „ich hätte nicht erscheinen dürfen.“ 2011 sollte es eine Aussprache beim DFB geben. Die Torhüterin habe sich gar nicht geäußert, hieß es danach. Das ließ sie damals unkommentiert. Sie hätte sich mehr Rückendeckung des Vereins gewünscht, sagt Sarholz heute. Das Kapitel Nationalmannschaft war für eine der begabtesten Spielerinnen auf der Position durch, bevor es begonnen hatte.

Mehr als ein Dutzend Tattoos, öfter aneckend: Die Schublade, in der Anna Felicitas Sarholz steckte, ging nicht mehr auf. „Potsdams wilde Torhüterin“ schrieb „Die Welt“ 2011. „Ich habe mir nicht alles gefallen lassen, habe nie den Mund gehalten. Aber bin immer allen mit Respekt begegnet“, sagt sie. „Ich habe auch Fehler gemacht.“ Groß nachgedacht über alles hat sie nicht. Ihr Motto: „Spiel einfach Fußball.“

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