Ein agiles Paar: Ingrid Klimke und Hale Bob bei der Vielseitigkeitsprüfung in Aachen - eine von drei Disziplinen, bei der die 48-Jährige startet. Foto: imago/Ingo Wächter
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CHIO Aachen Ingrid Klimke ist die Rebellin des deutschen Reitsports

Jeannette Aretz
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Ingrid Klimke startete beim CHIO in Aachen in allen drei Disziplinen.

21:50 Uhr in Aachen, die Flutlicht-Dressurkür ist in vollem Gange. Musik spielt, die Ränge im Stadion sind voll. Vor dem Stadion bereiten sich die nächsten Starter vor. Da saust plötzlich eine Reiterin in Sicherheitsweste und mit Springsattel über den Vorbereitungsplatz der Dressur. Zwischen all den Reitern im Frack und Zylinder. Die Disziplinen mischen sich nie beim CHIO, es ist ein ungewöhnlicher Anblick. Die gleiche Frau kommt eine Stunde später wieder. Diesmal in passendem Outfit und mit ihrem Dressurpferd namens Franziskus. Es ist Ingrid Klimke.

Klimke steht für einen behutsamen Reitstil

Die Eile hatte sich gelohnt: Vom Springstadion kam sie mit einem zweiten Platz zurück. Mit dem gleichen Resultat geht die Flutlicht-Dressurkür zu Ende. Und Ingrid Klimke wird sagen, dass dies die beste Kür ihres Pferdes bisher war. Klimke startete in Aachen, dem letzten wichtigen Turnier vor den Weltreiterspielen in den USA, in drei Disziplinen: Springen, Dressur und Vielseitigkeit. Das gab es noch nie, dass eine Reiterin in allen Disziplinen auf Weltniveau unterwegs ist.

Der deutsche Vielseitigkeits-Nationaltrainer Hans Melzer sagte zu Chris Bartle, der die britische Nationalmannschaft trainiert: „Die hätte am liebsten noch zwei Springen geritten, keiner ist so verrückt wie sie!“ Tatsächlich war Klimke mittags noch auf der Vielseitigkeitsstrecke unterwegs, nachmittags stand eine weitere Dressur an, die sie gewann.

Ingrid Klimke ist ein Maßstab. Nicht nur, weil sie es als einzige Reiterin schafft, in mehreren Disziplinen auf diesem Niveau zu starten. Sie gilt im Reitsport auch als die Bewahrerin der klassischen Reitweise. Der Reitsport ist tief zerstritten: Die Basis der Freizeit- und Turniersportler ist mit vielem nicht mehr einverstanden, was auf Turnieren hoch bewertet wird. Das betrifft aber nicht Ingrid Klimke. Denn auch die kritischsten Fachleute stimmen zu, dass diese Frau pferdefreundlich reitet. Hässliche Bilder, die unzufriedene Pferde zeigen, mit aufgesperrten Mäulern vom Zügelzug – die gibt es von ihr nicht. Auch bei der Flutlichtkür zeigte sich, was so häufig kritisiert wird: Es gewann eine Reiterin, die eine musikalisch mitreißende Kür ablieferte, aber grobe Mängel in der Rückentätigkeit des Pferdes und der sanften Hilfengebung zeigte. Beides Merkmale, die Reitpferde zufrieden und gesund erhalten. Das Gesamtergebnis drückte dies nicht, da die einzelnen Lektionen gut saßen.

Ihr Vater war ihr Lehrmeister

Gelernt hat sie ihr Handwerk bei ihrem verstorbenen Vater Reiner Klimke. Weshalb sie es schaffte, erfolgreich zu werden, darauf hat ihre Mutter Ruth Klimke eine Antwort: „Fleiß, gesunder Ehrgeiz und die Liebe zu den Pferden“, denn das würden diese spüren.

Bei der Besichtigung der Geländestrecke in Aachen zeigte Ingrid Klimke Sponsoren und Journalisten die Sprünge. Dicke Baumstämme, Hecken, schmale Holzhindernisse. Sie eilte voraus, bergauf, bergab, in kurzer Hose. Zack, zog sie vor dem Wasserhindernis die Schuhe aus, um es barfuß zu durchschreiten. So hat sie abgemessen, wie viele Galoppsprünge ihr Pferd im Wasser machen wird. Jeder Muskel an ihren Armen und Beinen ist definiert. Dass dieser Körper 50 Jahre alt ist, sieht man ihm nicht an.

Reiten, zumal das Reiten auf diesem Niveau, verlangt vom menschlichen Körper einiges. Der Tierkörper bewegt den Menschenkörper dreidimensional durch. Das ist so, als wolle man auf einer Rüttelplatte im Sportstudio Ballettübungen machen.

Zum Erfolgsrezept gehört sicherlich auch ihre Entscheidungsfreudigkeit. Lange gefackelt wird nicht bei einer Ingrid Klimke. Manchmal bremst sie da nur ihr Umfeld – so zum Beispiel, als Hale Bob, ihr heutiges Olympia-Erfolgspferd der Vielseitigkeit, frisch bei ihr daheim eingezogen war. Sie fand nicht so recht Spaß an ihm, so hölzern und wenig geschmeidig, wie er anfangs wirkte. Doch ihre Vertrauten rieten ihr: Behalte ihn. So kam's. Ohne Hale Bob wäre Ingrid Klimke nicht da, wo sie heute steht.

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