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Ruslan Iskhakov (l.) ist erst mit 20 Jahren aus der KHL in die DEL gewechselt, um sich dort Richtung NHL weiterzuentwickeln. Foto: imago images
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DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke im Interview „Es gibt viel zu wenig Eisflächen – auch in Berlin“

Gernot Tripcke über den Aufschwung im deutschen Eishockey, das Förderprogramm von DEL und DEB - und mehr Möglichkeiten für den Nachwuchs.

Gernot Tripcke (53) war ab 1997 Ligenleiter der Deutschen Eishockey-Liga (DEL). Im Mai 2000 bestellten die Vertreter der Klubs den Rechtsanwalt dann zum Geschäftsführer der Ligagesellschaft.

Gernot Tripcke, Sie sind nun seit über 20 Jahren Geschäftsführer der Deutschen Eishockey-Liga (DEL). Was treibt Sie nach so langer Zeit immer noch an? Wie viel Leidenschaft ist da im Spiel?
Ja, ich bin seit 1997 bei der PENNY DEL, seit 2000 bin ich Geschäftsführer. Natürlich macht das Spaß, wenn man etwas bewegen kann. Das haben wir ja in den vergangenen Jahrzehnten getan und dann ist es natürlich auch meine Leidenschaft für unseren Sport, die mich antreibt. Ich sehe einfach gerne Eishockey.

Hinter der DEL liegt eine schwere Saison, erst im vergangenen Dezember wurde der Spielbetrieb nach langer Wartezeit aufgenommen. Zwischenzeitlich wusste niemand, wie es überhaupt weitergehen soll, haben Sie da nicht schon mal in Gedanken hingeworfen?
Nein, ans Aufhören habe ich nie gedacht. Dafür haben Liga und Klubs in der Phase so viel gearbeitet wie noch nie zuvor. Wir haben immer wieder neue wirtschaftliche und Hygienekonzepte entworfen und dann war doch alles wieder für die Tonne. Das war eine enorme Leistung mit so einer kleinen Mannschaft bei uns in der Zentrale. Als die Saison dann vorbei war, haben wir uns dann aber gesagt: Wir können sehr stolz darauf sein, dass das so geklappt hat.

Die neue Saison ist am Wochenende angelaufen, was die Zuschauenden betrifft in weiten Teilen auf halber Flamme. Wie schwer wird das für die Klubs, die ja in hohem Maße auf ihre Zuschauereinahmen angewiesen sind, wenn sie nicht alle ihre Tickets verkaufen können?
Wir haben da schon konservativ geplant nach der Saison ohne Fans. 50 Prozent Zuschauer bedeuten aber mehr als keine Zuschauer. Das sollte schon eine gewisse Erholung bedeuten. Es waren jetzt 6.500 in Berlin und fast 10.000 in Köln bei den ersten Spielen. Wenn wir so mit solchen Zuschauerzahlen spielen können, dann sollten wir finanziell relativ sicher sein.

Wir werden sicher nicht bei 140 Millionen Euro Umsatz mit der DEL herauskommen wie 2019 noch, aber ich glaube schon, dass wir bei 100 Millionen landen und in den 85 Millionen Umsatz in der vergangenen Saison steckten ja auch schon 20 Millionen Staatsförderung und zusätzliche Gesellschafterzuschüsse drin. Wir waren bei der Lizenzprüfung im Mai schon sehr vorsichtig, die Klubs haben defensiver geplant. Ich glaube schon, dass die Aussichten jetzt wirtschaftlich wesentlich besser sein werden als ohne Zuschauer.

Sie haben in der Krise sogar einen Liga-Sponsor finden können, dann sind die Quoten im Sportfernsehen und bei Magenta-TV in die Höhe geschnellt. Aber besteht nicht trotzdem die Gefahr, dass Eishockey in seiner Breitenwirkung verliert, wenn nach einer Saison mit Geisterspielen nur so wenige Zuschauer in die Hallen dürfen?
Ligasponsoring und Medienpräsenz sind strategisch wichtig, aber das kann wirtschaftlich nicht 1000 oder 2000 Zuschauer ersetzten. Die „harten“ Fans sind nicht das Problem, die Dauerkartenverkäufe liefen bei den Klubs ähnlich wie immer. Aber manche Klubs können ja nicht mal ihre Dauerkartenkunden zufriedenstellen angesichts der eingeschränkten Kapazität. Aber es wird schwerer sein, die, und das ist gar nicht despektierlich gemeint, Laufkundschaft wieder zu gewinnen.

Gernot Tripcke (53) war ab 1997 Ligenleiter der Deutschen Eishockey-Liga. Foto: dpa/ Marcel Kusch Vergrößern
Gernot Tripcke (53) war ab 1997 Ligenleiter der Deutschen Eishockey-Liga. © dpa/ Marcel Kusch

Menschen, die sich drei, vier Spiele im Jahr anschauen. Da haben wir aber auch wieder relativ viel Glück, dass der Anteil dieser Zuschauer im Eishockey vielleicht nicht so groß ist wie in anderen Sportarten. Aber klar: Die Standorte mit großen Stadien wie Köln und Berlin haben da schon größere Probleme als die kleineren Standorte, die verhältnismäßig mehr Stammkunden haben. Definitiv wird es dieses Jahr noch nicht so werden wie 2019, aber wir machen einen Schritt zurück in die Normalität.

