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Torwarttrainer Andreas Köpke schätzt Ortegas Qualitäten mit dem Ball am Fuß. Foto: IMAGO / Poolfoto
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Der Ersatz vom Ersatz im Tor der Nationalelf Stefan Ortega steht auf Abruf bereit

Arminia Bielefelds Bielefelds Torhüter Stefan Ortega muss im Urlaub sein Topniveau halten, um im Notfall bei der Nationalmannschaft einzuspringen.

Stefan Ortega, 1,85 Meter groß und 88 Kilogramm schwer, macht nicht den Eindruck, dass er allzu leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen ist. Aber manchmal reicht ein Anruf, um ihn ganz fickerig werden zu lassen. So wie Mitte Mai, als sich Andreas Köpke bei ihm meldete, der Torwarttrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. „In dem Moment als der Anruf kam, war ich sehr, sehr überrascht und ziemlich sprachlos“, hat Ortega in einem Podcast von Sport1 erzählt.

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In Wirklichkeit hat er Köpke erst einmal gefragt, ob er wirklich Köpke sei – und kein begabter Stimmenimitator, der sich einen Scherz mit ihm erlauben wolle. Stefan Ortega, der Torhüter von Arminia Bielefeld, in der deutschen Nationalmannschaft? Hört sich schließlich ein bisschen surreal an.

Aber so ist es. Zumindest fast. Denn während die Nationalmannschaft gerade in Herzogenaurach ihr Quartier für die Europameisterschaft bezogen hat, macht Ortega Urlaub in Spanien, der Heimat seines Vaters. Aber es ist – zumindest in Teilen – auch eine Art Arbeitsurlaub. Sollte einer der drei Torhüter im EM-Aufgebot kurzfristig ausfallen, würde Ortega in den Kader nachrücken.

„Stefan muss jetzt nicht vier oder fünf Wochen Torwarttraining machen“, erklärt Köpke. „Er soll sich fit halten.“ Ein bisschen laufen, die üblichen Stabiübungen machen, so was eben.
Bis zum 1. Juni mussten alle 24 EM-Teilnehmer ihren endgültigen Kader benennen. Änderungen kann es trotzdem noch geben. Sollte ein Feldspieler – ärztlich testiert – erkranken, zum Beispiel an Corona, oder sich schwer verletzen, darf jede Mannschaft bis zu ihrem ersten Spiel Ersatz nachnominieren. Bei Torhütern ist das sogar während der gesamten Endrunde möglich.

Ein Zeichen an die kleinen Klubs

Andres Köpke hat sich für Stefan Ortega entschieden, weil er eine super Saison gespielt habe, auch fußballerisch sehr gut sei und in das Anforderungsprofil passe. „Ich finde es auch ein ganz gutes Statement nach außen, dass man nicht bei den Topvereinen spielen muss, sondern dass wir auch über den Tellerrand hinausschauen“, sagt der Bundestorwarttrainer. Wenn es sogar der Torhüter von Arminia Bielefeld in die Nationalmannschaft schafft, oder zumindest in ihren Dunstkreis, dann ist in der Tat alles möglich.

Vor einem Jahr noch kannte kaum jemand Ortega, aber das hat sich inzwischen grundlegend geändert. „Stefan hat wirklich eine sehr, sehr gute Saison gespielt und war sicherlich einer der Faktoren, dass Bielefeld es am Ende geschafft hat“, sagt selbst Nationaltorhüter Kevin Trapp. „Er hat unheimlich viele Qualitäten, gar keine Frage. Die Nominierung hat er sich am Ende auch verdient.“

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Ob Ortega auf Dauer ernsthaft mit Trapp, Bernd Leno und Marc-André ter Stegen um die beiden Plätze hinter Manuel Neuer konkurrieren kann, das sei mal dahingestellt. Aber aktuell hat er sich diese Rolle ohne Frage verdient. Der Bielefelder kann auf überragende Werte verweisen. Elf Mal spielte er in der abgelaufenen Saison zu null, häufiger als Neuer (neun); und auch bei den Paraden steht Ortega unter den Top drei der Bundesliga.

Mit seinen Leistungen hat er inzwischen sogar das Interesse der Bayern auf sich gezogen, die ihn sich als Nummer zwei vorstellen können. Der künftige Vorstandschef Oliver Kahn, früher selbst Torhüter, hat den Bielefelder jedenfalls für gut befunden. Aber auch in Spanien gibt es Interesse.

Ortega passt zum deutschen Spiel

Für Ortega, 28 Jahre alt und in Hessen geboren, wäre ein Wechsel zu den Bayern auch eine Rückkehr nach München. Von 2014 bis 2017 stand er beim damaligen Zweitligisten TSV 1860 unter Vertrag. Für seine Empfindung waren es drei verlorene Jahre, die mit dem Lizenzentzug und dem Zwangsabstieg endeten. Aber ohne diese Erfahrung und vor allem ohne die richtigen Schlüsse aus dieser Erfahrung hätte es Ortegas Aufstieg zu einem der besten Torhüter Deutschlands wohl nicht gegeben.

Erst seit der Rückkehr zu seinem Jugendverein Arminia Bielefeld verfügt Ortega über die nötige Ernsthaftigkeit und Fokussierung auf den Job. Zusätzlich zum normalen Torwarttraining arbeitet er seit Jahren mit einem Personaltrainer zusammen. Die Fortschritte sind offenkundig. Ortega kommt deutlich athletischer daher; besonders beeindruckend ist seine Beweglichkeit, die schon an einen Handballtorwart erinnert.

Und auch fußballerisch muss er sich nicht verstecken. Ortegas Bernd-Schuster-Gedächtnispässe auf Mittelstürmer Fabian Klos waren ein wichtiges Stilmittel im Spiel der Bielefelder. Auch in der Nationalmannschaft wird sein fußballerisches Vermögen geschätzt. „Ich glaube, dass er von der Spielphilosophie sehr gut zu uns passt“, sagt Andreas Köpke.

Ortega, der ein gutes Steak durchaus zu schätzen weiß, hat seinen Fleischkonsum deutlich reduziert. Er isst auch weniger Weißmehl. Und trotzdem ist er bei aller Professionalität ein Genussmensch geblieben. Als er am Ende der Saison wie alle Bundesligisten mit der gesamten Mannschaft in Quarantäne musste, hat Ortega seinen Trainer Frank Kramer gefragt, ob er sich eine Kiste seines Lieblingsbieres mitbringen dürfe. Das Bier im Hotel schmecke ihm einfach nicht. Stefan Ortega durfte. Sein Trainer hat auch eine Flasche abbekommen.

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