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Frankfurts Cheftrainer Adi Hütter (r.) herzt David Abraham Foto: dpa/Arne Dedert
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Das romantischste Team Europas Eine gute Zeit, um Eintracht-Fan zu sein

Eintracht Frankfurt umgibt eine besondere Wucht, die im Halbfinale auch der FC Chelsea spüren soll. Woher kommt sie?

Eintracht Frankfurt hat verloren, aber das ist gerade egal. Es brennt noch Licht im Estádio da Luz, die Fans von Benfica Lissabon sind schon gegangen, aber die mitgereisten Fans aus Deutschland singen noch. Sie genießen. Ein Mann um die 50 hat Tränen in den Augen. „Dass wir hier spielen dürfen...“, sagt er und blickt ehrfürchtig in das weite Rund des Stadions. „Das ist wirklich Europa.“ Sein Freund neben ihm merkt an: „Vor drei Jahren haben wir noch in Darmstadt gegen den Abstieg gespielt...“

Dann müssen die beiden los, das letzte Flugzeug nach Frankfurt erwischen, um am nächsten Morgen pünktlich auf der Arbeit zu sein. Von Lissabon, einer Traumstadt vieler Touristen, haben sie fast nichts gesehen. Gelohnt hat sich die Reise trotzdem. Die Eintracht gewinnt eine Woche später das Rückspiel und steht erstmals seit fast 40 Jahren in einem Europapokal-Halbfinale. Egal, wie es an diesem Donnerstag daheim gegen den FC Chelsea (21 Uhr/RTL und Dazn) und eine Woche später in London ausgeht – was bleiben wird, sind einmalige Erlebnisse.

Von „Eintracht Frankfurt international!“ und „Dabei, Dabei!“, den Liedern, die Fans bei Reisen nach Marseille, Limassol und Rom, nach Charkiw, Mailand und Lissabon anstimmen. Von grandiosen Choreographien auf den Rängen des Frankfurter Stadions, deren Videos Fußballliebhaber in ganz Europa einander vorspielen und bei denen gegnerische Spieler grinsen, als würden sie am liebsten selbst das Handy zücken. Von einer Mannschaft, die Spiel für Spiel über sich hinaus wächst und Gegner überwindet, die früher nur zu Freundschaftsspielen nach Frankfurt gekommen wären – wie Chelsea vor neun Jahren.

Wenn der Adler um den Mailänder Dom kreist… ist Eintracht Frankfurt auf Europa-Tour. Die nächste Station heißt London. Foto: Dedert/dpa Vergrößern
Wenn der Adler um den Mailänder Dom kreist… ist Eintracht Frankfurt auf Europa-Tour. Die nächste Station heißt London. © Dedert/dpa

Wer hätte vor der Saison gedacht, dass die letzte deutsche Mannschaft im Europapokal nicht Bayern München oder Borussia Dortmund, sondern Eintracht Frankfurt heißen könnte? Dass der überraschende DFB-Pokalsieg in Berlin vergangenen Sommer nicht das letzte Highlight bleiben würde?

Es ist eine gute Zeit, um Eintracht-Frankfurt-Fan zu sein. Das spricht sich herum. Die Londoner Zeitung „Daily Mail“ schrieb neulich: „Vergesst das grandiose Ajax Amsterdam mit seiner fußballerischen Brillanz. Das romantischste Team in ganz Europa heißt Eintracht Frankfurt. Eine Mannschaft, die mit ihrer brachialen Art und Weise des Fußballs die Menschen begeistert.“

Den Verein umgibt eine „besonderen Wucht“

Es ist schon eine Weile her, dass man sagen konnte, die Eintracht begeistere Menschen über den Großraum Hessen hinaus. Anfang der Neunziger Jahre zelebrierten Spieler wie Yeboah, Bein und Okocha bereits den „Fußball 2000“, scheiterten knapp an der Meisterschaft und erreichten letztmals ein Europapokal-Viertelfinale. Was folgte, waren vier Abstiege. Beim letzten Fall in Liga zwei stürmten Eintracht-Fans 2011 das eigene Stadion und feierten sich als „Randalemeister“. Kein Wunder, dass Finanz- und Marketingvorstand Axel Hellmann von einer „besonderen Wucht“ spricht, die diesen Verein umgebe und die sich positiv wie negativ entladen könne.

