Uli Hoeneß, sein designierter Nachfolger Herbert Hainer und Karl-Heinz Rummenigge (von rechts) hatten zuletzt wenig Freude am FC Bayern. Foto: Uwe Anspach/dpa
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Der Bayern-Präsident tritt ab Nach Uli Hoeneß kommt eine Zeit des Zweifelns

Er war der Mann fürs Gemüt und für die Millionen, als Präsident des FC Bayern hat Uli Hoeneß aber auch Trends verschlafen. Was passiert, wenn er weg ist?

Bevor Uli Hoeneß Manager beim FC Bayern München werden durfte, musste er erst noch eine anspruchsvolle Prüfung bestehen. Hoeneß war 27 Jahre alt, er hatte seine Karriere als Fußballer wegen einer Knieverletzung überstürzt beenden müssen, und trotz seiner immer schon vorhandenen Affinität zum Geld konnte natürlich niemand wissen, ob er der Aufgabe tatsächlich gewachsen sein würde. Sollte es Hoeneß also gelingen, dem damaligen Vizemeister der Fußball-Bundesliga dessen angehenden Nationalstürmer abzuwerben, dann würde er den Job als Manager bekommen.

Auf den zweiten Blick war die Prüfung für Uli Hoeneß doch nicht so schwer. Der umworbene Stürmer vom Vizemeister Stuttgart wollte ohnehin zu den Bayern, und das obwohl ihm Borussia Mönchengladbach ein deutlich höheres Gehalt bot. Vor allem aber war es für Uli Hoeneß ganz hilfreich, dass dieser Stürmer ebenfalls Hoeneß hieß, Dieter mit Vornamen, und dass dieser Dieter zufälligerweise sein jüngerer Bruder war.

Die Geschichte, dass Uli Hoeneß in gewisser Weise seinem kleinen Bruder den Job bei den Bayern zu verdanken hat, erzählt nicht nur einiges über die Macht des Zufalls im Fußball, sie illustriert auch den Zustand des FC Bayern am Ende der siebziger Jahre.

Die Bayern mussten das Geld, das sie damals einnahmen, vor allem in die Tilgung ihrer Schulden stecken. Sieben Millionen Mark waren es, bei gerade mal zwölf Millionen Umsatz im Jahr. Der Klub, bei dem Uli Hoeneß am 1. Mai 1979 als Manager anfing, stand kurz vor dem Bankrott.

Wenn Hoeneß bei der Jahreshauptversammlung am kommenden Freitag sein Amt als Präsident des Vereins und Aufsichtsratsvorsitzender der Bayern AG aufgibt, sehen die Zahlen anders aus: 750 Millionen Euro Umsatz. 52,5 Millionen Gewinn. Fast eine halbe Milliarde Eigenkapital. Dazu kommen die Erfolge in Gold und Silber: In 40 Jahren mit Hoeneß als Manager und Präsident haben die Bayern drei Europapokale gewonnen, 14 Mal den DFB-Pokal und 24 deutsche Meisterschaften.

Ehre für die Ikone des Klubs

Die Veranstaltung am Freitag wird bestimmt rührselig werden, Uli Hoeneß wird den Kampf gegen seine Emotionen vermutlich heldenhaft verlieren, am Ende werden Tränen bei ihm fließen. „Es ist normal, dass man einer solchen Ikone des Klubs die Ehre erweist. Ich werde auch da sein“, hat Niko Kovac vor ein paar Tagen gesagt, als Niko Kovac noch nicht wissen konnte, dass er schon wenige Tage später kein Trainer der Bayern mehr sein würde. „Dieser Klub ist unter anderem durch seine Arbeit so groß geworden.“

Im Moment ist der Klub allerdings nicht ganz so groß, wie er nach eigenem Verständnis zu sein hat. Kovac hat nach der 1:5-Niederlage bei Eintracht Frankfurt vor einer Woche seinen Job verloren. So steht der Verein im Moment des Führungswechsels – und vor dem richtungsweisenden Spiel gegen Dortmund am Samstag – ohne richtigen Trainer da. Und mit vielen Zweifeln. Wer kommt? Was kommt? Wofür will der FC Bayern künftig stehen? Und ist er ohne Uli Hoeneß überhaupt existenzfähig?

