Gute Laune: Gegen den FC Bayern und Bastian Schweinsteiger (links) spielte Thomas Tuchel in Mainzer Zeiten gerne. Foto: DeFodi/Imago
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Der PSG-Trainer als Münchner Schreckgespenst „Tuchel hat die Bayern mit seinem Mut beeindruckt“

Leonard Brandbeck

Bayern besiegen? Kann Thomas Tuchel. Mit Mainz 05 hat er es regelmäßig bewiesen. Vorm Champions-League-Finale erinnert sich sein früherer Spieler Niko Bungert.

Niko Bungert, 33, wurde 2009 in der Debütsaison von Cheftrainer Thomas Tuchel zum Bundesligaprofi beim 1. FSV Mainz 05. In den fünf folgenden Spielzeiten unter Tuchel ärgerte Bungert nicht nur den FC Bayern, sondern etablierte sich auch als Stamm- und Führungsspieler. Für die Mainzer absolvierte der Innenverteidiger und langjährige Kapitän insgesamt 218 Pflichtspiele, in denen er 14 Tore erzielte. 2019 beendete er seine Karriere und ist seitdem im Klub tätig. Vor dem Champions-League-Finale am Sonntag (21 Uhr) zwischen Tuchels jetzigem Klub Paris Saint-Germain und den Münchnern haben wir mit ihm gesprochen.

Herr Bungert, erinnern Sie sich noch an die Zeiten, als Thomas Tuchel und der 1. FSV Mainz 05 den FC Bayern das Fürchten lehrten?
Spiele gegen Bayern München gehören für jemanden, der sein Leben bei Mainz 05 verbracht hat, zu den Highlights. Und wenn man es dann noch schafft, gegen so ein Starensemble insgesamt viermal zu gewinnen, dann bleibt das natürlich in Erinnerung.

In sicheren Händen: Unter Thomas Tuchel schaffte Niko Bungert (links) den Durchbruch in der Bundesliga. Foto: MIS/Imago Vergrößern
In sicheren Händen: Unter Thomas Tuchel schaffte Niko Bungert (links) den Durchbruch in der Bundesliga. © MIS/Imago

Zwischen 2009 und 2011, in Tuchels ersten drei Jahren als Mainzer Cheftrainer, haben Sie die Bayern in jeder Saison einmal besiegt. Sie standen bei jedem Spiel auf dem Platz. An welches erinnern Sie sich besonders?
In einem der Spiele habe ich ein Tor gemacht (beim 3:2-Heimsieg im November 2011, Anm. d. Red.), das passiert als Innenverteidiger ja nicht allzu oft. Das ist einer der Top-drei-Momente meiner Karriere. Die anderen Spiele gehören auch zu den Höhepunkten, aber dieses Tor ist dann schon noch mal das I-Tüpfelchen.

Es gibt die Geschichte, dass Tuchel vor einem der Siege in der Kabine das Licht ausknipste und die Ansprache dem Hollywoodstar Al Pacino auf der Leinwand als Footballtrainer im Film „An jedem verdammten Sonntag“ überließ.
Das gab es mehrfach, dass er sich besondere Sachen ausgedacht hat, die sich von der klassischen Ansprache unterschieden haben. Das war auch eines seiner Merkmale, dass er da immer innovativ unterwegs war und nicht so ein Gefühl von Alltag und Wiederholung einkehren lassen wollte. Gegen Bayern ist es ja auch ein Spiel, bei dem man vorher nicht groß was sagen muss – es sind sowieso alle bis in die Haarspitzen motiviert gegen so einen großen Gegner. Und da noch mal so ein bisschen zu emotionalisieren vor dem Anpfiff, das gibt genau den richtigen zusätzlichen Schub.

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Vor allem gilt Tuchel ja aber als großer Taktiker. Wie hat er es damals geschafft, die Bayern als krasser Außenseiter immer wieder aufs Neue zu ärgern?
Mit einer Menge Mut. Viele Mannschaften haben damals versucht, tief in der eigenen Hälfte das Tor zu verteidigen, in der Hoffnung, dass man die 90 Minuten übersteht und vielleicht glücklich einen Konter setzen kann. Davon sind wir weggegangen und haben uns immer Sachen ausgedacht, die uns auch offensiv in Szene bringen. Die Bayern spielen in der Regel 32 Spiele gegen tiefstehende Mannschaften und haben da ihre gewohnten Mittel, um das zu knacken. Da waren sie dann häufig beeindruckt, dass eine Mainzer Mannschaft vorne anläuft. Dagegen mussten sie erst mal Mittel finden – und hatten dafür aber nur 90 Minuten Zeit.

