Die Revolutionärin. Fallon Sherrock in Aktion. Foto: Steven Paston/dpa
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Darts-WM „Es werden noch viele Männer gegen sie verlieren“

Der Sieg von Fallon Sherrock bei der WM gegen einen Mann wird die Welt im Darts verändern, glaubt die beste deutsche Spielerin Irina Armstrong.

Fast schon schüchtern und mit einem breiten Grinsen im Gesicht ging Fallon Sherrock zur Dartscheibe, um ihre letzten beiden Pfeile für diesen Abend herauszuziehen. Es sah so routiniert und normal aus. Dabei war das, das ihr mit dem letzten Pfeil in die Doppel-18 gelungen war, alles andere als normal.

Als erste Frau gelang der 25-jährigen Engländerin ein Sieg bei der Weltmeisterschaft der Professional Darts Corporation (PDC), der Profitour. „Ich bin sprachlos. Ich bin einfach nur glücklich, weil ich gezeigt habe, dass wir genauso spielen können wie Männer und sie besiegen können“, sagte Sherrock noch auf der Bühne.

Dabei wedelte sie immer wieder mit den Händen Luft in ihr Gesicht – sie war den Tränen nahe. Weil sie wusste, dass sie Geschichte geschrieben hatte. Sie war die zweite Spielerin bei dieser Darts-WM, die sich gegen einen Mann auf der Bühne behaupten durfte, und die vierte Spielerin bei einer PDC-WM überhaupt.

So überraschend der Sieg Sherrocks, der Nummer vier der Frauen-Weltrangliste, in der Dartgemeinde aufgenommen wurde, so wenig überrascht war Irina Armstrong. Die 49-Jährige ist als 29. der Weltrangliste die beste deutsche Dartspielerin – und kennt Sherrock schon lange, hat oft gegen sie auf Turnieren gespielt.

„Ich wusste, dass sie das kann – so hat sie immer gegen mich gespielt“, sagt Armstrong. Sherrock sei unbekümmert, „noch jung und stark im Kopf“. Wenn Armstrong einer Spielerin zugetraut hätte, auszublenden, dass sie vor über 3500 Menschen im Londoner Alexandra Palace, vor Millionen Zuschauern vor den TV-Bildschirmen spielt – dann ihr.

„Fallon Sherrock kann viele inspirieren“

„Sie hat einfach das Potenzial, ihr macht es nichts aus, gegen Männer zu spielen. Es werden noch viele Männer gegen sie verlieren“, sagt Armstrong. Sie glaubt, dass eben dieser Faktor, gegen einen Mann zu spielen, noch viel bedeutender gewesen sei, als die ganzen Zuschauer.

Denn, dass Männer in so einem Duell sportlich bleiben, ist laut Armstrong nicht selbstverständlich. Viele sind es nicht gewohnt, haben schon seit Jahrzehnten nur gegen andere Männer gespielt – und lassen die Frauen das auch spüren. „Ich fand es bemerkenswert, wie sportlich ihr Gegner Ted Evetts war. Viele Männer werden unsportlich, es ist für sie schwieriger, gegen Frauen zu verlieren“, sagt Armstrong.

Das Problem rührt daher, dass es noch immer mit Gesichtsverlust verbunden ist, wenn ein Mann im männerdominierten Dartsport gegen eine Frau verliert. Lange habe es unter Frauen geheißen: „Wenn ich gegen einen Mann verliere, verliere ich eben gegen einen Mann“, sagt Armstrong. Doch Frauen sind längst konkurrenzfähig. Wie Fallon Sherrock zeigte.

„Ich hoffe, dass junge Mädchen zugeschaut haben. Fallon Sherrock kann viele inspirieren, sie wird einen Stein ins Rollen bringen“, sagt Irina Armstrong. Dafür sei es allerdings notwendig, dass der Profiverband PDC etwas für Frauen macht.

Noch gibt es nur eine Frauen-Weltmeisterschaft, die von der British Darts Organisation (BDO) organisiert wird – das ist der konkurrierende Amateurweltverband. Dort erhielten Frauen in der Vergangenheit für den Titel weniger als die 15.000 Euro, die Fallon Sherrock nun an Preisgeld für den Einzug in die zweite Runde der PDC-WM erhält.

„Ich glaube, wenn es mehr Preisgeld gibt, wird es auch mehr gute Frauen geben. Wenn Frauen wissen, dass sie selbst, wenn sie Weltmeisterinnen werden, nicht davon leben können, investieren sie erst gar nicht so viel Zeit“, sagt Armstrong. Die Männer können als Profis vom Sport leben „und dementsprechend mehr trainieren“, sagt sie. Frauen hingegen brauchen „mehr Disziplin, um weit zu kommen, weil du selbst als Weltmeisterin noch arbeiten gehen musst“. Sherrock beispielsweise ist hauptberuflich Friseurin.

Sherrock bekommt in der zweiten Runde die nächste Möglichkeit, einen Mann zu schlagen

Dabei gibt es dafür, dass die Geschlechter unterschiedlich behandelt werden, keinen nachvollziehbaren Grund. „Die Voraussetzungen für Männer und Frauen sind gleich“, sagt Armstrong. Der große Nachteil ist, dass Frauen weniger vor laufender Kamera spielen. „Ich kann mich noch an meine ersten Spiele im TV erinnern: Ich habe über Kleinigkeiten nachgedacht, war unkonzentriert und dann ist es so schnell vorbei“, sagt Armstrong. „Es hat Jahre gedauert, bis ich mich daran gewöhnt hatte.“

Diesen Vorsprung haben die Männer. Diese Unbekümmertheit, die Frauen wie Fallon Sherrock auszeichnet, „die kannst du nicht lernen“, sagt Armstrong. Das geht nur über Erfahrung. Erfahrung, die die die PDC die Frauen machen lassen muss. Geht es nach Irina Armstrong müsste die PDC langsam anfangen, indem noch mehr Frauen bei der WM teilnehmen dürfen. Als nächsten Schritt müsste dann eine eigene WM der Frauen folgen.

Bis es soweit ist, bleibt Frauen wie Fallon Sherrock nur die Möglichkeit, als Vorkämpferinnen bei der WM zu zeigen, dass sie mithalten können. Sherrock bekommt in der zweiten Runde die nächste Möglichkeit. Am Samstag (ab 20 Uhr/Sport1 und Dazn) trifft sie auf den Österreicher Mensur Suljovic, die Nummer elf der PDC-Weltrangliste. 

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