Uli Hoeneß betrachtet den FC Bayern auch als sein Lebenswerk. Foto: Angelika Warmuth/dpa Vergrößern
Uli Hoeneß betrachtet den FC Bayern auch als sein Lebenswerk. © Angelika Warmuth/dpa

„Das ist ein Verlust, dessen Folgen man noch gar nicht abschätzen kann“, sagt Max Eberl. Eberl, 46, ist Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach – dem Klub also, der gerade etwas überraschend die Tabelle der Bundesliga anführt, drei Plätze und vier Punkte vor den Bayern, dem Verein seiner Jugend. Eberl ist nicht nur in München aufgewachsen, er besitzt auch eine Bayern-Vergangenheit.

Und wenn es nach Uli Hoeneß gegangen wäre, hätte Eberl wohl auch längst eine Bayern-Gegenwart. Eberl war sein Favorit für das Amt des Sportvorstands. Dass er es nicht wurde, stattdessen der bisherige Vereinsbotschafter Hasan Salihamidzic zum Sportdirektor befördert wurde, sagt einiges über die Verhältnisse bei den Bayern. Als Manager und Stratege war der ehemalige Bayern-Profi Salihamidzic zuvor nicht in Erscheinung getreten.

Fünf Meter hinter ihm folgt Karl-Heinz Rummenigge

Vor zwei Wochen in der Münchner Arena. Bayern hat sich zu einem 2:1 gegen den Aufsteiger 1. FC Union gequält. Eine halbe Stunde nach dem Schlusspfiff läuft Hoeneß, rot-weißer Schal um den Hals, Sakko überm Arm, durch die Mixed-Zone und macht sich auf den Weg in die Kabine. Fünf Meter hinter ihm folgt Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandschef, in Begleitung der übrigen Vorstandsmitglieder Jan-Christian Dreesen, Andreas Jung und Jörg Wacker.

Dass Hoeneß, 67 Jahre alt, und Rummenigge, 64, die beiden Alphatiere, sich nicht mehr viel zu sagen haben, ist längst kein Geheimnis mehr. Es geht um Macht und Einfluss. Um die Deutungshoheit ihres Wirkens. Und um Eitelkeiten, vor allem um verletzte. Rummenigge, so erzählt man sich, hat es nicht geschmeckt, dass Hoeneß seit Verbüßen seiner Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung wieder kräftig im operativen Geschäft mitmischt. Hat er in Hoeneß’ Abwesenheit denn nicht gezeigt, dass er den Verein auch alleine führen kann?

"Die Reibung war hilfreich für den Klub"

Als Karl-Heinz Rummenigge 1974 mit 18 Jahren und roten Bäckchen von Borussia Lippstadt zum FC Bayern kam, teilte er sich bei Auswärtsfahrten das Zimmer mit Uli Hoeneß. Dicke Freunde sind sie nie gewesen. Aber zum Wohl des FC Bayern haben sie sich immer zusammengerauft. Inzwischen hat man eher das Gefühl, dass beide gegeneinander arbeiten. „Die Reibung war hilfreich für den Klub“, sagt jemand, der sich mit den Begebenheiten beim FC Bayern bestens auskennt. „Inzwischen ist sie kontraproduktiv.“

Eine gemeinsame Linie existiert nicht mehr. Jede Personalentscheidung der Bayern ist zuletzt einer eingehenden Exegese unterzogen worden: Thomas Tuchel? Hat Hoeneß verhindert. Carlo Ancelotti, der bei den Bayern im Herbst 2017 nach etwas mehr als einem Jahr entlassen wurde? War Rummenigges Idee. Niko Kovac? Ein Hoeneß-Mann. Oft bleibt nur der kleinste gemeinsame Nenner, und der heißt dann eben Hasan Salihamidzic.

Karl-Heinz Rummenigge hat im Frühjahr keine Möglichkeit ausgelassen, die Position des Trainers Kovac – mal mehr, mal weniger subtil – zu unterminieren. Als Kovac weite Teile der Mannschaft bereits verloren hatte, war es Hoeneß, der einige Spieler wieder auf Kurs brachte. Dass Bayern doch noch Meister und Pokalsieger wurde, war so etwas wie der letzte Kraftakt des scheidenden Präsidenten.

