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Christian Gentner macht am Samstag gegen RB Leipzig sein letztes Spiel für den FC Union. Foto: IMAGO / Matthias Koch
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Christian Gentner vor seinem letzten Spiel Anführer ohne Allüren

Mittelfeldspieler Christian Gentner verabschiedet sich am Samstag beim 1. FC Union und nach vielen Jahren wohl auch aus der Bundesliga.

Wenige Tage, nachdem der damals 19 Jahre junge Christian Gentner für den VfB Stuttgart in der Bundesliga debütiert, spielt der 1. FC Union in Köln. Nicht gegen die Profis des FC, sondern gegen die zweite Mannschaft. In der Regionalliga Nord. Vor 700 Zuschauern. Im Februar 2005 kann man im deutschen Profifußball nicht viel weiter entfernt voneinander sein als das Talent aus dem schwäbischen Beuren und Union.

Dass Gentner am Samstag sein 430. und wahrscheinlich letztes Bundesliga-Spiel für die Berliner bestreitet, zeigt vor allem zwei Dinge: Die grandiose Entwicklung von Union in den letzten anderthalb Jahrzehnten; und die fußballerische Langlebigkeit von Gentner, der auch 16 Jahre nach seinem Debüt noch in der Bundesliga mithalten kann.

Wie es für den mittlerweile 35 Jahre alten Mittelfeldspieler weitergeht, steht noch nicht fest. Union wird er am Saisonende verlassen, das hat er bereits angekündigt. Ein Wechsel innerhalb der Bundesliga ist sehr unwahrscheinlich, vermutlich führt ihn sein Weg ins Ausland. Die USA reizen ihn schon länger, das hat er mehrfach erzählt. Bei einer virtuellen Medienrunde wollte er sich zuletzt aber weder auf ein Ziel festlegen, noch etwas ausschließen. „Ich will weiter Fußball spielen und wir wollen als Familie zusammen etwas erleben“, sagt Gentner. „Es geht mir nicht um den größtmöglichen Vertrag in China oder Russland.“

Eine Entscheidung für die Familie

Mit Union hat er gar nicht erst über eine Verlängerung geredet. Die Zeit in Berlin war schön, aber im Sommer trennen sich die Wege. Man könnte auch sagen, Gentners Mission bei Union ist beendet. Mit seiner Erfahrung hat er dem Verein spielerisch, aber auch menschlich bei der Eingewöhnung in der Bundesliga geholfen. Auf dem Platz überzeugte er mit Stellungsspiel, Spielintelligenz und schoss in der vergangenen Saison einige wichtige Treffer. Abseits des Rasens fand er meist die richtigen Worte, gab seinen jungen Mitspielern wichtige Tipps und lebte ohne Allüren vor, was es heißt, Bundesliga-Profi zu sein.

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Dass er zwei Mal Deutscher Meister geworden ist – und zwar nicht mit Bayern oder Dortmund, sondern mit Stuttgart und Wolfsburg – erzählte er mehrfach als nette Anekdote, ließ es aber nie raushängen. Er fügte sich in die Mannschaft ein und meckerte auch nicht, wenn er mal auf der Bank saß. „Es war klar, dass meine Rolle in der Mannschaft auch über das hinausgeht, was ich auf dem Platz liefern kann“, sagt er dieser Zeitung im April in einem Interview. Wahrscheinlich hätten sich Union und Gentner auf ein weiteres gemeinsames Jahr einigen können, doch der Schwabe wollte einen klaren Schnitt machen.

„Es hat mir total Spaß gemacht. Aber der Plan, den wir als Familie gemacht haben, endet jetzt einfach“, sagt Gentner. So gut die zwei Jahre bei Union fußballerisch waren, familiär war die Situation alles andere als ideal. Gentners Frau lebt mit den zwei Kindern weiter in Stuttgart. „Die Pandemiesituation hat Herausforderungen mit sich gebracht und wir hatten nicht die Möglichkeit, uns so häufig zu sehen, wie das geplant war. Als Familienmensch ist das schwierig“, sagt Gentner. Erst kürzlich verpasste er den dritten Geburtstag seiner Tochter. Deshalb steht für Gentner fest: Egal wohin es nach dem Sommerurlaub geht, die Familie muss dabei sein.

Vor 2000 Zuschauern in den Europapokal

Vorher steht aber noch ein letzter Auftritt im Stadion An der Alten Försterei an und Gentners Zeit endet, wie sie begonnen hat: mit einem Heimspiel gegen Rasenballsport Leipzig. Dabei bekommt er relativ unerwartet sogar die Gelegenheit, sich von einigen Fans zu verabschieden. Am Samstag dürfen 2000 Zuschauer dabei sein und selbst diese kleine Kulisse wird nach Monaten der Leere und Stille für Gänsehaut sorgen. „Dieses Stadion und die besondere Atmosphäre werde ich nie vergessen, weil das außergewöhnlich ist. Auch als wir vor knapp 5000 Zuschauern gespielt haben, war es ein total gutes Gefühl“, sagt Gentner.

Noch spielt der nahende Abschied in seinem Kopf aber keine allzu große Rolle. Die Zeit für Bilanzen und schöne Erinnerungen wird kommen, doch erst hat Gentner mit den Berlinern noch ein großes Ziel. „Allein die Vorstellung von Union im Europapokal – ich weiß nicht, wie realistisch das vor einigen Jahren war“, sagt er. „Aber wer den Charakter dieser Mannschaft kennt, weiß, zu was wir im Stande sind.“

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