Ganz so voll ist es gegen Nürnberg nicht, aber immerhin. Foto: Soeren Stache/dpa
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Der 1. FC Union und der Kick mit Corona Volle Zuschauerzahl an der Alten Försterei heißt volles Risiko

Erst Corona-Test, dann ab ins Stadion. Berlins Bundesligist will schon im September vor 22.000 Fans spielen. Das ist verantwortungslos. Ein Kommentar.

Auf Mallorca zum Beispiel müssen die Menschen ab Montag wieder Masken auf der Straße tragen, in Brandenburg ist Amateurfußball seit ein paar Tagen unter Auflagen wieder erlaubt. Europa und Deutschland rappeln sich ganz vorsichtig aus der Virus-Krise, mal zwei Schritte vor oder auch mal aus Vorsicht einen zurück, wie jetzt auf den Balearen. Beim 1. FC Union ist das mit der Vorsicht so eine Sache, der Berliner Fußball-Bundesligist lebt vom Herzen weg. Mag die Welt auch untergehen - beim 1. FC Union müssen die Fans auf vollen Tribünen stehen.

So jedenfalls lässt sich der jüngste Vorstoß  der Köpenicker interpretieren: Union strebt mit Beginn der neuen Saison am 18. September eine Vollauslastung des Stadions an der Alten Försterei an. 22.012 Fans sollen das erste Punktspiel der Berliner sehen.

Das ist, ganz vorsichtig formuliert, gewagt. Denn dass sich die aktuelle Pandemie in zwei Monaten aus Deutschland verabschiedet hat, davon ist nicht auszugehen. Also arbeitet der Klub nun an einem Konzept „ausgehend vom DFL-Hygienekonzept, das sich im Sonderspielbetrieb der Bundesliga“ bewährt habe. Ein erstaunlicher Ansatz, zumal bei diesem „Sonderspielbetrieb“ der Deutschen Fußball-Liga (DFL), den Bundesliga-Geisterspielen zum Ende der abgelaufenen Saison, eben keine Zuschauer im Stadion waren.

Union will, so gesehen, eine Sonderrolle für sich beanspruchen. Denn bei der Ligakonkurrenz überlegen sie derzeit maximal, die Kapazitäten langsam hochzufahren. An volle Stadien denkt – zumindest so laut wie die Berliner – noch keiner.

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Aber die Virusexperten von Union haben einen Plan: alle Karteninhaber sollen am Spieltag - natürlich auf Kosten des Klubs - auf eine Infektion mit dem Coronavirus getestet werden. Zugang zum Stadion gibt es dann mit Eintrittskarte und negativem Testergebnis, das nicht älter als 24 Stunden sein darf. Mitunter war ja so ein Test auf Covid-19 schwerer zu bekommen als ein Ticket für Union, nun also gibt es den sportlichen Doppelpack von Köpenick. 

Union würde also in eine weltweilt neue Dimension vorstoßen mit bislang noch nicht derart praktizierten Massentests.

Doch volle Zuschauerzahl an der Alten Försterei heißt volles Risiko. Da ein negatives Testergebnis auch mal falsch sein kann, wie sich in jüngster Zeit oft gezeigt hat, könnte die Alte Försterei nach einer krachenden Corona-Spiel-Party also zu einem neuen Hotspot der Republik erwachsen.

Ganz im Ernst: In Berlin sind Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Menschen auch im September noch nicht erlaubt, es ist undenkbar, dass die öffentliche Seite die Irrsinnsidee von Köpenick auch nur ansatzweise zustimmen wird - auch wenn der Klub nun sein Konzept noch „ausarbeiten“ und dann vorstellen will. 

Noch kurz vor dem Lockdown wollte Unions Präsident vor vollem Haus spielen lassen

Das wird nichts mit einem vollen Stadion in Köpenick, jedenfalls nicht im September. Der Klub sollte es tief im Herzen auch nicht wollen, dass er die Gesundheit seine treuen Anhänger aufs Spiel setzt – was ja fast schon mal passiert ist. Kurz vor dem Lockdown wollte Unions Präsident Dirk Zingler Anfang März durchdrücken, dass am 14. März noch vor vollem Haus gegen den FC Bayern München gejubelt wird, obwohl Bundesgesundheitsminister Jens Spahn längst empfohlen hatte, von  Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Zuschauern abzusehen.

Noch vier Tage vor dem Spiel gegen den Meister sagte Zingler dem „Kicker“: „Ich gehe davon aus, dass kein Grund besteht, das Spiel ohne Zuschauer stattfinden zu lassen.“ Und: „Herr Spahn kann uns nicht empfehlen, unseren Betrieb einzustellen.“ Zum Glück konnte Spahn doch, die Bundesliga ging erst einmal in die Coronapause.

Sicher, bei Union taktieren sie. Die Zuschauerkapazitäten langsam hochfahren, das wollen sie in Köpenick nicht, das haben sie oft gesagt. Vielleicht ist der neue Vorstoß auch nur eine Anzahlung, als Katalysator gedacht, damit es dann eben vielleicht doch schneller als momentan denkbar mit einem vollen Stadion in Köpenick weitergehen kann. 

Union definiert sich über seine Anhänger, seine volle Alte Försterei. Der Verzicht auf ein großes Stück der eigenen Identität ist hart, er ist aber auch für viele andere Menschen im Lande in der Krise hart. Vielleicht sollte der 1. FC Union nicht immer auf eine Sonderstellung pochen, erst recht nicht in Zeiten, in der viele Menschen verzichten müssen, Betriebe eingehen, sich die Welt nachhaltig verändert. Sehr wahrscheinlich wird sie das auch in Köpenick machen. 

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