Er verspricht: Sie werden weiter von mir hören

Auch deshalb fällt vielen die Vorstellung schwer, dass Hoeneß sich als einfaches Mitglied des Aufsichtsrats künftig aus allem raushalten wird. Möglicherweise auch ihm selbst. „Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen“, hat er bei der Ankündigung seines Abschieds gesagt. „Sie werden weiter von mir hören.“

Wichtig war Hoeneß, dass seine Nachfolge vernünftig geregelt ist. Vernünftig heißt: in seinem Sinne. Der designierte Präsident Herbert Hainer, 65, hat als Vorstandsvorsitzender von Adidas bewiesen, dass er ein Unternehmen führen kann. Vor allem aber ist er eng mit Hoeneß befreundet. Im Januar dann beginnt Oliver Kahn, 50, sein Trainee-Programm. Er soll sich an der Seite von Karl-Heinz Rummenigge einarbeiten, den er Ende 2021 als Vorstandvorsitzenden ablösen wird. Auch Oliver Kahn gilt eher als Hoeneß-Mann. Dass er über Hainer und Kahn weiterhin Einfluss auf das Tagesgeschäft nehmen wird, „das behaupten nur Menschen, die hinter jedem Busch einen Feind sehen“, sagt Hoeneß. „So ticke ich nicht.“

Patron eines Familienbetriebs

Uli Hoeneß hat immer auf seine eigene Art getickt. Er war der Mann fürs Gemüt. Herz und Bauch des Vereins. Der Patron eines Familienbetriebs. Ohne ihn, so fürchten einige, werde sich das Klima im Klub verändern, der FC Bayern womöglich seine Seele verlieren. Mit dem modernen Fußball fremdelt er zunehmend. Mit den Ultras und ihren Ritualen genauso wie mit einer neuen Generation an Spielern, mit deren Lebenswelt in den sozialen Medien er wenig zu tun hat. Uli Hoeneß hat zuletzt erst wieder erzählt, dass er noch nie im Internet war.

Lange Zeit galt Hoeneß in München als unantastbar, diese Zeiten sind vorbei. Foto: Andreas Gebert/dpa Vergrößern
Lange Zeit galt Hoeneß in München als unantastbar, diese Zeiten sind vorbei. © Andreas Gebert/dpa

Die Welt hat sich verändert, und die Fußballwelt mit ihr. Die Bayern konkurrieren inzwischen weniger mit Gladbach, Bremen und dem HSV, ihren großen Konkurrenten vergangener Jahrzehnte. Ihre Benchmarks, wie das heute heißt, sind Klubs wie Real Madrid, Paris St. Germain oder Manchester City. Der FC Bayern unterhält Büros in New York und Schanghai, auf zwei Wachstumsmärkten also, die umso wichtiger werden, je mehr der nationale Markt gesättigt erscheint.

Uli Hoeneß ist nicht naiv. Schon zu Beginn seiner Amtszeit war Real Madrid, der vielleicht größte Fußballklub überhaupt, sein Maßstab. Aber Hoeneß hat es eben auch verstanden, dem Fanclub in Sulzbach-Rosenberg das Gefühl zu vermitteln, dass er genauso wichtig ist wie ein paar hundert Millionen potenzielle Konsumenten in China.

Eine Riege jungdynamischer Manager

Karl-Heinz Rummenigge sieht sich eher als Herr der Zahlen, als kühler Stratege, der über die internationalen Beziehungen verfügt und weit über die bayrische Landesgrenze hinausdenkt. In seinem Schatten ist längst eine Riege jungdynamischer Manager am Werk, die vor allem global denken. Von denen wiederum werden einige tief durchatmen, wenn Hoeneß künftig nicht mehr ins operative Geschäft eingreift.

Denn das tut er immer noch. Weil der FC Bayern sein Werk ist, das er glaubt beschützen zu müssen. Wie zuletzt, als er wegen einer Lappalie auf Nationaltorhüter Marc-André ter Stegen losgegangen ist, durch den er die Stellung von Bayerns Torhüter Manuel Neuer bedroht sah. Selbst Leute, die ihm wohlgesinnt sind, zucken mit den Schultern oder schütteln den Kopf, wenn man sie fragt, was ihn dabei geritten hat. „Er hat ein bisschen das Gespür verloren, was er wann sagt, und sich zu oft locken lassen“, sagt jemand aus seinem Umfeld. Seine große Stärke, die Emotionalität, wird mehr und mehr zu seiner großen Schwäche.

