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Johannes Thiemann hat sich mit Alba Berlin in der Euroleague viel Respekt erarbeitet. Foto: imago images/Tilo Wiedensohler
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Albas Manager Marco Baldi im Interview „Wir sind an einer Grenze angelangt, da muss man wirklich aufpassen“

Im Interview spricht Alba Berlins Manager Marco Baldi über das Abschneiden in der Euroleague, den Play-off-Einzug der Bayern und die hohe Belastung

Herr Baldi, an diesem Donnerstag (20 Uhr, Magentasport) endet für Alba Berlin die Euroleague-Saison mit einem Heimspiel gegen Roter Stern Belgrad – mit mehr Siegen als im Vorjahr, vermutlich aber erneut auf Platz 16. Wie sieht Ihr Fazit aus?
Ich schaue trotz aller Widrigkeiten mit einer gewissen Freude, aber auch mit gemischten Gefühlen auf diese Euroleague-Saison. Das weinende Auge bezieht sich auf die fehlenden Fans, Begegnungen und die schmerzlich vermissten Gemeinschaftserlebnisse. Man muss schon festhalten, dass vieles komplett neu war – natürlich nicht nur für uns. Aber bei den Mannschaften, die wie wir in Quarantäne mussten, war der Spielplan noch enger getaktet.

Zudem ist das Reisen pandemiebedingt deutlich mühsamer und die fehlenden Erholungszeiten steigern das Verletzungsrisiko. Wir hatten nicht ein einziges Spiel in Vollbesetzung und mussten phasenweise extrem improvisieren. Dennoch haben wir einen Schritt nach vorne gemacht, guten Basketball gespielt und sind mit den besten Teams des Kontinents auf Augenhöhe. Wir haben elf Spiele gewonnen und zwölf Mal mit acht Punkten oder weniger verloren, davon sieben Mal nur mit fünf Punkten oder weniger.

Sehen Sie die vielen knappen Niederlagen eher positiv oder negativ?
Ich möchte mich jetzt nicht in Erbsenzählerei verlieren, aber es zeigt, dass uns durch den extremen Spielplan und durch dieses verletzungs- wie krankheitsbedingte Kommen und Gehen ein solider Teamaufbau und Energie gefehlt haben, um noch weiter nach vorne zu kommen. Und erfahrungsbedingt auch eine gewisse Kaltschnäuzigkeit. Wir sind ein junges Team, was sehr über Geschlossenheit kommt.

Wir haben keinen Superstar wie ZSKA Moskau mit Mike James. Der ist jetzt endgültig suspendiert, diese Abhängigkeit kann also Fluch und Segen sein. Denn er hat ihnen halt auch viele enge Spiele in letzter Sekunde gewonnen.

In den kommenden zwei Spielzeiten ist Alba dank einer Wildcard für die Euroleague qualifiziert. Sie haben das als einen Schritt auf dem Weg „in die europäische Spitze“ bezeichnet. Wie weit sind Sie davon noch entfernt?
Wenn man Euroleague spielt, ist man schon in der europäischen Spitze. Und wir werden versuchen, ein Kandidat für die Play-offs zu werden und zwar nicht nur als Eintagsfliege. Und natürlich ist der Traum – und das würde ich schon sehr gerne noch erleben –, dass Alba Berlin ein berechtigter Anwärter auf das Final Four ist.

Ist das realistisch? Die meisten europäischen Topklubs haben durch Mäzene, Staatskonzerne oder Fußballabteilungen ganz andere finanzielle Möglichkeiten.
Ich glaube schon, dass man es schaffen kann. Ich schaue mir zum Beispiel gerne Kaunas an, die durch ihr Programm seit Jahren ein Anwärter auf die Play-offs sind und das mit einem Budget, das zwar noch über unserem liegt, aber himmelweit weg ist von den alimentierten Klubs.

