Am 19. Februar waren mehr als 40.000 Fans im Mailänder Giuseppe-Meazza-Stadion beim Hinspiel von Atalanta gegen Valencia. Foto: Massimo Paolone/dpa
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Covid-19-Epidemie in Italien Ein Fußballspiel und seine Auswirkungen auf die Ausbreitung des Coronavirus

Bergamo ist die am stärksten von der Pandemie betroffene Stadt Italiens. Ein Multiplikator für das Coronavirus könnte ein Spiel von Atalanta gewesen sein.

Eine Überraschung war es nicht, was der italienische Fußballklub Atalanta Bergamo am Dienstag verkündete. Mit Torwart Marco Sportiello ist der erste Spieler des Vereins an Covid-19 erkrankt. Es war eher ein wenig überraschend, dass das Coronavirus den Klub aus der Lombardei erst so spät erreichte. Denn die 120.000-Einwohner-Stadt nahe Mailand ist von der Pandemie so stark betroffen wie keine andere in Italien.

Es gibt mittlerweile fast 6728 Infizierte (Stand Dienstagabend), die Krankenhäuser sind überfordert und es sterben so viele Menschen, dass das Militär die Leichen in Lkw in die Krematorien anderer Städte fahren muss. Zudem wurden beim letzten Gegner von Atalanta, dem FC Valencia, 35 Prozent der Mannschaft sowie des Trainer- und Betreuerstabs positiv getestet.

War Atalanta gegen Valencia das „Spiel null“?

Das Champions-League-Achtelfinale zwischen den zwei Mannschaften hatte aber möglicherweise noch weitreichendere Folgen als nur die Infektionen einiger Fußball-Profis, insbesondere das Hinspiel am 19. Februar. In italienischen Medien wurde es teilweise als „partita zero“ – Spiel null – der dramatischen Ausbreitung in Bergamo und Umgebung bezeichnet.

Da in Atalantas angestammtem Stadion aktuell gebaut wird, zog der Klub für die internationalen Highlights ins knapp 50 Kilometer entfernte Mailand um. 44.236 Zuschauer sahen das Spiel im großen Giuseppe-Meazza-Stadion, die meisten extra angereist aus Bergamo, aber auch 2500 Fans aus Valencia. Die Bahnen und Busse waren voll, die mittlerweile selbstverständlichen Vorsichtsmaßnahmen waren noch nicht in Kraft, und gerade für die Atalanta-Fans war dieser 4:1-Sieg ein Fußballfest.

Mitte Februar gab es in Italien kaum Coronavirus-Fälle, nur vereinzelte Touristen oder gerade aus China zurückgekehrte Geschäftsleute waren positiv getestet worden. Dass die Austragung eines Fußballspiels problematisch sein könnte, ahnten die Verantwortlichen damals noch nicht.

Hintergrund über das Coronavirus:

Das änderte sich allerdings wenige Tage später, als die ersten Fälle ohne direkte Verbindung nach China bekannt wurden und deren Zahl von Tag zu Tag exponentiell stieg. Besonders in der Lombardei.

Es sei möglich, dass dieses Spiel „ein wichtiger Überträger“ des Virus gewesen ist, sagte der Virologe Massimo Gallo vom Luigi-Sacco-Krankenhaus in Mailand der Zeitung „La Repubblica“, und auch der Vorsitzende der italienischen Gesundheitsbehörde Istituto Superiore della Sanità (ISS) äußerte sich bereits dazu: „Das ist eine Möglichkeit, die wir prüfen. Es ist jedoch schwierig, dieser Theorie nachzugehen“, sagte Silvio Brusaferro.

Die Zahl der Infizierten steigt rasant

Fakt ist, dass die Zahl der Infizierten in Bergamo ab Ende Februar rasant gestiegen ist. Am 28. Februar lag sie noch bei 103, eine Woche später waren es bereits 623, mittlerweile sind fast 7000 Menschen positiv getestet worden und die Zeitungen voll mit Todesanzeigen. Am Dienstag teilte die Vereinigung der lombardischen Hausärzte zudem mit, dass unter den Infizierten in Bergamo auch 1800 Patienten in den Dreißigern seien, die an Lungenentzündungen leiden. Dies widerspricht der anfangs weit verbreiteten These, dass die Erkrankung fast ausschließlich bei Älteren einen schweren Verlauf nimmt. Es könnte ebenfalls ein Indiz für die Ausbreitung durch den Fußball sein, denn diese Altersgruppe ist in Stadien häufig vertreten.

Dass große Menschenansammlungen wie in diesem Fall beim Fußball die Verbreitung des Virus begünstigen, ist unbestritten. In Berlin gehen viele Infektionen auf Club-Besuche zurück. In den USA wird mittlerweile vermutet, dass das Staples Center, die große Sportarena von Los Angeles, ein Multiplikator des Virus im Sport und darüber hinaus gewesen sein könnte.

Ob das Spiel von Atalanta gegen Valencia aber tatsächlich der entscheidende Faktor bei der Ausbreitung in Bergamo und Umgebung war, lässt sich nicht nachweisen. Auch in anderen lombardischen Städten wie Brescia steigt die Zahl der Infizierten rasant, ganz ohne Fußball.

„Natürlich, die Situation hat sicher nicht geholfen, die Ansteckungsraten abzubremsen. Aber wir haben keine Informationen, die belegen, dass das Match die Infektionen massiv weiterverbreitet hat“, sagte ISS-Sprecherin Gerolmina Ciancio der Sportschau.

„Es ist grausam, dass wir diese Partie gespielt haben“

Der Immunologe Francesco Le Foche hält dies in einem Interview mit dem „Corriere dello Sport“ zwar für eine realistische Hypothese, nennt aber auch die weite wirtschaftliche Vernetzung der Region als einen möglichen Beschleuniger der Infektion. Mit dem Wissen von heute hätte man dieses Spiel niemals austragen dürfen, sagt Le Foche. „Tausende Menschen nur getrennt durch wenige Zentimeter. Euphorie, Schreie, Umarmungen – das kann die virale Verbreitung begünstigt haben. Ich denke, zu diesem Spiel sind fast alle gefahren, auch die asymptomatisch Erkrankten und Menschen mit Fieber.“

Das Rückspiel fand in Valencia bereits unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Foto: POOL UEFA / AFP Vergrößern
Das Rückspiel fand in Valencia bereits unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. © POOL UEFA / AFP

Auch Atalantas Star Alejandro Gomez, der sich wie die gesamte Mannschaft seit dem Rückspiel in Valencia in häuslicher Quarantäne befindet, bedauerte die Austragung des Spiels im Gespräch mit der argentinischen Zeitung „Olé“. Im Stadion seien 45.000 der 120.000 Einwohner Bergamos gewesen. „Niemand hatte eine Ahnung, was dieses Virus anrichten würde“, sagt Gomez. „Es ist grausam, dass wir diese Partie gespielt haben.“

Das Rückspiel in Valencia am 10. März fand bereits unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, um die weitere Verbreitung des Virus zu verhindern. Die Gesundheit der Sportler ließ die Uefa dabei aber außer Acht, denn es ist nicht ausgeschlossen, dass sich Atalantas Torhüter Marco Sportiello bei einem damals noch nicht diagnostizierten Gegenspieler angesteckt hat.

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