Die Vereinsführung drückt, wie die Verbände DFB und Uefa, öfter ein Auge zu, wenn Frankfurter Fans Pyrofackeln abbrennen. Denn gerade die von vielen Fußballfans ungeliebte Europa League wertet der Eintracht-Anhang mit neuen Emotionen auf. Andere Teilnehmer und deren Zuschauer nutzen diesen oft als zweitklassig empfundenen Wettbewerb augenscheinlich, um sich für das Liga-Wochenende zu schonen. Für die Frankfurter geht dagegen donnerstags ein Traum in Erfüllung. Schon zu Zweitligazeiten simulierten die Fans spaßeshalber Europapokalfahrten nach „Paderbornska“. Als die Eintracht 2013 wieder im echten Ausland antreten durfte, reisten 12 000 Fans mit zum Vorrundenspiel nach Bordeaux. Und als man sich fünf Jahre später erneut qualifizierte, waren alle Heimspiel-Tickets bereits ausverkauft, bevor überhaupt die Gegner feststanden – bis ins Halbfinale, das schließlich tatsächlich erreicht wurde.

Die Sehnsucht nach Europa ist tief verankert in einer wachsenden Metropole, die mit ihrem Flughafen, den Banken und einer Migrantenmehrheit in der Bevölkerung ohnehin international denkt. Klubpräsident Peter Fischer erntet Zustimmung, wenn er AfD-Wählern moralisch das Recht auf eine Eintracht-Mitgliedschaft abspricht. Ein Kader mit Spielern aus 17 verschiedenen Nationen ruft bei den Fans Identifikation hervor, als wären sie alle Hessen. Wobei es natürlich hilft, wenn der Serbe Luka Jovic, der Franzose Sébastien Haller und der Kroate Ante Rebic zusammen 54 Pflichtspieltore erzielen wie bisher in dieser Saison. Dadurch könnte sich die Eintracht sogar erstmals für die Champions League qualifizieren.

20 000 Fans fuhren nach Mailand

Doch der international unerfahrenen Mannschaft geht am Saisonende derzeit ein wenig die Luft aus. Es wird daher noch mehr darauf ankommen, dass der Anhang sie auf Schultern zum Erfolg trägt. Wie in Mailand, als der Eintracht immerhin 13 500 Tickets für das Achtelfinalspiel bei Inter zustanden. Und sich gut 20 000 Fans auf den Weg machten.

Selbst Heribert Bruchhagen war mitgekommen und ließ sich auf einer Stadtführung der Uefa Mailand zeigen, als wäre er in seiner Zeit als Eintracht-Vorstand nie nach Europa gekommen. Er war nicht mehr dabei, als Tausende, teils über Nacht angereisten Frankfurter vom Domplatz zum Stadion San Siro marschierten. Obwohl der Verkehr zusammenbrach, freuten sich die meisten Mailänder und filmten mit ihren Handys. Nur eine ältere Dame versuchte, einen Eintracht-Anhänger von der Straße zu schubsen. Es lässt sich eben doch nicht jeder von der Euphorie anstecken...

In Mailand kamen viele Eintracht-Anhänger noch an Karten und ins Stadion, ebenso in Lissabon. Nach London werden sicher mehr als die offiziell zugelassenen 2235 Auswärtsfans zum Rückspiel gegen den FC Chelsea an die Stamford Bridge fahren. Und nach Baku, zum Finale am 29. Mai, kommt man sicherlich irgendwie auch. Es ist eine gute Zeit, Fan von Eintracht Frankfurt zu sein.

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