Aber natürlich wissen wir, gegen wen wir da antreten. Barcelona macht in diesem Jahr allein mit der Basketballabteilung 29 Millionen Verlust. Und das geht seit vielen Jahren so. Damit werden wir uns nie messen. Deshalb kann es nicht unser Weg sein, acht Superstars zu verpflichten, um zu gewinnen als gäb’s kein Morgen. Wir beklagen uns aber keinesfalls. Ich liebe Euroleague-Basketball, auch weil Spieler wie Nikola Mirotic, Shane Larkin oder Nando De Colo mit entsprechenden Gehältern hier aktiv sind.

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Ob sich der Profisport in der absoluten Spitze jedoch in diese Richtung weiterentwickeln kann, wage ich zu bezweifeln. Wir werden unseren Weg weitergehen, kreativ und hartnäckig sein, das wird uns weit tragen.

Albas Geschäftsführer Marco Baldi schaut mit Freude, aber auch mit gemischten Gefühlen auf diese Euroleague-Saison. Foto: imago images/Hans-Martin Issler Vergrößern
Albas Geschäftsführer Marco Baldi schaut mit Freude, aber auch mit gemischten Gefühlen auf diese Euroleague-Saison. © imago images/Hans-Martin Issler

Bayern München hat sich vor einer Woche als erstes deutsches Team in diesem Euroleague-Modus für die Play-offs qualifiziert. Haben Sie sich darüber gefreut oder geht das nicht angesichts der großen Rivalität in den vergangenen Jahren?
Ich habe mich gefreut, dass sie es geschafft haben, und Marko Pesic gratuliert. In einer Topliga mit 34 Spielen ist es ausgeschlossen, dass man durch irgendwelche Zufälle in die Play-offs kommt. Sie haben über Jahre einen enormen Aufwand betrieben und viel investiert. Dass es bei der Bewertung dieses Erfolgs eine gewisse Überhöhung gibt, obwohl die Play-offs jetzt erst kommen, ist das eine. Die Qualifikation als solche ist eine superstarke Leistung und absolut anerkennungswürdig – auch wenn es die Bayern sind. (lacht)

Was bedeutet dieser Erfolg für den deutschen Basketball?
Ich bin kein Freund von diesen künstlich produzierten Boom-Erwartungen. 1993 ist Deutschland völlig überraschend Europameister geworden, wir haben 1995 den Korac-Cup gewonnen, Nowitzki wurde in der NBA MVP und Meister, da kann ich 20 weitere Beispiele nennen – der jeweils ausgerufene Boom ist nie gekommen. Es wurde aber kontinuierlich an Fortschritten und Steigerungen gearbeitet.

Dass mit Bayern München jetzt ein deutsches Team eine realistische Chance auf das Final Four hat, was ja in Deutschland stattfinden wird, ist ein Zeugnis dessen, was sich über viele Jahre entwickelt hat. Es ist ja nicht so, dass Bayern München den deutschen Basketball revolutioniert hat, sondern eher andersherum. Basketball als globale Sportart hat sich über die Jahre so entwickelt, dass ein unternehmerisch agierender Mensch wie Uli Hoeneß das Potenzial erkannt hat und eingestiegen ist.

Wenn so ein Kraftwerk wie Bayern München im Basketball ernst macht, ist das auch ein nächster Schritt in dieser Entwicklung, kein Quantensprung, aber ein guter Schritt.

Die Dreifachbelastung aus Euroleague, BBL und Pokal ist enorm. Alba wird in dieser Saison vermutlich auf mehr als 80 Spiele kommen – und das innerhalb von neun Monaten. Halten Sie das mit Blick auf die Gesundheit der Spieler für vertretbar?
Wenn man die Sondereffekte durch die Pandemie rausrechnet, kann man das mit einer guten Spielplangestaltung und einem breiten Kader bewältigen. Wir sind aber an einer Grenze angelangt, da muss man wirklich aufpassen. Das höchste Gut des europäischen Basketballs und der Markenkern der Euroleague ist es, dass in jedem Spiel alles sportliche getan wird, um zu gewinnen, dass es immer spannend ist. Wenn wir das bewahren und keine schlechtere NBA werden wollen, wo alles schillert, das Ergebnis aber eher zweitrangig ist, geht nicht mehr.

