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Hertha Gemütszustand nach der Derby-Niederlage in einem Bild. Kapitän Boyata musste erst einmal in die Hocke gehen. Foto: imago images/Matthias Koch
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Die Derbyniederlage ist ein echter Tiefschlag Bei Hertha BSC gibt es viel zu besprechen

Die Derby-Niederlage gegen Union ist für Hertha BSC in vielerlei Hinsicht frustrierend. Unter anderem festigt sie die neuen Machtverhältnisse in der Stadt.

Der unerquickliche Abend endete doch noch halbwegs versöhnlich. Lange nach dem Schlusspfiff wurde der Delegation von Hertha BSC aus der Ostkurve freundlicher Applaus entgegengebracht.

Wobei die Delegation von Hertha BSC streng genommen nur aus anderthalb Mann bestand. Aus Kapitän Dedryck Boyata und seinem knapp zwei Jahre alten Sohn, der auf dem Rasen seinem Vater und einem Ball hinterhergejagt war. Boyata ging weiter in die Kurve, wo noch etwa 15 Leute warteten, und wurde für so viel Zivilcourage mit Beifall empfangen.

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Kurz vor und kurz nach dem Abpfiff des Achtelfinalspiels im DFB-Pokal hatte das noch anders geklungen. Aus der Kurve gab es ein Potpourri aus den „Bravo-Hits, Edition Abstiegskampf“ zu hören: Wir woll’n euch kämpfen seh’n! Wir ham die Schnauze voll! Wir sind Herthaner und ihr nicht! Die Evergreens der schlechten Laune eben.

„Wir haben ein Derby verloren“, sagte Herthas Trainer Tayfun Korkut nach der 2:3-Niederlage seiner Mannschaft gegen den Lokalrivalen 1. FC Union. „Wir haben’s verdient verloren. Von daher verstehe ich die Reaktion.“

Dieses Spiel ließ niemanden kalt. Die Gäste aus Köpenick sprinteten quasi mit dem Schlusspfiff vom Rasen und von der Bank Richtung Marathontor, wo sich ihre handverlesenen 200 Fans befanden. Herthas Spieler hingegen sanken noch im selben Moment zu Boden. Kapitän Boyata hockte gedankenverloren am Mittelkreis, als einige seiner Kollegen schon im Tiefgeschoss des Olympiastadions verschwunden waren. Nur eine Handvoll Herthaner deutete später noch einen Gang in die Kurve an.

„Es ist natürlich eine große Ernüchterung, eine große Enttäuschung“, sagte Sportdirektor Arne Friedrich. „Wir müssen uns alle hinterfragen, warum es nicht geklappt hat – nicht nur die Mannschaft, wir alle.“ Auch Trainer Korkut begegnete dem Schrecken mit angemessener Trauermiene und der nötigen Derbyniederlagendemut. „Es war ein sehr, sehr wichtiges Spiel für uns alle. Von daher gehen wir nicht in den nächsten Tag rein und sagen: Okay, ist passiert“, sagte er. „Wir werden uns unsere Gedanken machen, und es werden einige Sachen angesprochen werden.“

Union hat Hertha erst einmal abgehängt

Die Niederlage war für Hertha in mehrfacher Hinsicht ein echter Tiefschlag: weil der Traum vom Pokalfinale in der eigenen Stadt und im eigenen Stadion wieder einmal zu früh zu Ende ist; weil die Schwächen der Mannschaft und die Unwucht im Kader erneut deutlich zu Tage traten – vor allem aber weil der Lokalrivale in Herthas Wohnzimmer feierte.

Seit dem ersten Derby im Jahr 2010 in der Zweiten Liga sind sich beide Klubs in der Regel auf ähnlichem Niveau begegnet. Hertha war personell meistens prominenter und oft auch besser besetzt, trotzdem gestalteten sich die Duelle halbwegs ausgeglichen und – wie es sich für Derbys gehört – einigermaßen umkämpft.

Das Spiel am Mittwochabend aber verfestigte den Trend der vergangenen beiden Jahre endgültig zur Gewissheit: Dass Union Hertha tabellarisch überholt hat, ist nicht mehr nur eine Momentaufnahme. Der Emporkömmling aus dem Südosten der Stadt hat den satten und fast selbstgefälligen Platzhirsch erst einmal abgehängt.

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Union hatte an diesem Abend all das, was Hertha fehlt und Hertha gerne hätte: einen Plan, eine Struktur, eine funktionierende Mannschaft und die Überzeugung in die eigene Stärke. „Letztendlich haben wir es nicht verdient heute“, sagte Trainer Korkut. Dass Hertha am Ende auf 63 Prozent Ballbesitz kam, war alles andere als ein Qualitätsmerkmal. Es war vor allem Ausdruck der Überforderung.

Die ersten 30 Minuten gegen Union erinnerten an die ersten 30 Minuten am Wochenende in Wolfsburg, als Hertha offensiv auch so gut wie gar nicht stattgefunden hatte. Der Wille, aktiver bei der eigenen Spielgestaltung zu werden, ist vorhanden; er stößt mit dem vorhandenen Kader jedoch schnell an Grenzen. Gegen Union wirkte vieles zufällig. Bei der ersten offensiven Annäherung nach exakt einer halben Stunde und einer Serie von Torschussversuchen fehlte eigentlich nur die in Comics übliche Untermalung mit Zack! Ding! Boing! Bumm!

Die Fehler bei Hertha wiederholen sich

Flankiert wird die Harmlosigkeit in der Offensive von den periodisch auftretenden Aussetzern in der Defensive. Die Mannschaft ist schlichtweg damit überfordert, vorne so viele Tore zu schießen, wie sie hinten kassiert. „Wir haben die Momente nicht im Griff“, sagte Korkut. „Wenn man sich die Tore anschaut, dann waren die zu einfach. Das ist uns nicht zum ersten Mal passiert.“

Tatsächlich war Unions erstes Tor im Grunde eine naturgetreue Kopie des ersten Kölner Tores bei der 1:3-Niederlage zum Auftakt der Rückrunde: Auch da war Herthas Defensive mit einem langen Ball die Seitenlinie entlang auf denkbar simple Weise ausgehebelt worden. Die Unioner wussten, dass es hinter Herthas letzter Kette viel Platz gab. Vielleicht aus dem Köln-Spiel.

„Das sind Momente, die letztlich das Spiel entscheiden“, sagte Korkut. „Auf die müssen wir achten.“ Vor allem sind es immer noch zu viele Momente.

Vor dem 0:2 verlor erst Boyata ein Kopfballduell gegen Max Kruse, dann rutschte er auf dem Rasen weg. Das 1:3 – passenderweise nur Sekunden nach Herthas Anschlusstreffer – resultierte aus einem Freistoß der Gäste, nach dem Robin Knoche nahezu unbehelligt einschießen konnte.

Tayfun Korkut sagte: „Wir haben einiges zu besprechen.“ Das stimmt wohl. Mit wenigen Momenten dürfte es jedenfalls nicht getan sein.

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