Schals raus: Der 1. FC Union will bald wieder vor versammeltem Publikum spielen. Foto: Camera 4/Imago
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Corona-Massentests für ein volles Stadion Warum die Pläne des 1. FC Union schwer umsetzbar sind

Leonard Brandbeck

Mit Tausenden Coronatests möchte der 1. FC Union die Fans zurück ins Stadion holen. Die Zweifel in der Liga und unter Experten sind groß.

Die Vereinshymne des 1. FC Union verrät es ja quasi schon mit ihrer allerersten Zeile: „Wir aus dem Osten geh’n immer nach vorn“, trällert Nina Hagen da, und beim Fußball-Bundesligisten aus Berlin- Köpenick hat man sich dieses Leitspruchs in diesen Tagen ein weiteres Mal besonnen und sich nach vorne gewagt – ziemlich weit nach vorne sogar.

Denn umfassende Coronatests für über 22.000 Stadionbesucherinnen und -besucher durchzuführen, um das Stadion An der Alten Försterei möglichst zu Saisonbeginn Mitte September schon wieder vollmachen zu können, das ist ein Konzept, das bislang noch niemand öffentlich aufs Tableau gerückt hat. Mit ihrem Vorstoß vom Freitagabend haben die Berliner jedenfalls die vorsichtigen Überlegungen in der Bundesliga, wie man denn zumindest einen Teil des Publikums wieder in die Arenen zurückholen könnte, mal soeben locker rechts überholt.

Andere Bundesligaklubs reagieren reserviert auf Unions Pläne

Entsprechend zurückhaltend fielen dann auch die Reaktionen der Vereine aus, die sich denn am Wochenende überhaupt schon zu Unions Plänen äußerten und nicht wie etwa der FC Schalke 04 erst einmal abwarten wollten, was sich denn im Einzelnen genau dahinter verbirgt.

„Momentan erlauben die mehr als acht Wochen bis zum Ligastart, vor dem Hintergrund eines unklaren Infektionsgeschehens, keine seriöse Prognose“, ließ etwa der 1. FSV Mainz 05 auf Nachfrage des Tagesspiegels mitteilen und schloss sein Statement gar mit einer Mahnung, die darauf schließen lässt, dass man im Südwesten nicht immer so weit nach vorne geht wie im Osten: „Gerade weil die Fans für den 1. FSV Mainz 05 und den gesamten Fußball so wichtig sind, halten wir es nicht für zielführend, mit deren Erwartungen zu spielen.“

Zuvor hatte bereits Hertha BSC eher reserviert reagiert und verlauten lassen, man gehe nicht von einem vollen Stadion zum Saisonstart aus. Der 1. FC Köln plädierte derweil für eine einheitliche Regelung für alle 18 Bundesligisten: „Wir kennen weder zur rechtlichen noch zur organisatorischen Seite die Details dieses Konzepts“, gab Geschäftsführer Alexander Wehrle dem Tagesspiegel zu Protokoll. „Grundsätzlich würden wir eine bundesweit einheitliche Regelung bevorzugen.“

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Sollte eine solche Regelung denn tatsächlich nach den Vorstellungen des 1. FC Union konzipiert werden, dann bräuchte es bundesweit etwa 350.000 Coronatests vor jedem einzelnen Spieltag. So viele Fans strömen durchschnittlich an jedem Wochenende in die Stadien.

Das dürfte jedoch schwierig werden, gerade wenn sich jeder Fan einzeln testen lässt. Für Berlin und Brandenburg teilte der Laborverband ALM mit, dass die vom Verband abgefragten Labore in der Region aktuell rund 12.000 Tests am Tag durchführen können. Die an der bundesweiten ALM-Analyse teilnehmenden Labore decken rund 85 Prozent der gesamten Covid-19-Diagnostik in Deutschland ab.

Immer weiter ganz nach vorn: Der 1. FC Union hat seinen eigenen Weg, mit der Coronakrise umzugehen. Foto: Matthias Koch/Imago Vergrößern
Immer weiter ganz nach vorn: Der 1. FC Union hat seinen eigenen Weg, mit der Coronakrise umzugehen. © Matthias Koch/Imago

Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit hält deshalb Pool-Testungen für nötig, bei denen mehrere Proben auf einmal untersucht werden. Schlägt der Test an, werden die Proben einzeln überprüft. Mit Kartuschensystemen und Abstrichteams ließen sich die Tests dann vergleichsweise schnell durchführen.

„Weil der Test nur eine Momentaufnahme ist, ist aber nicht ausgeschlossen, dass trotzdem Zuschauer nach 24 Stunden positiv werden und somit andere Zuschauer im Stadion anstecken können“, äußerte Schmidt-Chanasit in der „Bild am Sonntag“ dennoch seine Zweifel an den Plänen. Eine Alternative, die in einem vollbesetzten Stadion mit ausgelassenen Fans mehr Sicherheit verspräche, wären also gleich zwei Tests pro Person. Doch das ließe sich angesichts des ohnehin schon enorm großen Aufwandes wohl kaum handhaben.

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Hinzu kommt die Kostenfrage: Zwischen 50 und 60 Euro bekommen die Labore von den Krankenkassen pro PCR-Test, so sagt es Harald Renz, der Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin an der Uniklinik von Gießen und Marburg. Wenn der Test jedoch nicht von ärztlichem Personal oder dem Gesundheitsamt veranlasst wurde, können die Kosten durchaus höher liegen – in Berlin etwa zwischen 150 und 300 Euro. Dass die Bundesligaklubs am Ende für ein volles Stadion noch obendraufzahlen, scheint letztlich kaum vorstellbar.

Und natürlich ist das Fußballbusiness nicht die einzige Branche, die gerne bald wieder vor versammeltem Publikum ihre Künste darbieten möchte. Auch andere Sportligen und -wettbewerbe könnten bald Ansprüche anmelden, ganz abgesehen von der Kultur- und Eventbranche, die sich ebenfalls wieder nach vollbesetzten Veranstaltungen in Clubs, Theatern und Konzertsälen sehnt. Die Pläne des 1. FC Union mögen also weit vorne sein – könnten sich aber bald schon wieder überholt haben. (mit dpa)

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