Aktuell sind bei Alba Berlin alle Spieler bis auf Maodo Lo fit. Foto: imago images/Andreas Gora Vergrößern
Aktuell sind bei Alba Berlin alle Spieler bis auf Maodo Lo fit. © imago images/Andreas Gora

Ohne die Euroleague-Spiele wird die Belastung nun deutlich geringer und es gibt endlich mehr Zeit zum Trainieren. Beginnt für Alba so etwas wie eine neue Saison in der Saison?
Ich mag dieses Bild eigentlich nicht so, denn eine Saison baut sich auf. Aber aktuell kann man es schon so sehen. Wir hatten bislang zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit, wirklich zu trainieren. Aktuell sind bis auf Maodo Lo alle fit, mit Christ Koumadje haben wir eine neue Facette in unser Spiel gebracht. Jetzt müssen wir daran arbeiten, alle Optionen positiv zu verbinden und einzusetzen. Das ist zu diesem Zeitpunkt eine Operation am offenen Herzen. Am übernächsten Wochenende spielen wir das Top Four um den deutschen Pokal, da geht es nicht darum, irgendwas auszuprobieren.

Genauso in der Liga: Wenn man sich die Tabelle anschaut, darf man sich keine Ausrutscher erlauben. Das wird ein schwieriger Spagat und dabei darf man auch die Atmosphäre innerhalb der Mannschaft nicht aus den Augen lassen. Der Teamgeist hat uns bisher getragen und den muss man hegen und pflegen.

Glauben Sie in dieser Saison an normale Play-offs oder wird wieder eine abgeschirmte Blase wie im vergangenen Jahr nötig sein?
Das diskutieren wir aktuell in der Liga und haben verschiedene Szenarien ausgearbeitet, darunter auch die Bubble. Was dann konkret umgesetzt wird und in welchem Modus, wird die Liga in den nächsten zwei bis drei Wochen entscheiden.

Ist der Titelkampf in der Bundesliga durch die vielen Unwägbarkeiten in dieser Saison offener als sonst?
Ich glaube, er ist sehr offen – auch ganz abgesehen von den besonderen Umständen. Hamburg hat gerade gegen uns und gegen Bayern gewonnen. Oldenburg spielt alles in Grund und Boden. Und Ludwigsburg ist souveräner Tabellenführer. Man darf nicht unterschätzen, wie sehr es eine Mannschaft stabilisiert, wenn sie in einer Saison ein Spiel nach dem anderen gewinnt.

Die wichtigste Phase dieser Saison kommt zwar erst noch, aber wie weit sind Sie mit den Planungen für die kommende Spielzeit?
Was die personellen Entscheidungen angeht, liegt das sehr wesentlich in Himars Hand (Albas Sportdirektor Himar Ojeda, Anm. d. Red.). Aber Recruiting ist eigentlich eine Ganzjahresaktivität. Dafür ist sehr hilfreich, dass wir wissen, dass wir nächstes Jahr Euroleague spielen. Ich bin gespannt, wie sich der Markt entwickeln wird. Natürlich geht die Pandemie nicht spurlos an den Klubs vorüber. Ohne Zuschauer sind für die Vereine zwischen 30 und 50 Prozent der Einnahmen nicht erzielbar und niemand kann voraussagen, wie es nächste Saison aussehen wird.

Diese Saison gab es Hilfen vom Senat und vom Bund und eine gewisse Improvisationsfreude. Aber wenn man das nächste Jahr plant, merkt man schon, wie schwierig es ist, dabei halbwegs konkret zu werden. Wir wissen ungefähr, wie wir uns bewegen wollen. Und dass wir vor riesigen Herausforderungen stehen.

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