Das German Masters in Berlin wird nicht sein Lieblingsturnier: John Higgins. Foto: dpa
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Bei den German Masters im Snooker John Higgins und sein unwürdiger Abschied

John Higgins gehört seit Jahrzehnten zu den besten Snookerspielern der Welt. Ein Freund der German Masters in Berlin wird er aber nicht mehr.

John Higgins verzog immer wieder das Gesicht – diesmal hatte es aber nichts mit seiner Leistung am Snookertisch zu tun. Er war am Donnerstag in der ersten Runde der German Masters in Berlin gerade auf dem Weg, eine hohe Punktzahl und ein sogenanntes High-Finish zu erreichen. Doch währenddessen kämpfte er mit etwas, das sich in seinem Auge breitgemacht hatte.

Erst nach der letzten schwarzen Kugel traute er sich, dies mit einer schnellen Handbewegung wegzuwischen. Zwar ging dem 44-jährigen Schotten fortan vieles auch am Tisch sichtlich leichter von der Hand, er drehte sogar kurzzeitig das Spiel. Aber bis zum Schluss kämpfte er vor allem mit sich selbst. Obwohl ihm immerhin zwei Century-Breaks, also mehr als 100 Punkte gelangen, verlor er gegen Kontrahent Robbie Williams.

Es könnte sein letzter Auftritt gewesen sein

Higgins war danach derart enttäuscht, dass er jeglichen Kommentar verweigerte und das Tempodrom fluchtartig verließ. So wenig nachvollziehbar die Reaktion war, so verständlich war Higgins' Enttäuschung. Vor sechs Jahren war ihm zuletzt ein Sieg in Berlin gelungen. Das einzige deutsche Weltranglistenturnier gehört seit der Wiederauflage vor neun Jahren nicht zu den von Higgins favorisierten.

Er konnte im Tempodrom nie zwei Matches in Folge gewinnen. Das war einmal anders, als das Turnier noch nicht German Masters hieß. Zwischen 1995 und 1997 gewann er die German Open gleich zweimal. Zu den ersten German Masters im Jahr 2011 reiste Higgins sogar noch als Weltranglistenerster nach Berlin.

Zuvor war er bereits in den Jahren 1998 bis 2000 sowie 2007 und 2008 der weltbeste Snookerspieler. Und doch war der Weg zu den German Masters 2011 ein ganz besonderer. Zuvor hatte er eine halbjährige Sperre abgesessen.

Dazu war er verdonnert worden, weil ihm Wettmanipulationsabsprachen vorgeworfen und nachgewiesen worden waren. Journalisten einer britischen Boulevard-Zeitung hatten sich als osteuropäische Wettbetrüger ausgegeben und Higgins dabei gefilmt, wie sie ihm ein Angebot unterbreiteten. Higgins sagte zwar nicht zu, lehnte den Vorschlag allerdings auch nicht ab. Er wähnte sich der russischen Wettmafia gegenüber, wie er später erklärte.

Ihm droht eine Geldstrafe

Zu den German Masters in diesem Jahr reiste er als Weltranglistensechster an. Seine Matches gehören zu den Höhenpunkten im Tempodrom. Auch am Donnerstag war nicht schwer auszumachen, wem die Sympathien zuflogen. „Come on, John“, rief eine Frau nach dem vorübergehenden Ausgleich und brachte das restliche Publikum zum Schmunzeln.

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Zum Schmunzeln war Higgins selbst hingegen nie zumute. Zwar ist er viermaliger Weltmeister und trägt seit 2008 sogar einen britischen Ritterorden. Doch es könnte sein letzter Auftritt in Berlin gewesen sein. Ein Karriereende noch in diesem Jahr sei nicht ausgeschlossen, ist aus dem Tourumfeld zu hören.

Stand jetzt ist nur gewiss: Nach seiner Flucht am Donnerstag wird er das Achtelfinale am Freitag (ab 14 Uhr, live auf Eurosport) verpassen und muss mit einer Geldstrafe rechnen. Es wäre – so viel scheint klar zu sein – ein ziemlich unwürdiger Abschied für John Higgins.

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