Thomas Tuchels Siege mit Mainz 05 gegen Bayern München

  • 3. Spieltag, 2009/10: 1. FSV Mainz 05 – FC Bayern München 2:1 (2:0)
  • 6. Spieltag, 2010/11: FC Bayern München – 1. FSV Mainz 05 1:2 (1:1)
  • 14. Spieltag, 2011/12: 1. FSV Mainz 05 – FC Bayern München 3:2 (1:0)

Tuchel machte sich damals vor allem als Meister im Spiegeln und Reagieren auf gegnerische Formationen einen Namen. Wie viel ist davon bei einem Topteam wie PSG noch übrig, das fast immer als Favorit ins Spiel geht?
Da konnte er schon immer differenzieren. Vor dem Spiel gegen Leipzig hat er gesagt, dass er das PSG-typische 4-3-3 beibehält, weil sich da bei Paris in den letzten Wochen eine große Stärke entwickelt hat und er darauf vertraut, dass es funktioniert. Das war bei uns auch so. Wir hatten Spiele, in denen wir total verrückte Sachen gemacht haben, weil er in der Analyse gesehen hat, dass das dem anderen Team richtig wehtun könnte. Es gab aber auch Spiele, da hat er gesagt: Jungs, wenn wir in unserem 4-2-3-1 das machen, was wir können, dann kann da nichts anbrennen.

Karrieremoment: An sein Tor gegen den FC Bayern und seinen Kumpel Manuel Neuer im November 2011 erinnert sich Niko Bungert noch besonders gern. Foto: Alfred Harder/Imago Vergrößern
Karrieremoment: An sein Tor gegen den FC Bayern und seinen Kumpel Manuel Neuer im November 2011 erinnert sich Niko Bungert noch besonders gern. © Alfred Harder/Imago

Zugleich gilt Tuchel auch immer wieder als Typ, der aneckt. Wie haben Sie ihn erlebt?
Als brutal ehrgeizig und als jemand, der schon viel verlangt von den Spielern. Was vielleicht einige Spieler für sich als Anecken wahrgenommen haben könnten, ist, wenn er auf dem Trainingsplatz das Gefühl hat, dass irgendwer nicht mit 100 Prozent dabei ist. Er spricht das dann ein-, zweimal an, und wenn es dann immer noch nicht funktioniert, dann gibt es einen Anschiss. Aber er will das Beste aus jedem Einzelnen herausholen, und der Erfolg gibt ihm recht. Insgesamt war er sehr fair, hat auch immer wieder die Formation gewechselt und jedem Spieler die Chance gegeben, sich zu präsentieren. Jeder wusste, woran er bei ihm ist. Und ich glaube, das ist am Ende auch ein Geheimnis, warum er bei allen Stationen durchgehend Erfolg gehabt hat.

Hat er es so auch geschafft, aus Typen wie Lewis Holtby, Sami Allagui oder Jan Kirchhoff so viel rauszuholen wie danach kaum ein anderer mehr?
Das glaube ich schon. Er verlangt viel und fordert das immer wieder konsequent ein. Auch in einer Erfolgsphase hat er dann immer schnell die Gefahr erkannt, jetzt nicht nachzulassen, sondern noch mal mehr draufzupacken. Das hat in seiner Zeit in Mainz dem einen oder anderen Spieler in seiner Leistungsfähigkeit absolut geholfen.

Thomas Tuchels Bilanz gegen Bayern München

  • 1. FSV Mainz 05 (2009 bis 2014): 3 Siege – 1 Remis – 6 Niederlagen
  • Borussia Dortmund (2015 bis 2017): 2 Siege – 1 Remis – 4 Niederlagen
  • Paris Saint-Germain (seit 2018): 0 Siege – 0 Remis – 0 Niederlagen
  • Gesamt: 5 Siege – 2 Remis – 10 Niederlagen

Geht das nun auch in Paris bei Spielern wie Neymar oder Kylian Mbappé so ohne Weiteres, die ja schon längst Weltstars sind?
Wahrscheinlich ist es da schon ein klein wenig anders. Aber im Großen und Ganzen ist er aus meiner Sicht schon er selbst geblieben und fordert von den Spielern weiterhin sehr viel. Wie es schon bei Mainz 05 war, erkennen die Spieler, dass er am Ende das Beste für die Mannschaft will. Und wenn du das Gefühl als Spieler hast, dass es das große Ganze nach vorne bringt, dann bekommt man solche Ergebnisse hin, wie er es in Paris, Dortmund und Mainz geschafft hat.

In Paris hat Tuchel nun auch immer noch ein paar Mainzer aus vergangenen Tagen um sich, einen Großteil seines Trainerteams, aber auch seinen Angreifer Eric Maxim Choupo-Moting. Wird Mainz 05 also ein bisschen Champions-League-Sieger, wenn PSG am Sonntag gewinnt?
Auf jeden Fall wäre jeder in Mainz mächtig stolz. Jeder, der damals die Zeit mit Thomas hier in Mainz verbracht hat, kennt auch sein Trainerteam ganz genau. Schon hier wurde überragende Arbeit geleistet, und Thomas weiß, dass er sich auf die Leute verlassen kann. So ein bisschen Mainz ist dann also schon dabei im Champions-League-Finale.

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