Das Eishockey hat in den vergangenen Jahren besonders durch gute Auftritte des Nationalteams doch wieder mehr Menschen interessiert als in den Jahren zuvor. Silbermedaillen bei Olympia und WM-Halbfinalteilnahmen wie dieses Jahr gab es ja nicht so oft vorher. Merken Sie davon etwas? Kann die DEL den Schwung mitnehmen?
Ja, die Nationalmannschaft ist sicher ein gutes Vehikel. Man wird schon darauf angesprochen und merkt, die Leute verfolgen Eishockey mehr. Auch die Play-offs oder die Spiele in der Champions League, auf Kongressen zum Beispiel merke ich, das sich etwas tut. Die Gespräche beginnen nun oft über den Sport, vor vier Jahren war das noch anders.

Es gibt mehr gute deutsche Spieler in der Liga als früher, die DEL hat weit weniger Ausländer in der Liga als vergleichbare Mannschaftssportarten im Lande und in der NHL sind deutsche Spieler auch begehrter denn je. Woher kommt denn der Gesamtaufschwung, was die deutschen Spieler betrifft?
Bei der starken Generation der Mitt-/End-Zwanziger, da hatten wir einfach Glück, dass da eine paar sehr Gute dabei waren wie z.B. Leon Draisaitl, Philipp Grubauer, Tobi Rieder oder Tom Kühnhackl. Was nun die jüngere Generation mit Tim Stützle, Moritz Seider oder Lukas Reichel und einigen anderen betrifft, da greift erstmals das Fünf-Sterne-Konzept, dass wir mit den Clubs vor etwa 8 Jahren entwickelt haben und das der Deutschen Eishockey-Bund dann unter der Ägide von Franz Reindl übernommen und weiter in die Breite getragen hat.

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Die Traditionsklubs allein sind es nicht mehr, die guten Nachwuchs ausbilden. Auch andere Klubs sind gut aufgestellt. Zum Beispiel Wolfsburg oder Ingolstadt, da war ja vor ein paar Jahren noch wenig los und nun machen die einen richtig guten Job. Heute warten nicht mehr alle was Füssen, Tölz, Rosenheim oder Landshut herausbringen. Da kamen früher doch fast alle Spieler her.

In der Weltrangliste ist Deutschland im Eishockey auf Platz fünf, umrahmt von acht Teams, die aus Ländern kommen, in den Eishockey Volkssport ist
Sie sagen es. Eishockey wird bei uns kein Massensport werden. Wir müssen aufgrund unser limitieren Ressourcen besser aufgestellt sein und sind das inzwischen.

Es gibt auch Organisationen, die den Aufschwung massiv gefördert haben, allen voran Mannheim und München, oder?
Ja, das stimmt. Aber die haben das ja schon länger gemacht. Auch in anderen Standorten wie in Köln und Berlin ist man inzwischen viel besser aufgestellt. Es gibt aktuell neun 5-Sterne-Clubs, der höchsten Qualitäts-Kategorie in der Nachwuchsarbeit. Und praktisch alle DEL-Klubs haben ihre Nachwuchsarbeit in den letzten Jahren massiv verbessert. Darauf kann man stolz sein, aber man darf sich nie ausruhen.

Sie sprachen die mangelnde Breite im Eishockey an. Kann man für die Breite denn irgendwas tun?
Der Flaschenhals ist die Infrastruktur Eishallen und Eiszeiten, das ist schwierig. Die müssen wir optimal nutzen, mit den talentiertesten Kindern, besseren Trainern. Wir werden jetzt nicht sofort von 15.000 auf 55.000 Nachwuchsspieler hochgehen können. Daher wird Eishockey auf absehbare Zeit schon von Kindesbeinen an Leistungssport sein.

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Bei Red Bull München wird jetzt hochgefahren mit vier neuen Eisflächen im Olympiapark und einem Eissportangebot für Schulen…
Ja, das ist ein tolles Signal in einer Metropole. Aber es wäre auch schön gewesen, wenn das in Hamburg zum Beispiel auch gemacht würde. Da war man mit den Freezers auch im Nachwuchs auf einem guten Weg, aber dann ist vieles ins Stocken geraten. Da muss der Verband mit dem Rückenwind der Erfolge der Nationalmannschaft versuchen, ob man gerade in den Metropolen mit vielen Kindern mehr Eisflächen schaffen kann. In Hamburg, Frankfurt, bisher München, selbst Berlin, gibt es viel zu wenig Eisflächen um eine breitere Basis zu schaffen.

Trotz einiger Unwägbarkeiten ist die Attraktivität der DEL aber stetig gewachsen, auch ist ihre Wettbewerbsfähigkeit besser geworden. In der Champions League können deutsche Team sehr gut mithalten, auch spielen in der Liga inzwischen viele gute Profis aus Skandinavien, Finnland oder Russland, die früher einen Bogen um die Liga gemacht haben. Woran liegt das?
Ja, das Niveau der Neuzugänge ist scheinbar besser geworden. Aber das liegt auch so ein bisschen an Corona, denn das Geld sitzt überall nicht mehr so locker.

Dass sich ein Spieler wie Ruslan Iskhakov als 20-jähriger Russe mit erst 20 Jahren aus der KHL in die DEL wechselt, um sich dort Richtung NHL weiterzuentwickeln, dass hätte es doch früher nicht gegeben…

Iskhakov ist ein gutes Beispiel. Es gibt nun viele junge Spieler, die merken, dass auch aus der DEL der Sprung in die NHL möglich ist. Das gilt für Ausländer, aber auch unsere deutschen Spieler, die nicht mehr glauben mit 16 auswandern zu müssen, sondern sich erst mal in der PENNY DEL etablieren wollen. Das ist ein Hauptgrund dafür, dass es aufwärts geht bei uns.

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