Können gut miteinander. Lucien Favre (l.) trainierte und förderte Marco Reus (r.) schon während seiner Zeit in Mönchengladbach. Foto: Ralf Poller/Imago
© Ralf Poller/Imago

Borussia Dortmund gegen Hertha BSC Mit Reus und Favre ist das perfekte Paar vereint

Dortmunds Trainer formte seinen jetzigen Kapitän zu dem Spieler, der er heute ist. Obwohl Lucien Favre das Talent von Marco Reus nicht sofort erkannte.

Schnell noch ein bisschen Wachs in die Haare, auf dass sie so gut sitzen wie vorher die Sprints und Finten und Pässe auf dem Rasen. „Geht gleich los“, sagt Marco Reus und winkt kurz hinüber zu seinem Chef. „Was denn, Marco – geben Sie jetzt noch ein Interview?“, fragt Lucien Favre. „Na klar, Trainer! Wir wollen ein bisschen über Sie reden, deswegen gehen wir lieber ein Stückchen weiter weg.“ Reus lacht, Favre lacht. Aufgeräumte Stimmung herrscht in der Kabine von Borussia Dortmund, kurz vor Mitternacht an diesem denkwürdigen Mittwochabend.

4:0 in der Champions League gegen die Defensivkünstler Atletico Madrid, wer hätte das für möglich gehalten? „Wir haben wie im Rausch gespielt“, sagt Reus und dass sie dieses Niveau wahrscheinlich nicht die ganze Saison über halten könnten mit den vielen jungen Spielern, irgendwann werde mal ein Einbruch kommen. „Aber heute war es nicht nur die Euphorie, es hat auch fußballerisch alles gepasst“, und daran ist der Trainer wohl nicht ganz schuldlos. „Für einen Spieler ist es immer gut, wenn er einen guten Plan hat“, erzählt Reus. „Lucien Favre hat für jedes Spiel einen neuen Plan, und immer ist er gut.“

Der Schweizer arbeitet seit vier Monaten in Dortmund, aber den Fußballspieler Marco Reus hat er schon ein bisschen länger im Blick. Vor bald zehn Jahren, er war damals noch als Cheftrainer von Hertha BSC angestellt, interessierte sich der Schweizer für ein 19-jähriges Offensivtalent, das mit Rot-Weiß Ahlen die Zweite Liga durcheinanderwirbelte. „Hertha BSC war damals schon ein Thema für den nächsten Schritt“, erzählt Reus. „Ich bin auch nach Berlin gefahren, habe mich mit Herrn Favre unterhalten und mir so meine Gedanken gemacht. Aber es ist anders gekommen.“

Favre soll Reus' Talent nicht erkannt haben

Lucien Favre ist später vorgeworfen worden, er habe Reus‘ Talent nicht erkannt und Hertha BSC um die Verpflichtung eines werdenden Weltstars gebracht. Diese Interpretation wird gern und immer dann gestreut, wenn der Weg Reus, Favre und Hertha zusammenführt. Am Samstag ist es mal wieder so weit. Der Tabellenführer BVB empfängt den Sechsten Hertha BSC zum Spitzenspiel des neunten Spieltages. Alors, wollten Sie Reus damals nicht, Monsieur Favre? „Mais non, das ist Blödsinn!“

Lucien Favre erinnert sich noch gut an das Gespräch im April 2009. „Marco war ein interessanter Spieler, aber denken Sie bitte nicht, dass wir die Einzigen waren, die ihn wollten. 20 Vereine waren hinter ihm her. Marco hat nicht darauf gewartet, ob Hertha BSC ihn wollte oder nicht.“ Am Ende habe in Berlin das Geld gefehlt, „um eine seriöse Entscheidung zu treffen. Also hat Marco eine Entscheidung für sich getroffen.“

Reus wechselt nach Mönchengladbach, „und da hat es ja doch noch mit mir und Herrn Favre geklappt“. Im Frühjahr 2011, als der Schweizer die dem sicheren Abstieg geweihte Borussia aus Mönchengladbach übernimmt und schafft, was eigentlich nicht mehr zu schaffen ist, nämlich den Verbleib in der Bundesliga. Marco Reus schießt im Rückspiel der Relegation das entscheidende Tor in Bochum, „das war ein ganz besonderer Moment, einer der emotionalsten meiner Karriere“. Aber er hat dazu noch eine ganz andere Geschichte im Hinterkopf.

Marco Reus mit Tagesspiegel-Reporter Sven Goldmann. Foto: Promo Vergrößern
Marco Reus mit Tagesspiegel-Reporter Sven Goldmann. © Promo

Die Dortmunder Kabine hat sich nach der Gala über Atletico längst geleert, da erzählt Marco Reus vom April 2011. Vom Auswärtsspiel in München, die Gladbacher halten bis tief in die zweite Halbzeit hinein ein 0:0, da kommt Marco Reus an den Ball. Er treibt ihn Richtung Mittellinie, hebt den Kopf und findet keine Anspielstation. Reus macht einen Schlenker nach links und einen nach rechts, und weil immer noch keiner der Kollegen in der Vorwärtsbewegung den Ball fordert, spielt er ihn eben zurück. Arjen Robben geht dazwischen, schneller Doppelpass mit Franck Ribery, und es steht 1:0 für den FC Bayern. Eine Kamera blendet auf Reus wie er den Kopf senkt und sich offensichtlich ein großes Loch wünscht, um auf der Stelle zu verschwinden.

Nach dem Spiel fragt ein Fernsehreporter den Gladbacher Trainer, ob er denn Reus schon zurechtgewiesen habe für seinen katastrophalen Fehlpass. Favre rollt mit den Augen und hält ein taktisches Grundsatzreferat, an dessen Ende ein Freispruch erster Klasse für Marco Reus steht. „Unglaublich“ findet Reus das noch siebeneinhalb Jahre später. „Etwas Besseres kann einem jungen Spieler gar nicht passieren, als dass er so viel Vertrauen und Verständnis von einem Trainer bekommt.“

Verbindung zwischen Reus und Favre reißt nie ab

Unter Favre wird Reus Nationalspieler, er stürmt mit Mönchengladbach auf Platz vier der Bundesliga und geht 2012 zurück zu seinem Heimatverein Borussia Dortmund. Die Verbindung zu Favre aber reißt nie ab, „über SMS und Telefon waren wir immer in Kontakt“. Natürlich haben ihn die Kollegen im Sommer ausgefragt, was denn da auf sie zukomme. Ob Favre wirklich so schräg sei, wie das immer behauptet werde. „Ich hab‘ den Jungs gesagt: Entspannt euch, das wird großartig!“

Aber natürlich habe da eine innerliche Anspannung vor dem ersten Trainingstag geherrscht. Sechs Jahre nach dem Auseinandergehen im Frühjahr 2012 hat Reus sich schon gefragt, ob der Trainer in der täglichen Arbeit auf dem Platz immer noch mit der Mischung aus Präzision und Leidenschaft arbeite, die ihn damals so sehr faszinierte. Und? Hat er sich verändert? „Glücklicherweise kein bisschen!“ Reus lacht und schaut hinüber zum anderen Ende der Kabine, wo Lucien Favre gerade mit seinem Assistenten ein Fachgespräch führt. Ja, sein Haar ist ein bisschen grauer geworden und sein Deutsch besser. „Aber ansonsten ist er immer noch der Lucien Favre, der er auch in Gladbach war. Ja, auch ein bisschen speziell. Aber sind das nicht alle großen Trainer?“

Zur Startseite