"Was heute gang und gäbe ist, haben die Bayern schon vor 30 Jahren angefangen"

Max Eberl hat als Jugendspieler bei den Bayern erlebt, wie Hoeneß den Klub nach 1979 an die Spitze geführt hat – weil er Visionen hatte und der Konkurrenz damit weit voraus war. Die Bayern waren es, die Ende der Achtziger als erster Bundesligist ein Jugendinternat eröffneten und mit Hermann Gerland und Wolf Werner zwei frühere Bundesligatrainer für den Nachwuchs engagierten. Sie waren es auch, die dank Hoeneß als Erste den wirtschaftlichen Wert ihrer Marke entdeckten und ihr Merchandising professionalisierten. „Was heute gang und gäbe ist, haben die Bayern schon vor 30 Jahren angefangen“, sagt Eberl.

Inzwischen gibt es viele, die Hoeneß die visionäre Kraft absprechen, ihn dafür verantwortlich machen, dass strategische Entscheidungen blockiert werden. Dass die Bayern anders als viele Bundesligisten zum Beispiel keine E-Sports-Abteilung haben und damit womöglich einen wichtigen Trend verschlafen.

Wie viel bleibt vom sprichwörtlichen Festgeldkonto?

„Es gibt weltweit kaum einen Verein, der so wie wir auf der Geldanlage-Seite geführt wird“, sagt Hoeneß. Es ist der Fetisch Festgeldkonto, dem beim FC Bayern immer noch gehuldigt wird, die Weltspartag-Mentalität der alten Bundesrepublik. Mit seiner „unmittelbar realisierbaren Liquiditätsreserve“ von mehr als 200 Millionen Euro sieht Hoeneß den Klub bestens gerüstet für den globalen Wettbewerb. Aber die Preise sind rasant gestiegen. Und die Konkurrenz, alimentiert von Staatsfirmen oder Ölstaaten am Golf, interessiert das nicht. Sollten die Bayern im kommenden Jahr tatsächlich die deutschen Nationalspieler Leroy Sané und Kai Havertz verpflichten – wie viel bleibt dann noch auf dem sprichwörtlichen Festgeldkonto?

Um all diese Fragen, um die Zukunftsfähigkeit des FC Bayern, geht es auch bei der Jahreshauptversammlung im November 2018. Ein junger Mann tritt zur Aussprache ans Rednerpult. Er ist Anfang 30, einfaches Mitglied, trägt ein weißes T-Shirt, schwarze Lederjacke und eröffnet seine Rede mit den Worten: „Früher wollte ich werden wie Uli Hoeneß, jetzt bin ich mir da nicht mehr sicher.“ Seine Hände zittern. Die Leute johlen.

Zehn Minuten dauert die Zerstörung des FC Bayern. Hoeneß blickt böse, die Lippen zusammengepresst. Mal rümpft er die Nase, mal zuckt der Mundwinkel, er knabbert an seinem kleinen Finger, bohrt sich die rechte Faust in die Wange. Als es vorbei ist, beugt Hoeneß sich vor, richtet das Mikrofon. „Bleib ruhig! Bleib ruhig!“, flüstert Rummenigge, der neben ihm sitzt. Hoeneß sagt nur knapp, dass er eine Diskussion auf diesem Niveau ablehne. Aus dem Publikum schwellen die Buhrufe an.

Die Geschehnisse vor einem Jahr werden als Grund angeführt, warum Hoeneß nicht mehr antritt zur Wahl des Präsidenten und künftig nur noch einfaches Mitglied im Aufsichtsrat sein wird. „Das hat ihn getroffen“, sagt jemand, der ihm sehr verbunden ist. Aber dass sein Rückzug eine Affekthandlung gewesen sei, das stimme einfach nicht. Die Entscheidung sei gut vorbereitet und nicht zuletzt aus Rücksicht auf seine Familie gefallen, auf seine Frau, die beiden Kinder und die vier Enkel. Herbert Hainer, der Hoeneß als Präsident beerben soll, hat sich ähnlich geäußert. Sein Eindruck sei, dass Hoeneß sehr rational an die Entscheidung herangegangen sei: „Er weiß schon, was er tut.“

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