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Geschafft! Herthas Spieler feiern mit den Berliner Fans im Volksparkstadion. Foto: Matthias Koch/Imago
© Matthias Koch/Imago

Der Hertha-Kater Nein, nach Hause geh'n wir nicht!

Sabine Vollmert-Spiesky

Wir werden als Hertha-Fans oft enttäuscht und sagen: Nie wieder! Doch dann bleiben wir doch treu. Ein Kommentar einer langjährigen Anhängerin zum Klassenerhalt.

Hand aufs Herz, liebe Leserin, lieber Leser, wann hatten Sie Ihren letzten Kater?

Meiner hält noch an. Und das ist der x-te in den letzten Wochen. Warum ich immer wieder in eine solche Situation gerate? Ganz einfach: Ich habe einen Lieblings-Fußballverein, der beschert mir immer wieder zuverlässig  diesen speziellen „Hoffnungskater“, wie ich ihn nenne.  Seit Jahrzehnten verfolge ich mit Engagement den Weg, das Schicksal von Hertha BSC, fühle mich dem Verein verbunden und leide mit ihm (s.o.). Ja, Hertha ist auf den letzten Drücker in der Liga geblieben, aber nach ausgesprochen großer Erleichterung und Freude stellt sich schon jetzt die bange Frage, ob und wie es in der nächsten Saison besser wird. Sie erinnern sich an das lange Siechtum des HSV, bevor er abgestiegen ist – und wie lange probt er nun schon den Wiederaufstieg??

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Für mich als gebürtige Westberlinerin gab es nicht allzu viele heimische Fußballvereine, zu denen ich eine „emotionale Beziehung“ aufbauen konnte, nur allzu gern sympathisierte ich daher früh mit der Hertha und hoffte auf interessante und erfolgreiche Zeiten.

Aber die Hertha hatte es nicht leicht: Westberlin hing am Tropf von „Westdeutschland“, Hertha durfte immerhin ein Teil der Bundesliga sein. Der Verein hatte es in der Stadt Westberlin selbst auch schwer – viele Männer (damals wie heute Haupt-Zielgruppe) waren ja nach Berlin gekommen, um nicht zum „Bund“ zu müssen – die hatten natürlich ihre Begeisterung für den Heimatverein mitgebracht und gingen höchstens ins Olympiastadion, wenn ihr Verein ein Auswärtsspiel hatte. Außerdem kein Hinterland, wo Fans – zumindest leibhaftig - zu rekrutieren waren.

Dies sind nur einige Gründe. Aber diese Zeiten sind lange vorbei und der Verein hat im Prinzip    immer so weiter gemacht. Inzwischen gibt es die Stadtrivalität mit Union, einem Verein, der ursprünglich Hauptstadtclub war und vor allem durch seine Gegnerschaft zum BFC Dynamo populär und dessen Unterstützung gleichzeitig einen nicht stillen Protest bedeutete. Union ist in seiner Entwicklung so etwas wie ein Gegenpol zu Hertha, Köpenick vs. Charlottenburg, zwei sehr unterschiedliche Bezirke und Historien, wobei eher Hertha das Gebaren des berühmten Hauptmanns an den Tag legt: mehr Schein als Sein, große Klappe, schlichtes Gemüt. Leider trauen wir dem Hauptmann inzwischen nicht mehr so recht über den Weg, zu häufig hat er unsere Gutgläubigkeit, nein, unser Vertrauen, auf die Probe gestellt und damit – gefühlt – Schindluder getrieben.

 Wenn der Verein nicht untergehen will, müssen endlich Professionalität und eben Kultur Einzug halten.

Mit dem Investor nun sollte wirklich alles besser werden, endlich haben wir Geld! Mal eine Saison ohne enttäuschte Hoffnung, ohne Katerstimmung! Aber unsere Oma wusste schon, dass Geld nicht glücklich macht, und in unserem Falle hat es noch nicht mal beruhigt. Es entwickelte sich nichts Neues, Kontinuität gab es nur in Form der alten Provinzialität, des längst überkommenen Westberliner Muffs. Man trat großmäulig auf, kaufte Spieler mit einem vermeintlich großen Namen, ignorierte die eigenen Talente, verschliss Trainer am Fließband. Die Vereinsführung scheint sich mit ihrem Arbeitgeber nur solange und nur pro forma zu identifizieren, wie ihr jeweiliger Vertrag gültig ist, das öffentliche „Wir“ wirkt wie eine verordnete Maßnahme zum Thema Commitment. Hertha ist offenbar für die meisten „da oben“ keine Herzensangelegenheit. Empathie und Fürsorge sind Mangelware. Aktuelles Beispiel: Seit einiger Zeit ist klar, dass Niklas Stark dem (wievielten?) Umbau der Mannschaft weichen muss.

Okay, er hat es zwar nicht zur Hertha-Ikone wie Erich Beer, Marcelinho, Zecke, Pál oder Arne Friedrich gebracht, aber lange genug für den Verein gespielt, als dass man ihn hätte beim letzten Heimspiel gebührend verabschieden können. Was für ein Führungsstil! Mittlerweile sollte es sich auch in einem Fußballunternehmen wie Hertha BSC herumgesprochen haben, dass die Menschen, die bei ihm arbeiten, sein Hauptkapital sind. Ohne sie kann es gleich Konkurs anmelden! Das nennt man Führungskultur.

Und nun? Wie geht es weiter? Wenn der Verein nicht untergehen will, müssen endlich Professionalität und eben Kultur Einzug halten. Letzteres ist nicht so einfach, denn Kultur muss wachsen. Je früher sie also gesät wird, desto besser. Es müssen Ziele formuliert und eine Antwort darauf gegeben werden, für welches Konzept der Verein steht und welches Bild er in der Innen- wie Außendarstellung kreieren will. Sonst wird die „alte Dame“ zum Pflegefall.

Je eher wir beginnen, gemeinsam dafür zu arbeiten, desto besser. Wir, die Fans, die anderswo auch „Tifosi“ (= „an Fußballfieber Leidende“) genannt werden, investieren doch liebend gern immer wieder unsere Begeisterung, unser Engagement, unsere Hoffnung. Auch wenn der (Hoffnungs)Kater meist auf dem Fuß folgt. Das kennen wir ja schon. Dann sind wir einen Tag lang wütend und enttäuscht und sagen: Nie wieder! Morgen ist dann alles wie immer: Nein, nach Hause geh´n wir nicht.

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